„Evening Star“. Was sämtliche Börsenspekulanten nervös macht, ist für die US-amerikanische Singer/Songwriterin Emma Harner ein Grund, sich im Pyjama ins Kinderzimmer zurück zu träumen. Das wiederum würde einige Psychologen auf den Plan rufen. Doch die durch TikTok und Instagram bekannt gewordene Folkmusikerin macht aktuell wohl alles richtig.
Nachdem sie in Boston Gitarre studiert hat, wurde ihre Debütsingle „When You Mean It“ als Zane Lowe World First ausgezeichnet und der Weg zum Debütalbum „Evening Star“ war geebnet. Dieses Album, bestehend aus eigenen Titeln und Coverversionen, zeichnet sich durch seinen Hang zum Math-Folk aus.
Emotionale Vocals treffen im Opener „Woman Of The Hour“ auf filigranes, fast schon frickeliges Saitenspiel. Das ist Emma Harners musikalisches Ausdrucksmittel, das sie mit einem wundersam wogenden Refrain verfeinert. Dabei gefällt ihre zarte Stimmlage, die sich harmonisch über die Saiten- und Streichereinsätze erhebt.
Auch hinter dem brachialen Titel „The Axe“ versteckt sich, lieblich eingesungen, eine Gefühle erforschende junge Frau. „so I wanted the invite, yeah, I know that you carе, I don’t go out at night, I’ve got nothing to wear“. Die Saiten perlen langsam ab wie Tränen, hinterlassen aber ihre Spuren, warm trocknend auf der Haut. Kalt verletzend in der Emotion.
Darauf muss man sich einlassen, denn auch das folgende „Gale“ versetzt komplexes, dynamikloses Gitarrenspiel mit emotionalem Tiefgang; danach prägt „Charlotte“ mit beinahe ätherischer Stimmlage und ergibt sich spät einem rauschhaften, kurzen Intermezzo der Emotionen, bevor „Landing“ dem konstruierten Math-Folk frönt:
Bezaubernd, wie Emma Harner ihre federweiche Stimme virtuos zwischen die Gitarrenparts platziert und scheinbar doch der Akustik den Vorrang lassen will. „sometimes the world can be so mean, glad I got you next to me“ sinniert Sie auf „You’re Right“ und verkehrt das Prinzip zu ihrem Vorteil.
Da wirkt „Seams“ beinahe schon deplatziert. Melodisch aufspielend, beinahe aufgeweckt, krönt sich der verspielte Track mit wundersamer, leichter Eingängigkeit und eindringlicher Emotionalität.
Berührend ist Emma Harners Schaffen allemal. Sympathisch ebenso und mit dem gefühlvollem Beziehungsrückblick von „Before That“ spricht sie wohl jedem aus der Seele.
Dass sie Adrianne Lenker von Big Thief als ihren Einfluss angibt, lässt sich durch das gesamte Album hören, doch bei „The Opposite“ erweckt Emma Harner fast den Eindruck, Adrianne Lenker selbst zu sein. Ihre Stimme klingt weniger lieblich, dafür trägt sie mysteriös bestimmt den Titel hin zum grandios aufspielenden, mehrstimmigen Finale.
An eine andere Künstlerin erinnert „Cowboy Chords“. Phoebe Bridgers kommt hier in den Sinn, bei diesem Gefühlsausbruch im Folk. Irgendwie reguliert und doch berührend zeigt Emma Harner eine deutlich lebhaftere Variation ihres Schaffens.
„Evening Star“ zeigt sich emotional beladen. Ein wenig verzweifelt und doch mit Mut und Hoffnung, dazwischen fast formelhaftes Gitarrenspiel und Percussionbegleitung, auf die sich zerbrechlicher, filigraner Gesang bettet.
Und diese Umschreibung trifft nicht nur auf den Titeltrack zu. So wird Emma Harners „Evening Star“ zur leuchtenden Kerze im Folkkosmos.
