Arbeitnehmer*innen der Generation Z suchen mehrheitlich Selbstwirksamkeit und Entfaltung in ihren Jobs. Flea, typischer Boomer, folgt ihnen jetzt in dieser Haltung.
Für ihn ist das so: Spielt man in einer weltweit seit Jahrzehnten höchst erfolgreichen Band wie den Red Hot Chili Peppers, schaut das manchmal so ähnlich wie in einem multinationalen Großkonzern aus. Es gibt klare Erwartungen des Publikums bezüglich Hits, die in einem Set aufzutauchen haben, und für Experimente und Innovation bleibt kaum Raum.
Die Red Hot Chili Peppers mögen im Herzen zwar Funk-Punks sein, sind aber längst in dieser unternehmerischen Schleife gefesselt. Ihr Bassist schert nun nach dem Motto „Lebe deinen Traum, statt dein Leben zu träumen“ aus.
Mit „Honora“ legt Flea eine unerwartete Mischung aus Industrial-Noise-Momenten und Plüsch-Jazz im Mittelfeld zwischen lieblichen Strukturen und Free-Jazz-Strukturlosigkeit vor. Stellenweise wähnt man sich bei den ein- bis zehnminütigen Stücken, als wohne man einer Aufführung von Impro-Theater bei.
Einiges sind neue Kompositionen von ihm, einiges Coverversionen. Der 1930er-Jahre-Swing „Willow Weep For Me“ lässt Drone-Töne des tieferen Spektrums gegen zarte Bläsersätze brummen.
„Maggot Brain“, ein monumentales Stück Progressive-Psychedelic von George Clintons Band Funkadelic, erscheint deutlich gezähmt. Nur die Worte („mother earth is pregnant for the third time“) geben klaren Aufschluss darüber, mit welchem Stück man es zu tun hat.
Überhaupt kleidet Flea den Mittelteil seines Albums in abgeschmirgelten Lounge-Sound ein. Auch „Frailed“ und „Morning Cry“ versinken in windelweichen Grundierungen. Damit raubt er seiner Kernkompetenz im Groove der Bässe die Durchschlagskraft.
Allerdings verfolgte er von vornherein ein anderes Ziel: Er wollte sich selbst beweisen, dass er Trompete spielen kann. Mit über 60 kam er zu dem Schluss, dass er jede freie Minute diszipliniert zum Üben nutzen müsse und gab einem Kindheitstraum nach.
Im elterlichen Wohnzimmer habe er es geschätzt, gemeinsam Bebop zu spielen, dabei aufeinander zu hören. „Die Wildheit, die Wärme und das Wir“ hätten ihn daran fasziniert. Der Jazz-Karriere kam mit 16 Jahren das Angebot dazwischen, Rock-Luft zu schnuppern – Flea blieb darin kleben.
Zwei Stunden übte er täglich Trompete während der letzten großen Peppers-Tournee. Nun bringt er sie zum Einsatz, und man kann das sogar demnächst live auf Tour sehen. In diesem Kontext wird seine Herangehensweise wohl besser passen als auf Platte.
„Honora“ lässt ein wenig den Biss missen, der ja eigentlich in dieser Verjüngungskur liegt. Immerhin beweist Flea lebenslanges Lernen. Die ‚wirklichen‘ Jazzer, mit denen er touren wird und in deren Kreise sich weitere Blechbläser befinden, haben ihn in seiner Beharrlichkeit ermuntert. Anna Butterss zum Beispiel, renommierte Kontrabassistin, die sich in „A Plea“ bereits im Intro mit ihm duelliert: Jazz-Kontrabass versus Funk-E-Bass.
Bei diesem Song zuzuhören ist eine Wohltat, und der ernste Text mehr als nur ein Wortspiel von „plea“ und Flea. Schauspieler Chris Warren referiert als Gast über die Gewaltspiralen eines Bürgerkriegs, über Konzentrationslager und den Bedarf an Zivilcourage.
Jenseits dieses kathartischen Stücks und des gelungenen, hart konturierten und marschartigen Rausschmeißers „Free As I Want To Be“ findet sich viel Gesäusel und Geplänkel. Das Reizvolle daran ist die Liste an Prominenz:
Nick Cave stimmt mit ein. Jeff Parker von Tortoise fügt Gitarren-Riffs hinzu. Mauro Refosco, mit dem Flea bereits die Supergroup Atoms For Peace bestritt, trommelt. Thom Yorke war schon im Vorab-Song „Traffic Lights“ zu hören.
In Summe ist „Honora“ eine Expedition – indes eher mit Kuschel- und Wellness-Charakter als ein Abenteuer-Trip.
