‚Tyrannei‘ ist in den letzten Monaten zu einer lässig aus dem Ärmel geschüttelteten Vokabel verschiedener Lager geworden, und nun ist es auch das Thema des 17. Studioalbums – oder des 18., je nach Zählung – der Pianistin und Singer/Songwriterin Tori Amos.
„In Times Of Dragons“ folgt auf den Soundtrack zu einem Kinderbuch, „The Music Of Tori And The Muses“ – eine nicht allzu stark wahrgenommene Platte des Vorjahres, die immerhin für den Kinderlieder-Grammy nominiert war, allerdings ohne ihn dann einzukassieren.
Formal dauert „In Times Of Dragons“ doppelt so lang, nämlich 75 Minuten, und stellenweise vor allem im Anfangs- und Schlusslied fühlen diese sich so an, als ob sie sich unnötig in die Länge zögen.
Tori beansprucht ein Konzept. In der Tat lässt sich leicht eines heraushören, allerdings ein anderes als das offiziell angekündigte: Angeblich, so der Werbetext, drehe sich das Werk um den Widerstreit von Demokratie mit autoritären Tendenzen.
Tatsächlich wirken die Texte jedoch schon aufgrund der Häufung von Frauen-Figuren und expliziten Plädoyers für weibliche Blickwinkel wie ein feministisches Pamphlet. Das hieße verkürzt ‚Frauen an die Macht!‘, und es wäre wahrlich nicht das erste in Toris Karriere.
Mit Stücken wie „Cornflake Girl“ begann Amos bereits in den 1990ern, harte Frauenrechte-Themen im Liedformat zu verhandeln. Ein Signal setzte sie etwa mit dem Albumtitel „To Venus And Back“. „Strange Girls“ war ein feministisches Konzeptalbum, und mit dem Song „The Beekeeper“ erhob sie die Imkerei zu einem Beispiel weiblichen Empowerments.
Jetzt wettert Tori Amos im Eröffnungs-Track gegen Patriarchat und entsprechende einseitige Hierarchien, dann lässt sie eine Reihe weiblicher Heiligen-Figuren von St. Cecilia bis St. Teresa auftreten, während in „Princetown“ auch eine Hexe spukt, die wohl stellenweise vom Voodoo-Kult in New Orleans inspiriert ist.
Amos erzählt von „Fanny the feminist“ und betont immer wieder den Blickwinkel der Frau, etwa in „Stronger Together“.
Musikalisch finden sich die allseits erprobten Tori-Zutaten in einer gesunden Mixtur wieder, so dass für jeden etwas dabei sein dürfte, der mit der Künstlerin schon früher an irgendeiner Stelle ihrer Diskographie sympathisierte.
Ihr Alternative-Rock aus den späten Neunzigern setzt sich zwar nur selten durch, ist aber immerhin bei den Songs „Pyrite“ und „Gasoline Girls“ vertreten.
Dunkle Electronica mit Mittelalter-Bezügen in den Texten und Tristesse-Synths in der Umsetzung prägen „St. Teresa“, durchziehen zudem etliche Stellen in etwa einem Drittel der Tracks.
Flirts mit Tiefton-Brumm-Resonanzen, vertraut aus Amos‘ einstigen Trip-Hop-Ausflügen, finden sich in der „Ode To Minnesota“ wieder, während ihre Intonation und Stimmlage im „Song Of Sorrow“ Beth Gibbons und Portishead in Erinnerung ruft.
Eine beträchtliche Zahl langer Stücke vom Kaliber sechs bis sieben Minuten bietet die Katharsis, die zu großen Tori-Hits dazu gehörte.
Ihre Dramaturgien sind mitunter wieder ganz famos, etwa mit dem explosiven Refrain von „Veins“ über das Gift des Hasses und die Bürde der Scham. Statt der Venus geht es hier um die Venen, und schon die Wortwahl hat in etlichen Momenten der Platte wieder erhabene poetische Musikalität.
„The dark enlightenment will haunt me down“, referiert die Sängerin im Titelstück. „Like 10.000 exploding suns, this love always is, always was“ skizziert sie im „Song Of Sorrow“.
Zum Einstieg in „Strawberry Moon“ lacht die US-Amerikanerin mit ihrer Tochter Tash (Natashya) um die Wette, die bereits mit 10 Jahren ihren ersten Auftritt bei der Mama hatte; heute ist sie 25 und studiert Jura.
Wer dem Album „Boys For Pele“ zuneigt, das schon entstand, als Tash noch lange nicht auf der Welt war, wird ein Wiederhören mit den damaligen Cembalo-Einsätzen feiern. Ob das Instrument nun tatsächlich gespielt wird oder aus der Plug-In-Library importiert aufkreuzt, lässt sich nicht eindeutig ausmachen, jedenfalls verleiht es „Blue Lotus“ eine zusätzliche attraktive Klangfarbe.
Ansätze aus Klassik-Arrangements rekurrieren sowohl im Tief- als auch Höhepunkt – „Flood“ und „Tempest“ – auf das 2011er Album „Night Of Hunters“ und auf Toris dortige Querbezüge zu Débussy und Chopin.
„Flood“ macht als lyrisch gezwungenster Track und klanglich klebrigster Beitrag vergleichsweise wenig Eindruck. Das ausgesprochen starke „Tempest“ hingegen verwebt viele Techniken, um aufzufallen, Pizzicato, Stakkato, spannende Laut-Leise-Dynamik. Es mutet einerseits gegen den Strich gebürstet, fordernd an, und ist andererseits trotz seiner Komplexität einer der eingängigsten Tunes auf „In Times Of Dragons“. Der Inhalt doziert über Macht, Kontrolle, Brutalität, und Tori packt ihre entschlossensten Piano-Roll-Licks aus.
Das Klavier spielt Tori Amos wieder einmal betont gerne mit dem Pedal als zusätzlichem Percussion-Instrument, was ihr etwa im Titelstück faszinierend gelingt. Damit ergänzt sie die sowieso teils in die Ohren stechende Schlagwerk-Arbeit ihres langjährigen Arbeitspartners Matt Chamberlain.
Seit langem hat Tori Cornwall an der englischen Südwestspitze zur Wahlheimat erkoren. Trotzdem fluten zahlreiche geschichtliche Bezüge auf Amerika und geographische US-Angaben das Album: Was in New York Vaudeville hieß, entwickelte sich so ähnlich in Englands Arbeiterstädten als Genre der Music Hall, und daran versucht sich Tori Amos mit Bravour in „Fanny Faudrey“.
Während sie hier und da an bewährte Synth-Balladen ihrer Karriere anknüpft und zum Beispiel „Angelshark“ auf jedes ihrer bisherigen Alben ebenfalls gepasst hätte, probiert Amos mit der Music Hall also noch etwas Neues aus. Am unwiderstehlichsten bleiben dennoch „Veins“, „Strawberry Moon“ und „Tempest“ haften.
