Ladytron bleiben ihrer Mischung aus romantisch-dunklem Flair und glitzernder Ästhetik treu. Dem Paradies, das im biblischen Sinne etwas Einmaliges ist, verpassen sie einen Plural. „Paradises“ heißt das neue Album scheinbar als Gag. Wenn man aber darüber nachdenkt, mag doch jeder eine eigene Vorstellung vom Paradiesischen haben.

Recht nachvollziehbar wirken da etwa die traumversunkene Welt unter Wasser, um Korallenriffe herum schnorchelnd, wie sie in „Kingdom Undersea“ aufblitzt. Die Art und Weise, wie Ladytron Analog-Synth-Geräte zu einem dichten und manchmal verwaschen klingenden Treiben zusammensetzen, hat sowieso etwas von Unterwasserwelt und Dream-Pop. Somit besitzt dieser Track beim Ineinandergreifen von Wort und Musik eine enorme Stimmigkeit.

Und auch, wenn sich beide Bestandteile scharf widersprechen, geht die Rezeptur der Liverpooler Gruppe auf. „A Death In London“, der Ohrwurm der Platte, hat einen makabren Text, doch der Korg MS-20, den Mira Aroyo hier wie so oft einsetzt, malt einen wohligen und vitalen Kontext. Interessant: Hier wirkt nun beides zusammen stimmig, weil die süßen Sounds wie eine ironische Verzerrung des lyrischen Inhalts anmuten.

Unter gleichzeitigem Ausspielen niedlicher Verträumtheit verhalten Ladytron sich recht tanzbar. „I See Red“ schielt sehr auf die Tanzfläche, fügt den Paradiesen aber einen rätselhaften Rahmen hinzu. Die Protagonistin sieht rot, was gemeinhin als Ausdruck für Wut steht.

Sängerin Helen Marnie verkörpert in dem Song jedoch pure Sanftheit und trägt ganz in sich ruhend die Zeilen vor, die gerade noch identifizierbar hinter dem dichten Synthie-Sog verschwimmen. Heute sei es in unserem Kopf, morgen würden wir rot sehen, die Augen die Zukunft schon vorhergesehen haben, erzählt Helen.

Ob man Rot als Chiffre für Liebe oder Gefahr versteht, diese Allegorie löst sich nicht auf, während zwei Tracks zuvor bei „In Blood“ das Blut rot ist. Eine idyllische, harmonische Stimmung dominiert jedenfalls beide Lieder.

Manchen Menschen sind ewiges Vertrauen, trotz großer Entfernungen, und nie enden wollender Nächte, die sich wie kalter Schweiß anfühlen, ihre individuellen Paradiese. Davon handelt „I Believe In You“ und garniert den weichen Elektro-Pop der Band mit einem Ausflug in House-Sequenzen. So ereignet sich gleich am Anfang des Albums ein seltener Moment, in dem die Crew aus ihrem sonst fluffigen Klang ausschert und in erster Linie auf konturierte Beats und Klarheit setzt.

Eine weitere klassische Vorstellung vom Paradies ist eine eher abstrakte: Maximale Freiheit. In „Free, Free“ folgen Ladytron dieser Idee auch formal und führen ihr sechs Minuten langes Stück durch etliche Kurven und Phasen, in denen Pulsieren und Innehalten auf geschickte Weise gleichzeitig stattfinden.

Manche suchen das Paradies im Glauben oder Aberglauben, in der Spiritualität, im Übersinnlichen. Auch das kommt nicht zu kurz und ist Ladytrons Thema in „Metaphysical“.

Anmerken ließe sich, dass der Longplayer ein sehr ähnliches Arrangement der Instrumente konstant wiederholt und die Stücke ungefähr im selben Tempo bleiben, was eintönig, allzu geschmeidig, bisweilen erschöpfend wirken kann.

Für Fans der ersten Stunde dürfte genau diese Gleichförmigkeit jedoch das Paradies sein. Nach den heterogeneren Scheiben „Ladytron“ (2019) und „Time’s Arrow“ (2023) findet das Elektro-Ensemble zu einem runderen Stil zurück und gestaltet ein gut 72 Minuten langes wunderschönes Werk, das sich wie ein Soundtrack oder Mixtape durchhören lässt.

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