Während Punk wild und dreckig explodierte, verpackten ihn die Buzzcocks seit ihrer Gründung 1976 in Manchester in eingängige Gestaltungs-Elemente. Gitarren-Sequenzen des Power-Pop wie auch harmonische Schlüsselzeilen sorgten für eine so starke Reihe an Songs, dass ihre „Singles Going Steady“ in vielen Bestenlisten unverzichtbarer Alben der Musikgeschichte auftauchen – dabei handelt es sich doch um eine Compilation.
50 Jahre nach der Gründung liegt nun das 11. Longplay-Werk der Pop-Punk- und Post-Punk-Pioniere vor, „Attitude Adjustment“. Immer wieder erzeugt es alte Strahlkraft, etwa wenn sich in „Tear Of A Golden Girl“ die Eingängigkeit inmitten der rauen Töne durchsetzt.
Die Mancunians ranken sich um ihr einziges verbliebenes Gründungsmitglied Steve Diggle, der ab dem dritten Album ein Drittel der Songs schrieb und seit dem Tod des einstigen Frontmanns Pete Shelley (2018) nun alle Lieder schreibt.
Das 2022 erschienene Album „Sonics In The Soul“ ließ nicht erahnen, dass es sich bei den Buzzcocks wirklich um die ehemalige Vorband der Sex Pistols handelte, so geruhsam und teils langweilig wirkten die Stücke. Der neue Nachfolger „Attitude Adjustment“ hat nun mehr Biss und markiert das Zupacken bereits ab den ersten Takten.
Lead-Gitarrist Diggle ist mittlerweile so sehr in der neuen Ära der Band angekommen, dass er sich neben dem Gesang nun auch die Keyboards angeeignet hat. Sein Versuch, die Songs vorzutragen, bleibt ein guter Versuch, entwickelt sich aber mangels Ausdruckskraft, Talent und Technik nicht über den festen Willen hinaus.
Zudem erschöpfen sich auch dieses Mal die Texte in Andeutungen und Wiederholungen und stellen recht zweckmäßiges Material für die Gitarren-Riffs dar. Diese machen die eigentliche Würze aus, selbst wenn es sich um einzelne punktuelle Härten und Verzerrungen handelt, die jeweils nur ein paar Sekunden dauern.
An Themen fallen Habgier, Krieg, Suizid, Scheitern, Verblendung und Träume von besseren Chancen auf. Vieles bleibt aber auch im Verborgenen und ist nicht wirklich ausformuliert.
Der spannend aufgezogene Tune „Heavy Streets“ inszeniert als Ausgangslage den Verlust des Smartphones und daraus resultierende Selbsterkenntnis. Rundherum kracht und knirscht es so arg, dass die Buzzcocks die Vorstufe von Noise-Punk und Industrial erreichen.
Im Gegensatz dazu zeigen sich viele Songs jedoch von einer (unnötig) abgeschliffenen, geglätteten Seite. Sie punkten zwar mit Gefälligkeit, könnten aber noch mehr aufs Ganze gehen. Trotzdem beeindruckt das Album, angesichts lässig herunter gespielter, zugleich druckvoller Nummern.
So darf man sich freuen, dass die Buzzcocks ihre bewegten Zeiten immer wieder fortsetzen. Mit der Ballade „All Gone To War“ oder dem nachdenklichen „Jesus At The Wheel“ finden sich hier sogar neue Klassiker für die nächsten 50 Jahre.
