Electric Callboy verwandelten Leipzig gestern mit Konfetti-Regen und hämmernde Bässen in eine Kathedrale des Tanzneides. Das Versprechen war einfach: „Everybody jump around / When the bass is hammering / Everybody’s getting down / To the boom boom sound.“
Was die Jungs aus Castrop-Rauxel am gestrigen Samstagabend in der restlos ausverkauften Quarterback Immobilien Arena lieferten, war die radikale Einlösung dieses Versprechens – eine zweieinhalb Stunden währende Eruption aus Metalcore, Techno-Eskapaden und jener seltenen Mischung aus Selbstironie und ehrlicher Dankbarkeit, die Electric Callboy aus zu einem der faszinierendsten Phänomene der deutschen Musiklandschaft macht.
Von der ersten Sekunde an, als die sechs Musiker mit „TANZNEID“ – der neuen Single und dem Motto der aktuellen Tour – die Bühne enterten, war klar: Dies würde kein gewöhnliches Konzert werden.
Die Arena bebte, nicht nur wegen der Pyrotechnik, die in regelmäßigen Abständen Flammenwände gen Decke schickte, sondern vor allem wegen der Energie, die von den rund 12.000 Besucher*innen ausging. Electric Callboy verstehen es meisterhaft, ihre Fans nicht nur zu unterhalten, sondern sie zu einem Teil der Show zu machen – zu Komplizen in einem kollektiven Akt der Eskalation.
Dabei schuf die Band aber auch immer wieder Momente des Innehaltens und Reflektierens, überwiegend vor allem, um Dankbarkeit für das zu äußern, was sie mit viel Liebe immer wieder auf die Bühne bringen: Musik, die mit Leidenschaft entsteht und die die Leidenschaft der Hörenden entfesselt.
Die Setlist las sich wie ein Best-Of der 15-jährigen Bandgeschichte, in der sich Electric Callboy auch immer verändert haben, angereichert mit Überraschungen. Das Cover von Sum 41s „Still Waiting“ ehrte den neuen Drummer Frank C. Zummo, der seit diesem Jahr die Sticks schwingt und dessen Bühnenerfahrung bei eben jener US-amerikanischen Band man in jedem Schlag spürte.
„Hypa Hypa“ und „Pump It“ ließen die Halle in einen einzigen Moshpit verwandeln, während die Medley-Sequenz aus „Monsieur Moustache“, „Muffin Purper-Gurk“, „We Are The Mess“ und „Crystals“ – begleitet von den jeweiligen Albumcovern auf den Screens und gefolgt von einem Schlagzeugsolo von Zummo – nostalgische Glückseligkeit bei den Langzeitfans auslöste.
Doch Electric Callboy wären nicht Electric Callboy, würden sie sich auf pure Eskalation beschränken. Die wohl berührendsten Momente des Abends ereigneten sich, als Frontmann Nico Sallach und Keyboarder Kevin Ratajczak, mit nichts anderem außer Gitarre und Piano bewaffnet, mitten in die Menge stiegen:
„Fuckboi“ vom 2022er Album „TEKKNO“ und das Cover von Cascadas „Everytime We Touch“ wurden zu akustischen Andachtsmomenten, in denen tausende Handylichter den Saal in ein sanftes Meer aus Sternen verwandelten. Die Band nutzte diese Pausen immer wieder, um Dankbarkeit auszudrücken – an die Vorbands Wargasm und Bury Tomorrow, an die Crew, vor allem aber an jene, die diese Karriere überhaupt erst möglich gemacht haben: die Fans.
Ein besonderes Highlight war das kurze Set von Electric Bassboy, dem DJ-Nebenprojekt von Electric Callboy, in dem die Band die Arena mit einem Mash-Up aus „Hurrikan“, „Overkill“, „All The Small Things“ und „Bodies“ kurzerhand in einen Technoclub verwandelte.
Die Zugaben – „Ratatata“, „Spaceman“ und das finale „We Got The Moves“ – waren dann noch einmal der finale Beweis:
Electric Callboy sind zu Recht Headliner der größten Festivals wie dem Highfield oder Rock am Ring und trotzdem authentisch geblieben. Konfetti, Pyro, wechselnde Outfits und hämmernde Bässe mögen die äußeren Zutaten sein, aber was den Kern ausmacht, ist die genuine Liebe zur Musik und zu den Menschen, die sie hören wollen.
Als die letzten Konfetti-Fetzen zu Boden schwebten und die Besucher*innen erfüllt die Halle verließen, blieb ein Gefühl zurück, das sich am besten mit Freiheit beschreiben lässt. Freiheit, sich treiben zu lassen. Freiheit, die eigene Leidenschaft zu leben.






