Ritterschlag für den Indie-Nachwuchs: Frau Lehmann aus Leipzig eröffneten auf der dortigen Parkbühne im vergangenen Sommer für Tocotronic den Abend und wussten im Vorprogramm der Alternativ-Institution nicht nur für den Moment auf sich aufmerksam zu machen.

Höchste Zeit also für das Debütalbum „Trost & Trotz“, auf dem das Quartett ihren Undergroundhit „Die Alte Leier“ in neuem Licht präsentiert und 11 weitere Songs dazupackt, die sich durch unverbrauchte musikalische Diversität und Texte über ein Lebensgefühl, das einer signifikanten Kohorte ihrer Generation aus der Seele sprechen dürfte, auszeichnen.

Dass die Band dabei „Ein Fuß Im Grab“ hat, lässt sich auf der Platte jedenfalls nicht evaluieren, mit den übrigen sieben sind Frontfrau Fiona Lehmann und ihre drei Mitmusiker Toni Günther, Philipp Orlowski und Felix Kothe trittsicher auf Tour durch die Alternativ-Sub-Genre-Landschaft, haben der Opener und die restlichen Beiträge weit mehr im Portfolio, als Referenzen an den Lo-Fi Pionier Beck Hansen.

Satte Saiten machen aus dem Einsteiger einen amtlichen Shoegazer, seufzt die Mundharmonika zum folk-pop-affinen „Systemsprenger:innen“, tauchen Streicher so unvermittelt im punk-rockigen Ungleichbehandlungsgrundsatz von „DLF Kultur Will Das Wir Brennen“ auf, wie die Ratsche in der Flüssigkeitshaushalts-Dysbalance-Ballade „Ausgetrocknet“, verpassen flimmernde Gitarren den Noire-Chanson „Testament“ Morricone-Aura, bevor sich hier das Instrumentarium im Finale noch einmal aufbäumt.

Die ungeschminkte Fiona-Lehmann-Poesie trifft den lakonischen Unterton, mit denen früher die Lassie Singers und später Isolation Berlin unterwegs waren.

„Der durstige Wille, Geschichte zu schreiben“ der sie umtreibt, erzählt vom Dagegensein, vom süßen Rausch der Schwermut und lässt keine Zweifel am unbedingten Willen, ein gelingendes Leben jenseits von Systemrelevanz und Selbstoptimierung zu führen.

„Beinahe wäre ich mir selbst knapp entkommen“ singt sie in „Melancholia“ – „Wie ich Mir Selbst Entkam“ Dirk von Lowtzow auf dem letzten Album, womit sich der Sinnkreis zu Tocotronic – mit denen Frau Lehmann gerade erst zwei Shows spielten – schließt.

Nicht erst „Wenn Es Abends Dämmert“ können sich alle, die Trost im Trotz suchen, von Frau Lehmann weit übers „Berliner Pflaster“ hinaus treiben lassen.

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