London beheimatet mit seiner Geschichte als Kommandozentrale einer weltweiten Seefahrermacht einen reichhaltigen Schatz an Einwanderungskultur. Während er teils aus asiatischen Ländern, von karibischen Inseln oder afrikanischen Regionen stammt, fließt einiges davon beim großen Ensemble Nubiyan Twist ein.
Benannt hat sich die Funk-Jazz-Formation nicht nach ihrem Gründer Tom Excell, sondern nach der einstigen Sängerin Nubiya Brandon. Inzwischen jagt an ihrer Stelle Eniola Idowu die Schatten.
„Chasing Shadows“ heißt das fünfte Album der englischen Combo, deren Musik Glitzer- und Glanz-Licht mit dunklen Seiten vermählt. Der ‚Twist‘ bei den Nubiern besteht in einem lebendigen, interessanten und quirligen Stil.
In Reinform zeigt sich dieser beim synkopierten Rhythmus-Spiel in „Mlonje Voices Joined“ feat. The Zawose Queens. Diese Königinnen bringen uns Musik aus Tansania nahe.
Die meisten der gegenwärtigen englischen Afro-Funk-Gruppen eint ein jazzakademischer Hintergrund, und die Mitglieder sind in mehreren Gruppen aktiv. Auch hier trifft das zu. So hat etwa Trompeter Jonathan Enser in Leeds einen Abschluss in Jazz-Komposition erworben.
Das Besondere an den Nubiyans ist jedoch, dass sie im Gegensatz zu vielen gleichartig sozialisierten Gruppen mehr die Liedform in den Vordergrund stellen und sich nicht im instrumentalen Handwerk erschöpfen. Damit ragen sie aus der Szene klar heraus.
Es treten einige Gaststimmen auf. Bootie Brown von den Westcoast-Legenden The Pharcyde adaptiert flexibel London-Rap, wie man diesen von Mike Skinner, Loyle Carner, Skepta oder Greentea Peng kennt. An Jonathans höchst präsenter Trompete arbeitet sich der stimmstarke Hip-Hop-Gast souverän ab.
Seit dem Afro-Funk mit Prägung des Nigerianers Fela Kuti gelten Posaune, Saxophon oder Trompete als jeweiliges Lead-Instrument und bis heute als Markenzeichen der Musik seiner stilistischen Erben. In London haben sich die Jazz-Instrumente sogar in den elektronischen Auswüchsen durchgesetzt. Als ziemlich typischer moderner Afro-Funk-Tune erweist sich „How Far“ feat. M.anifest.
Zu den weiteren Beteiligten gehören Joe Armon-Jones vom Ezra Collective an den Keyboards sowie Synth-Pionierin Patrice Rushen am Klavier. Sogar die Afro-Pop-Vorhut in Person, Fatoumata Diawara aus dem Staat Elfenbeinküste, nimmt teil, und das direkt im Titelsong. „Chasing Shadows“ ist ein fanfarenhafter Disco-Tune.
Dem Gesang und seinen skizzenhaften Texten kommt auf der Platte zwischen Percussion und Bläsern meist eine nachgeordnete Aufgabe zu. Vor allem an einer Stelle ist das deutlich anders, wenn Mr Williamz aus Londons Reggae- und Jungle-Szene für einen karibischen Anteil sorgt, mit Raggamuffin aufs Ganze geht und dabei auf die selbstbewusste Gegenstimme der Frontfrau trifft.
Dass es sich bei den Bachelor-Jazzern um gleichermaßen verkopfte wie auch recht körperliche Kunst handelt, belegt derweil „Body Flows“, ein leicht psychedelisch geformtes Stück, das besonderen Spaß macht. „Rhythm of the night, come take my body / come let the rhythm guide…“, heißt es hier.
Verschwommen, wie nach einer durchwachten Nacht kurz vorm Sonnenaufgang an einem Frühlingswochenende, fühlt sich dort die Atmosphäre an, und so passt es perfekt, dass das Album zum Frühlingsanfang erscheint.
