Gemeinsam mit Sängern wie Tristan Brusch und Berq gehört Betterov zur Riege des neuen deutschen Indie, der Alltagssituationen in tiefgreifende Grandezza tunkt. „Große Kunst“ ist das zweite Album von Manuel Bittorf aka Betterov und findet ein prunkvolles Setting für die eigene Zerrissenheit.

Es passt, dass Bittorf sich in „Alles Nur Ein Film“ vorstellt, dass jede Szene des eigenen Lebens eigentlich Teil eines Blockbusters ist. Die großen Klaviermelodien, die vielen Streicher, die theatralischen Ausdrücke – ja, das hat durchaus Film-Potential. Dazu kommen eine Ouvertüre, drei Intermezzi und ein Epilog, die das Album zum ganzheitlichen Erlebnis machen.

Vor der cineastischen Größe der Instrumente erzählt Betterov auf seinem zweiten Album von der Diskrepanz zwischen der alten Heimat im thüringischen Hinterland und der neuen Heimat Berlin, von der Flucht seines Vaters vor der DDR-Grenzpolizei, von Konflikten, von Liebe, von sich selbst.

Auch wenn all das wie schon auf dem Erfolgsdebüt „Olympia“ in Timbre und Text oft eine gewisse Altersweisheit und Schwermut im Rucksack trägt, ist Betterov ein Meister der großen Melodien.

Umso beeindruckender ist, dass Tracks wie „Papa fuhr immer einen großen LKW“ – die so viel explizites Storytelling beinhalten und recht wenig Identifikationspotential (außer man hat selbst ein Elternteil mit LKW-Führerschein natürlich) – im Kopf bleiben und gleichzeitig Gänsehaut über den gesamten Körper schicken.

Es ist also alles nur konsequent auf diesem Album: Betterov ist ein großartiger Musiker, ein noch größerer Songwriter und der ganz eigene Sound noch immer unverbraucht.

Kluge Zeilen wie „Du magst Goethe, hier ist meine Faust“ über die Mobbing-Erfahrungen im Titeltrack „Große Kunst“ treffen in ihrer Pointiertheit direkt in die Bauchgrube.

Über das Aufwachsen in Gegenden, wo eben nicht alles Hochglanz und Hochkultur ist, zu sprechen und dabei Instrumente und Arrangements zu nutzen, die eigentlich genau nach Hochkultur duften, ist ein Teil von vielen, der Betterov als Konzept so ungemein interessant machen.

Dass Tracks wie „Sag Nicht Deinen Namen“ Dark Wave und „So High“ modernen Synth-Pop atmen, macht das Erlebnis noch vielseitiger und aufregender. Große Kunst, großes Kino.

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