„Aber hier leben, nein danke“ – Europäische Kulturhauptstadt hin oder her: angesichts ihres Imageproblems im Schatten der nahen Metropolen Leipzig oder Dresden kommt der Tocotronic-Gassenhauer im Zusammenhang mit Chemnitz nur zu leicht über die Lippen.

Kraftklub hingegen werden bleiben und „Sterben In Karl-Marx-Stadt“. Sie werden im morbiden Charme der Stadt ihren Weg bis ans Ende gehen, hier wie Marlboro-Männer die ungesunde Tristesse aus Taubenschiss und Neonlicht inhalieren und weil jeder „Kippenautomat“ nach ihnen schreit, sich die Option der Reaktivierung des Rauchens nach dem Ende von allem offen lassen.

Bis dahin ist noch ein Stück zu gehen, der Titel der Vorab-Single „Schief In Jedem Chor“ wie auch der des neuen Albums klingt nach Ansage und Manifest zugleich.

„Halts Maul Und Spiel“ ist nach wie vor nicht das Kraftklub-Motto der Stunde; es war und ist stets die Kombination aus der authentischen Kraft von Felix Kummers Worten und der Musik, mit dem das Quintett ihren Indie-Pop-Rock über die Jahre zum Exportschlager machte.

In einer thematischen Gemengelage zwischen Liebe und Tod düstern die Synthis dato öfter dysphorisch durch den Hintergrund, verortet sich die Grenze von Ironie, Melancholie und Realität in einer Grauzone jenseits von Resignation, explodieren Emotionen in Refrains, transportiert das Quintett mit ureigener Kraftklub-Dynamik Trotz, Widerstand und Zuversicht.

All ihre unverwechselbaren Tugenden passen in einen 35-minütigen Brückenschlag von „Mit K“ bis heute, fassen die 12 Nummern melodiöse Keyboardthemen, packende Hooks, Drumwirbel und einen grummeligen Post-Punk-Bass im gewohnt knackigen Format zusammen, uneingeschränkt geeignet, um bei Konzerten für Randale im Saal zu sorgen, bis die Feuerwehr kommt.

Dass sich Kraftklub-Texte selbst und generell kritisch hinterfragen, bleibt selbstverständlich, dürfte via „So Rechts“ der Werdegang von manch juveniler Rebellion dokumentiert sein.

Mit anderen Mitteln und ähnlichem Ergebnis sind auch Deichkind unterwegs, dass es per „Zeit Aus Dem Fenster“ gemeinsam funktioniert, ist wenig überraschend, Porky-Philosophie inklusive.

Nachdem es mit Domiziana schon from dusk till dawn durch die Nacht ging, waren neben den Hamburger Party-Anarchisten weitere Gäste im Studio, Kraftklub „Fallen In Liebe“ mit Überfliegerin Nina Chuba, und der immer herz-blutende Faber gibt der Platte „All Die Schönen Worte“ mit auf den Weg; dürften die eine oder der andere bei den anstehenden Konzerten neben den Protagonisten auf der Bühne auftauchen.

Selbst Kraftklub werden nicht „Unsterblich Sein“ aber sicher nicht die letzten, die in Karl-Marx-Stadt das Licht ausmachen. Unter anderem mit Blond und Power Plush hat sich eine Szene formiert, die für Ressentiment-Träger*innen vor Ort ein herzliches „Fickt euch alle“ übrig haben.

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