Tal Arditi hat sich in erster Linie mit seiner Virtuosität an Gitarren einen Namen gemacht. Ob akustisch und gezupft, elektrisch und verzerrt, als Rhythmus-, Jazz- oder Prog-Gitarre – der junge Singer/Songwriter traktiert seine sechs Saiten in verschiedenen Kontexten so stimmungsvoll, dass er dem Instrument vortrefflich viel Wirkung entlockt.
Auf seinem zweiten Album „Love Myself“, das mit nunmehr 27 Minuten Spieldauer nach etlichen EPs und dem vor sechs Jahren veröffentlichten Debgütalbum „Colours“ jetzt halbwegs lang ist, fällt auch der ergreifende Gesang des Musik-Akademikers auf.
Nach einem Diplom in Komposition, das Tal Arditi im zarten Alter von 18 noch in seiner Heimat Israel erwarb, sah er es zunächst als seine dringlichste Aufgabe an, sich in der Musiker*innen-Szene zu vernetzen und entschied sich, noch vor der Corona-Pandemie, für die vielen kleinen Clubs in der deutschen Hauptstadt.
Er blieb dort kleben, ist Wahl-Berliner geworden, mittlerweile 27, macht aber trotz vieler geknüpfter Bekanntschaften und Kooperationen auf dieser Platte nun nahezu alles alleine.
Erstmals baute Tal Arditi Samples ein, wodurch sich Hörer*innen, die ihn bisher schon aus dem Radio oder einer Tour mit Black Sea Dahu kennen, ein bisschen umgewöhnen müssen.
Der Romantiker entwickelt sich Richtung Folktronica. Dadurch gelingt es ihm beeindruckend, bei „In My Head“ darzustellen, was sich alles im Kopf seines lyrischen Ich vermischt, indem er auf Geräusch- und Effekt-Kniffe setzt, die das dortige Durcheinander anschaulich vertonen.
Tal hat die Scheibe in Eigen-Regie produziert. Man muss seiner Schweizer Plattenfirma Mouthwatering Records in ihrem Lob zustimmen, dass er dabei sehr sorgfältig vorging und man dies beim Ergebnis gut wahrnimmt.
Seine Vorbereitungstechnik bestand darin, dass er Sprachaufnahmen von einer Menge Song-Ideen im Smartphone abspeicherte und diese systematisch abarbeitete. Darunter befanden sich beispielsweise Eindrücke von einem idyllischen Kurz-Trip nach Südfrankreich.
Das Album punktet sowohl hinsichtlich Arditis Expressionismus wie auch mit seinem aufsaugenden Impressionismus, dank dem er stimmungsreich einen Haufen Details zu einem bezaubernden Mosaik zusammen setzt. Es macht Spaß, hier Baustein um Baustein und verschiedene Farb-Nuancen in der Palette zu entdecken.
So zeichnet sich der Track „In The End“ durch eine melancholische Grundstimmung aus. „Into The Ocean“ deutet die Vorliebe des Musikers für brasilianische Rhythmen an und spiegelt mehr die Erkundungslust des mutig in der Fremde residierenden Autors.
Was keineswegs eintritt, ist die hart an der Depression schlitternde Traurigkeit Nick Drakes, mit der das Label den Künstler vergleicht. Was es aber gibt, sind vereinzelte, Nick-Drake-kompatible Textstellen wie „I drink until I can’t remember“ im musikalisch recht beschwingten „In Between World“.
Lieder der Hippie-Ära klingen aber durchaus an. Parallelen lassen sich zu Melanie Safka, Grateful Dead und Donovan Leitch heraus hören. Die Kombination elektronischer Elemente mit Flower-Power-Aura hat der Finne Jimi Tenor schon Anfang der 2000er geliefert.
Das war auch die Zeit, als Joost Zweegers belgische Band Novastar mit einem ganz ähnlichen gedämpften Gitarren-Pop in weicher Loops-Einbettung aufwartete. Von den aktuell in Deutschland musizierenden Künstlern kommt Gizmo Varillas dem Kollegen Tal Arditi am nächsten. Wie Varillas spielt Arditi zu ähnlich kompakten Pop-Perlen fast alle Instrumente selbst und lebt Weltschmerz und Naturromantik aus.
Die beiden eint die Vorliebe für Texte über Wasser, Meer und Küsten. Bereits das Cover von „Love Myself“ zeigt einen Jungen in gelben Badelatschen am Ufer vor tosender See. Spritzwasser benetzt die Kamera und sorgt für ein vernebeltes Foto-Motiv. Schäumendes Gewässer und Wolken sind ununterscheidbar. Der Hintergrund: Dämmerung macht sich breit, womöglich zieht ein Sturm heran.
Die Musik löst diese visuellen Eindrücke emotional expressiv und in voller Breite ein. Abbildung und Sound ergänzen einander stimmig. Tal besingt einen Swimming-Pool und mehrmals den Ozean.
Sowohl Atmosphäre wie auch Melodien und die dichte Verzahnung aller klanglichen, inhaltlichen und technischen Bestandteile machen dieses Werk so überzeugend wie wertvoll.
