„Pale Bloom“, übersetzt in etwa „Blasse Blüte“, nennt sich das sechste Longplay-Werk von Lucy Kruger & The Lost Boys. Es ist der Nachfolger von „A Human Home„. Die internationale Gruppe beehrte uns am Standort Berlin-Neukölln, wo sie dunklen und zugleich transparenten, scharfkantigen und nachdenklichen Alternative-Rock von bezirzender Anmut aufnahm.

Die Front-Abbildung des Albumcovers zeigt einen nackten Rücken, einen Hinterkopf und nasse, wellige Haare. Man sieht zwei Hände, die die Rippenbögen umklammern. Diese karge Abbildung lädt zu einer Liedersammlung, die sich doch vergleichsweise zugewandter zeigt als ihre Verpackung und keineswegs den Rücken zukehrt.

Das Sextett verarbeitet Ängste, Gefühle des Scheiterns, Selbstzweifel und innere Konflikte des autobiographischen, lyrischen Ich’s im Gewand dystopischer E-Gitarren-Riffs. Diese fallen mangels Punk-Wurzeln und dank Lucys zarter Stimme nur mehr am Rande ins Segment Grunge, verzichten auch auf die Abstraktion von Industrial, sondern lassen sich laut Label treffender als ‚Tender-Noise‘ beschreiben.

Ob Grunge, Industrial oder nicht, eine den frühen 1990er Jahren abgelauschte Tristesse setzt die Band als Kulisse für die phasenweise reichlich dissonant abbiegenden Momente des Albums – etwa in „Reaching“.

Was relativ viel über diese Platte und ihre Düsternis aussagt, ist die bitterböse Frage in „Ghosts“, wie es wäre, im Sommer einen Abstecher nach Island zu machen, um dort jeden Tag eine Stunde lang winterliche Dämonen auszutreiben.

Mitunter zeigen sich die ‚Verlorenen Jungs‘ so betont langsam, so abgebremst, dass man Slowcore dazu sagen kann. „Woolf“ setzt sich als pumpende und quietschende Synth-Rock-Ballade ab und vereint die Welten von Elektronik und Klassik.

Hier scheint die Bratsche von ‚Lost Boy‘ (eigentlich Girl) Jean-Louise Parker durch. Auch bei „Damp“ hört man sie im verzerrt wabernden Echo des elektrischen Basses gut heraus.

Subtiler ist sie fast überall in den Tracks präsent, was den Stücken einen eigentümlich knarzigen Klang, aber auch barockhafte Altertümlichkeit verleiht. Das kammermusikalische „Anchor“ verwebt zarten Folk mit atemlosen Art-Rock-Sequenzen.

An der elektronischen Front funken in „Ambient Heat“ Stör-Interferenzen dazwischen und mischen sich in den Widerstreit zwischen verzücktem Gesang und kaskadenhaft gesprochenen Wörtern, die Lucy wie in einem Rausch abzusondern scheint.

„Pale Bloom“ ist ein anspruchsvoller Song-Zyklus voller exzellenter Dramaturgien, zeitlos, insbesondere aus unserer Zeit gefallen. Die Stücke versperren sich einer schnellen Einordnung und gehen ordentlich in die Tiefe.

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