„Why Do Men Sing ?“. Diese Frage des Album-Openers stellt sich nicht nur der amerikanische Singer/Songwriter Bill Callahan auf seinem neuen Longplayer „My Days Of 58“. Er ist es jedoch, der der Beantwortung der Frage wohl am nächsten kommt.
Der ehemals unter dem Pseudonym Smog bekannte Musiker, hat die alten Vierspurrekorderzeiten hinter sich gelassen, verschreibt sich aber auch auf seinem achten Album „My Days Of 58“ den Lo-Fi-Klängen und seiner wärmenden Baritonerzählstimme.
Titel wie der eingangs erwähnte oder „The Man I’m Supposed To Be“, leben allerdings auch von seiner Backgroundband aus Piano, Bläsern und dem Verständnis dafür, kurz vor dem Countrygenre den Haken in Richtung Folk zu schlagen. Besonders „Why Do Men Sing ?“ überzeugt mit seinem Bluesschmelz, der aus den Gitarren tropft.
Selbstreflektierend sinniert Callahan „I saw the demon inside me“, wenn sich „The Man I’m Supposed To Be“ in seiner Percussion langsam entwickelt und auch Callahans Selbstkritik hellere Momente erlebt.
Eine ausgewachsene Midlife-Crisis drillt sich durch sein ständig überdenkendes Gehirn und konfrontiert uns mit dem Prozess des Alterns und des vermeintlichen Scheiterns am eigenen Anspruch.
Wer jetzt schon das Bedürfnis hat, lieber tanzen zu gehen, sollte sich „My Days Of 58“ lieber für die stillen Momente im heimischen Wohnzimmer aufsparen.
Callahans ausgeprägter Rückblick auf sein Leben paart sich mit einem entspannten Storytelling auf „Pathol O.G.“, beobachtet das Wetter auf „Stepping Out For Air“ und genießt die aufblühende Bläsersektion, wenn er nach der Schönheit im grauen Wolkenvorhang sucht, die spät aber doch – einem folkigen Rhythmus folgend – die Sonne wiederfindet.
Es ist wohl die Stärke von Callahan oder eventuell auch nur Altersmilde, die ihn stets von der Dunkelheit ins Licht treten lässt. So beschreitet er motiviert die Straßen der „Lonely City“ und klopft mit dem stärksten Refrain des Albums den Soul aus seiner Stimme.
Wie die erste Tasse Kaffee am Morgen, die Sonnenstrahlen, die sich am Morgen wärmend aufs Land legen oder der einsame Mensch, der man in der Gesellschaft, aber nicht im Leben ist, will uns dieser Song ein guter und steter Freund sein.
Dafür braucht es auch keine akustische „Empathy“, denn der Titel pendelt zwischen Schönheit und Empathie, Tochter und Sohn, Bläsersektion und Erzählstimme hin und her. Da könnten schon die ein oder anderen Augen zufallen.
In derselben Stimmung schwoft „West Texas“ weiter. Es handelt sich hier jedoch um keinen Reisebericht, eher um Callahans Beobachtungen zur Einsamkeit. Ob sich diese in West Texas besonders schnell einstellt, mag dahingestellt sein. Der geigenverhangene Indie-Folk, dessen Saiten am Blues zupfen, entwickelt sich jedoch (zu) spät zu einer Akustikmelange.
Die Zeiten von wahrer Kommunikation in unserer Gesellschaft wünscht sich „Computer“ zurück, ein minimalistisch flötendes, fiedelndes, spratzelndes Percussionwerk, das mit Kritik nicht spart. „free speech is almost gone“ stellt Callahan fest und rüttelt an uns, wenn er in dem Song die Frage stellt, „are you human?“, bevor er sich über Autotune echauffiert und mit den berühmten letzten Worten „just because something is, doesn’t mean it should be“ den Song beschließt.
Zum Abreagieren scheint Callahan den „Lake Winnebago“ aufzusuchen. Direkt heiter gelaunt, schleichen sich Countryklänge ein, der zweistimmige Refrain pfeift mit dem Wind durch die Bäume und irgendwie findet man sich selbst am Ufer des Sees wieder, gedankenverloren in die Weite schauend.
Ebenso uramerkanisch frei fühlt sich „Highway Born“ an. „with the pedal down, am I ever gonna settle down ?“ ist der Lebensinhalt dieser schäkernden Country-Hymne.
So verwundert auch der Kniefall nicht, den „And Dream Land“ macht. Sympathisch als Coming-of-Age-Geschichte und geradezu beschwingt instrumentiert, spielt der Titel sowohl mit der Dynamik der Rhythmik auch als mit der von Paarbeziehungen und dem Vorbeiziehen der Tage, Wochen, Monate und Jahre.
Bis „The World Is Still“ das letzte ist, was man wahrnimmt in dem abschließenden Titel auf „My Days Of 58“. Die Ästhetik von Lo-Fi übernimmt die akustische Begleitung, wenn Callahans meditativ tiefe Stimme zum Verweilen einlädt.
So schafft es Bill Callahan tatsächlich, eine Antwort darauf zu finden, warum Männer singen. Seine Lebensbetrachtungen, tiefschürfenden Gedankenkreisel und verwurzelten Heimatgefühle finden immer wieder einen gemeinsamen Nenner – die Liebe zum Leben und den Menschen, die ihn durch dieses begleiten.
„My Days Of 58“ kann tief berühren, aus der Seele sprechen und Trost spenden. Dafür braucht es kein Autotune.
