Ein Berliner Elektro-Duo zieht aus, um mit mechanischer Klackergeräuschkulisse die Clubkultur um ein Konzeptwerk zu bereichern. Die Herangehensweise von Felipe Salmón und Dirk Leyers alias Los Pulpitos erinnert dabei zunächst an artfremde Genres, etwa an die überbordenden Konzeptwerke aus der Hochphase des Progrock und ihren sich steigernden Erzählungen.
Die zehn Tracks auf ihrem Debütalbum „Tentacletek“ tragen Namen wie „Antennariidae“, „Enigmatiteuthis“ oder „Mola Mola“ – Verweise auf die Meeresfauna. Das hat nicht nur ornamentalen Charakter, vielmehr bildet das Maritime eine ästhetische Leitlinie, der die klanglich schillernden, oft schwer greifbaren Texturen folgen und zwischen Tiefe und Oberfläche oszillieren.
Es pulsiert ein tastendes, sich verzweigendes System von Rhythmen und Referenzen, das weniger linear funktioniert, als sich organisch in der Fläche auszubreiten. Die tentakel-artigen Stücke vakuumieren beinahe wie die Saugnäpfe eines Oktopus.
Musikalisch operiert das Duo dabei im Spannungsfeld aus cluborientierter Bassmusik, Dub und technoiden Strukturen, erweitert um polyrhythmische Muster, die sich hörbar aus dem karibischen und afro-diasporischen Kontext speisen. Global Beat mit klackernden Sounds, das gibt es in dieser Form nicht von der Stange.
Gerade Stücke wie „Archipelago“ oder „Catfishy“ zeigen, wie präzise hier mit Erwartungshaltungen gespielt wird: Wo man den Drop erwartet, öffnet sich ein neuer rhythmischer Raum; wo sich ein Groove zu verfestigen scheint, wird er durch subtile Verschiebungen unterlaufen. Das Resultat ist Musik, die sich zwar auf den Dancefloor bezieht, dort aber eher für Irritationen sorgen dürfte.
Dass „Tentacletek“ dennoch nicht ins rein Akademische kippt, liegt an seiner ausgeprägten Sinnlichkeit, die auch als interkultureller Begleiter auf Reisen funktioniert. „I want my sabbatical“ spricht eine stotternde Computerstimme in “Archipelago”. Das lässt sich durchaus als Empfehlung begreifen.
Zwischen Denk- und Tanzmusik bestechen Los Pulpitos mit einem Konzept-Erstling über das Meer und seine Lebewesen – das hat in der Welt der elektronischen Musik einen Seltenheitswert, dem es sich lohnt nachzugehen.
