Die Angst vor Emotionen kann bei Seafret gar nicht so groß sein, wie der Albumtitel vermuten lässt: 11 Jahre nach ihrem größten Hit „Atlantis“ veröffentlicht das britische Duo mit „Fear Of Emotion“ ein Album, das sich in all seinen Facetten im Format-Radio anschmiegt.
Kurze Standaufnahme: Seafret spielen in Deutschland zwar nur in Venues im 1.000er Kapazitätsbereich, sind aber eigentlich eine richtig große Nummer. Schon 2015 spielte Maisie Williams (Arya Stark, Game Of Thrones) in ihrem Musikvideo mit, auf YouTube folgen der Band bis heute knapp 880.000 Menschen, die Streaming-Zahlen sind bis heute hoch.
Das erklärt, warum auf „Fear Of Emotion“ gleich zwei absolute Riesen-Features auftauchen: Das emotionale „Five More Seconds“ wird mit KT Tunstall eingespielt, zu „Driftwood“ leiht James Morisson seine einzigartige Stimme.
Schön für das Duo, aber musikalisch scheinen diese Lorbeeren (auf diesem Album) nicht völlig verdient. (Das dritte Feature ist die schottische Singer-Songwriterin Katie Gregson-MacLeod auf „Nobody Sees Us“).
Natürlich spielen Jack Sedman und Harry Draper eine stabile Folk-Pop-Mixtur, Sedmans Stimmfarbe passt so gut ins Genre wie das Holzfäller-Hemd und Bärte – aber alles andere ist auf diesem Album dann doch etwas sehr beliebig.
„River Of Tears“ traut sich das als Opener noch am meisten zu und steigert sich in leicht exzentrische Sound-Welten, die das große Finale eines romantischen Indie-Films begleiten könnten.
Ab dann wendet sich das Duo jedoch recht radikal vom Open-Mic-Folk-Ursprung ab und widmet sich unter anderem Radio-Pop à la Michael Schulte Das hat natürlich auch seine Hörer*innenschaft, ist handwerklich dann aber doch sehr unspektakulär.
„Signal Fire“ könnte sogar von Schulte selbst sein, so sehr wie es nah dessen „Back To The Start“ klingt.
Dann kommen noch eher unerwartete Side Quests dazu: „Cloud“ wird im Refrain etwas Synth-Wave, die Strophen versuchen sich mehr oder weniger lässig an Sprechgesang.
Dass „Guilty“ dann auch noch in eine Post-Malone-Gedächtnis-Melancholie driftet, kommt völlig aus dem Nichts. Trotzdem sind es diese Momente, die das Album am Ende besonders machen.
Textlich ist in den klassischeren Folk-Pop-Songs nämlich so gar nichts zu holen, Song-Aufbau, Strukturen, Harmonien, etc. bleiben so vorhersehbar wie die Metapher hinter „Desert Heart“.
„Wait“, „Guilty“ oder „Wasted On You“ sind Abziehbilder eines Genres, das in allen Format-Radios bedenkenlos durchgewunken wird. Deswegen könnte es all diese Songs auch schon längst genau so geben. Mitreißende Emotionen oder spannende Melodien bleiben leider aus.
Aber klar: „Sea Of Emotion“ wird seine Fans finden, die in der zweifellos schönen Stimmfarbe Sedmans, der wirklich schönen Produktion von Draper und den (größtenteils) klassischen Songs ein wohliges Gefühl entdecken.
Ähnlich hohe Wellen wie die Feature-Gäste wird das Album darüber hinaus aber eher nicht schlagen.
