Das Leben zu leben, als wäre es aus Gold, wertvoll, das nahm sich die Singer/Songwriterin Jill Scott in einem ihrer frühen Songs vor, im Klassiker „Golden“. Insbesondere ihre Freiheit befand sie für so schützenswert, dass sie diese immer bei sich haben, zuhause aus dem Regal ziehen und im Auto mitnehmen wolle.
Die Neo-Soulerin mag solche prägnanten, gleichwohl schiefen Bilder in ihrer Sprache, zum Beispiel von Liebe, die auf sie hernieder regnet, und sie mag Wortspiele, die früher zu Liedtiteln wie „Womanifesto“ oder „Jahraymecofasola“ führten. „To Whom This May Concern“, also „an alle, die das betrifft“, heißt relativ trocken ihr sechstes Studio-Album in einer Spanne von 26 Jahren.
Dieses Mal ist kein Auto auf dem Cover, wie früher mal der Fall, auch nicht dasjenige, in dem ihre Freizeit spazieren fährt, aber diese hat sie sich bewahrt. Sie bleibt super independent, und mit dieser Strategie hat sie bisher stets lange Alben veröffentlicht – darin bleibt sie sich treu.
Es war radikal, ihre Karriere mit einer Trilogie zu eröffnen und im zweiten Karriere-Jahr ein mehr als zweistündiges Konzert-Album als Doppel-CD zu pressen. Die Hohepriesterin ihres Nischen-Genres blieb stets diejenige, die sich nie in ein Korsett der Industrie drängen ließ, und damit gelang es ihr auch, eine Aura des Unnahbaren um sich herum aufzubauen.
Die Knappheit, mit der jetzt Fotos an die Öffentlichkeit gehen, geschweige denn Informationen darüber, was sie die letzten zehn Jahre hindurch getrieben hat, nähren diesen Ruf als Sphinx. Ihr Comeback hat vielfachen Nachrichtenwert.
Zum einen ist „To Whom This May Concern“ eine phänomenal tolle Platte. Sie vereint mühelos Jills Witz, ihre Spiritualität, pointierte Einzel-Tracks und doch irgendwie den Eindruck eines durchlaufenden Mixtapes.
„To Whom This May Concern“ betrifft Retro-Soul-Fans, die nicht wollen, dass ihre Lieblingsmusik stehen bleibt, aber dass Meisterliches aus den 1970ern in geschmackvollen Samples und im Treffen der damaligen Stimmungen und Klangfarben gewürdigt wird.
Die Platte richtet sich zugleich an Boom-Bap-Sympathisierende und an Clubgänger*innen, die Chicago House der 1980er feiern. Kurzum, die Mischung macht’s.
Zum anderen wählt Scott einen bedeutsamen Zeitpunkt. Ihre Platte klingt uramerikanischer als irgend etwas sonst in diesen Tagen, wurzelt in den Tönen des Black Power Movement und verweist kontraststark auf ein anderes Amerika als das der Ära Trump II. Und ihrer Szene tut sie mit der Veröffentlichung in diesem Moment sicher einen großen Gefallen, schien der Neo-Soul doch auszusterben.
Denn vor ziemlich genau einem Jahr verunglückte die Genre-Pionierin Angie B. Stone, zugleich dienstälteste Rapperin des Planeten, nachts auf dem Rückweg von einem Gig tödlich mit ihrem Tour-Van. D’Angelo segnete das Zeitliche, ohne noch einmal Musik heraus zu bringen.
Lauryn Hill verzettelte sich in einem Rechtsstreit mit ihrem Ex-Kollegen Pras Michel, und ihre Sample-Quelle und Ikone Roberta Flack starb ebenso wie der allseits geachtete und gesampelte Roy Ayers. Jaguar Wright dient nur mehr als inoffizielle Kronzeugin, die gegen P Diddy in Talkshows aussagt.
Zusammen mit diesen Persönlichkeiten, mit Erykah Badu, Bilal, Common, Macy Gray, The Roots, Ursula Rucker und Raphael Saadiq bildete Jill Scott Anfang der 2000er das Herzstück der Neo-Soul-Welle. Jetzt mit einer so guten Platte nach so langer Funkstille zu überraschen, mag die Herzen von Freunden dieser Musiksorte heilen.
Einzelne Höhepunkte gibt es so viele hier, dass der ganze Longplayer ein einziges Highlight ist. Ob es der gemütliche Broadway-Swing „Pay U On Tuesday“ samt N*-Wort und „Motherfuck“ ist oder die gepflegt eingeflochtene Posaune Trombone Shortys aus New Orleans in „Be Great“ oder all die zarten Stücke aus dem Kern des Genres.
Als maximal geglückt erweisen sich die gerappten Abschnitte wie in „Norf Side“ mit Tierra Whack oder in „Ode To Nikki“ mit Ab-Soul. Aber auch alles, was nach Funk, Jazz, Ethno-Pop, Dance oder House klingt, erreicht vortreffliche Qualität.
Wenn man am Ende denkt, Jill Scott müsste ihr Pulver allmählich verschossen zu haben, legt sie mit dem anmutigen „Àṣẹ“ und dem sehr klassischen Seventies-Echo „Don’t Play“ voll inbrünstiger Gesangsleistung weitere Knaller hin.
„To Whom This May Concern“ ist ein Kandidat für die Alben des Jahres 2026.
