Ghinzu gehörten mit ihrem noisigen Rock Anfang der 2000er zu den belgischen Bands, die in einem Atemzug mit den dEUS genannt wurden. Mit „Blow“ legten sie 2004 ein anspruchsvolles Artrockwerk vor, dessen Qualität auch fünf Jahre später 2009 von „Mirror Mirror“ gehalten wurde. Doch dann wurde es still, 17 Jahre später folgt nun mit „W.O.W.A. (When Other Worlds Await)“ das insgesamt vierte Album der Brüsseler.
Untätig waren sie in der Zwischenzeit wohl nicht, denn für das neue Album hatten sie 90 eingespielte Titel zur Auswahl, die – auf 13 Titel komprimiert – einen vielseitigen Einblick ins Schaffen der Belgier zulassen.
Irgendwo zwischen dramaturgischer Experimentierphase und geradem Alternative-Rock finden Ghinzu ihren Weg. Der orchestrale Opener „When Other Worlds Await“ spielt mit der Dynamik, bevor man sich zu einem verstörend hohen Sprachgesang durchringt, der in der Tradition eines „Bohemian Rhapsody“ stehen mag, sich aber relativ schnell auf klassische Rockwerte besinnt und den Instrumenten ihren Platz eingesteht.
Getrieben von Bass und sägenden E-Gitarren scheint das folgende „Snow White“ atemlos und der Gesang von John Stargam aka John Descamp nutzt diese Dynamik in bester Manier, um den jauchzenden Refrain in eingängige Sphären zu befördern.
Roh und energisch mit der Macht des Stroms ausgestattet, ist „Out Of Control“ klassisch dem Rock gewidmet und hebt sich doch durch den croonenden Gesang ab, der von Dave Sardy (Oasis, Nine Inch Nails ) hervorragend abgemischt wurde. Der Schluss des Songs lässt Descamps rohe Energie durchbrechen, die – von Synthieflächen gehalten – ein grandioses Finale zelebriert.
Weniger mitreißend orgeln sich in „Forever“ die Keyboards warm, lassen Halleffekt und schnarrende Saiten die Arhythmik der Drums bestimmen, die wiederum die Zeit reflektieren, in der sich die Band eine Schaffenspause gegönnt hat. Das zerfasert sich schnell in einem orgiastischen Synthie- und Beatrausch, aus welchem erst die „Morning Lights“ befreien.
Ein großartiger Alternative-Rock-Song, der mit Echo-Effekten und bestimmender Rhythmik vorangeht, um den in Melancholie gefangenen Gesangspart sphärisch abzugrenzen. Die breiten Synthies sorgen für eine cineastische Soundkulisse (für die Band nichts Neues, stehen sie doch in engem Kontakt zur Filmszene und durften auch bereits einige Titel als Filmmusik beisteuern).
Das atmosphärisch dichte „Mathias Is Gone“ darf mit seinen zerfaserten Synthies als Interlude gesehen werden und breitet dem rohen, beatlastigen „Apologies“ die Bühne, die es braucht:
Stilistisch vielfältig beginnt der Titel, schwerfällig vom Bass getragen, und bricht unvermittelt – von Bläsern motiviert – auf. Bestimmt vom Gesang, der zwischen verletzlich sanft und druckvoll roh wankt, gehört der düstere Song zu den beklemmendsten Momenten von „W.O.W.A.“. Irgendwo zwischen Warhaus und Radiohead schaffen sich Ghinzu hier ihr ganz eigenes Kämmerchen.
„It’s The Law“ folgt den Alternative-Rock-Gesetzen, bringt schnarrende Gitarren, flächendeckende Synthesizer und treibenden Duettgesang zusammen. Der Song wirkt dabei cool und zugleich distanziert, als wäre es der perfekte Bewerbungssong für einen Guy-Ritchie-Film.
„#quietluxury“ hingegen suhlt sich in industriellem Keyboardsynthies und der Frage, warum man bei 90 Tracks Auswahl instrumentelle Interludes wählt.
„Fool“ könnte man da denken, doch geht es beim gleichnamigen Song um die Wirrungen der Liebe im minimalistischen Spiel aus Klavier und Bass, konzentriert auf den emotionalen Sprechgesang, der sich auch von den expressionistischen Stilmitteln nicht stören lässt und die Atmosphäre aufrecht erhält, wenn die instrumentale Wucht verzweifelt hereinbricht.
Danach geht´s ab. „Death Race“ bestimmt mit rolligem Bass das Tempo und prescht energisch aggressiv voran, wird zum Pacemaker fürs Schlagzeug, das die Rhythmik aufnimmt und die kratzigen Gitarren zu Nebendarstellern degradiert. Dazu verdichtet der Gesang die Dynamik mit zunehmender Dauer zu einem explosiven Gemisch, das im Outro in einem kompromisslosen Speedrausch eskaliert.
Da wirkt das folgende „Master Bluff“ schon beinahe wie ein Backstein mitten in die Fresse. Auf der Bremse stehend, sägt dieser Titel atmosphärisch im Hinterstübchen der Soundeffekte, bevor das abschließende „Breathless“ nicht etwa ein Cover von Helene Fischer ist, sondern ein rühmliches Ende für ein abwechslungsreiches Album.
Eine Pianoballade, die – in Melancholie schwelgend – den Stimmumfang heraus stellt und den posaunenden Bläsern und Streichern eine Bühne bietet, um die eigene überwältigende Sprachlosigkeit zu verarbeiten.
Ghinzu melden sich eindrucksvoll zurück. Zwischen großem Alternative- und Artrock finden sich rohe energische Titel ebenso wie melancholische Momente. Was „W.O.W.A.“ hervorragend gelingt ist, eine dichte Atmosphäre zu erzeugen, egal mit welchem Stilmittel.
So stellt sich nur die Frage, warum man dem Album nicht mehr Titel gegönnt hat beziehungsweise wann wohl der nächste Longplayer erscheint? Nochmal 17 Jahre sollte man uns nicht warten lassen.
