Der Titel – scheinbar eine Kombination aus „Champagne“ und „Pain“ – ist zwar nicht gerade die Krone der Wortschöpfung, drückt aber die Umstände um die Entstehung des Albums gut aus: 2023 wurde bei Frontmann Jente Pironet ein Gehirntumor festgestellt. Portland suchen nun die Unbeschwertheit in diesem Schmerz.

Nach der erzwungenen Schaffenspause geht es bei Pironet langsam wieder bergauf. Auftritte sind wieder möglich, Songs zu schreiben und zu produzieren sowieso. Aber gibt es eine Grenze, ab der man sich wieder sorglos ins Vergnügen stürzen kann? Diese schwere Zeit des Lebens hinter sich lassen kann?

„Champain“ nimmt sich genau dieser Fragen an, ohne sie allzu eindeutig zu beantworten. Vielleicht wäre das auch gar nicht möglich, oder notwendig. Vielleicht können Unbeschwertheit und Schmerz in gleichen Teilen existieren.

In der Musik der mittlerweile zum Quintett angewachsenen Band spiegelt sich die Vielzahl der Zwiespalte direkt wider: Mal klingen die Belgier nach Eisschlecken und Roadtrips mit Freunden und direkt darauf nach einsamer Songwriting-Session im abgedunkelten Zimmer.

Die persönliche Qual in „Champain“ läuft jedoch auch stetig Gefahr, in minimal spannender Indie-Rock-Gefälligkeit unterzugehen. Ohne die Hintergrundinformationen bleibt das Gewicht einiger Songs eher am Rand erkennbar oder gänzlich verborgen.

So verhandeln die stärksten Songs des Albums ihre Melancholie am unverschämtesten. „Aurora“ tröpfelt hoffnungsvolle Melodiefragmente über eine schwer absackende Klavierbegleitung. Außer einer dezenten Gitarre kommt der Kombination aus Gesang und Piano nichts in die Quere.

„Lullabies“ baut mit verhallten Gitarren und vielstimmigen Gesangsparts Potenziale zur Indie-Hymne auf. Der Ball wird dann jedoch gerade noch flach genug gehalten, um nicht vom emotionalen Gehalt abzulenken.

Spätestens mit „Point Of View“ fährt dann jede Kritik gegen eine Wand. Zeilen wie „I just want to explore / everything that makes me feel alive“ lassen einen all die seichten Momente des Albums vergessen.

„Champain“ ist ein Zeugnis der Heilung, mit allen Schwächen und Unsicherheiten, die nunmal dazugehören. Jeder Mensch heilt anders, und wenn dies das Ende des Leidenswegs für Pironet bedeutet, dann ist das einfach großartig.

Unter anderen Umständen wäre es wohl ein schwächeres Album geworden. Aber all das erscheint nicht mehr wichtig – denn für Portland stehen Unbeschwertheit und Schmerz nicht mehr im Widerspruch.

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