Wir wollten wieder zurück zum Fundament – Broken Social Scene im Interview

Mit einem dichten und fesselnden Comeback-Album melden sich Broken Social Scene im Frühling 2026 endlich zurück. „Remember The Humans“ fungiert dabei als musikalischer Wegweiser, zurück zur analogen Schönheit. Kurz vor der Veröffentlichung des neuen Studioalbums trafen wir uns mit Kollektiv-Kopf Kevin Drew zum Interview und sprachen über die Rückkehr zur „menschlichen Präsenz“, enge Vertraute und Dankbarkeit.

MusikBlog: Kevin, seit der Veröffentlichung eures letzten Albums „Hug Of Thunder“ im Jahr 2017 hat sich in der Welt viel verändert. Die Kommunikation findet mittlerweile auf verschiedensten Ebenen statt. Irgendwie spannend, oder?

Kevin Drew: Für die Leute meiner Generation fühlt sich das alles manchmal so an, als wäre der Wilde Westen zu Gast in unseren Köpfen. Aber ja, es ist auch irgendwie spannend. Früher hat man sich getroffen, wenn es was zum Reden gab. Dann kam das Telefon. Mittlerweile führen wir viele Interviews via Video. Die Technik entwickelt sich jeden Tag weiter.

MusikBlog: Auch die Musik macht vor der Entwicklung nicht Halt. Euer neues Album trägt den Titel „Remember The Humans“. Ist das ein zarter Warnhinweis?

Kevin Drew: Wir wollten diesmal das in den Vordergrund stellen, was uns einfach am wichtigsten ist: die menschliche Präsenz. In diesen Zeiten verliert man diesbezüglich schnell die Übersicht. Wir wollten wieder zurück zum Fundament. Wir wollten analog arbeiten, Fehler zulassen, einfach Menschen sein, die gemeinsam Musik machen. Zurück zur reinen Einfachheit.

MusikBlog: Wann hat sich der Drang bemerkbar gemacht?

Kevin Drew: Ich hatte mit unserem Produzenten David Newfeld bereits vor der Pandemie Kontakt, weil wir einfach ein paar Ideen austauschen wollten. Die Umstände ließen es dann aber nicht wirklich zu. Ein paar Jahre später waren wir beide aus Toronto weg, und ich habe herausgefunden, dass wir gar nicht so weit voneinander entfernt wohnten. Ich habe also wieder Kontakt aufgenommen. Wir haben dann viel über unsere Karrieren und über unser Leben gerdet. Wir haben viel gelacht und sehr schnell gemerkt, dass wir wieder Lust haben, etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen.

MusikBlog: Wie entstand die Musik?

Kevin Drew: Das ist ein ganz natürlicher Prozess. Bei uns gibt es kein Konzept. Wir sind eine große Gemeinschaft, in der jeder seinen Platz hat. Das macht dieses Kollektiv so faszinierend. Im Studio ist es immer ein großes Miteinander. Ein Sound kommt aus einer Ecke, dann kommt ein zweiter aus einer anderen Ecke. Alle sind involviert. Es geht auch darum, loszulassen, Kontrolle abzugeben und zu vertrauen. Die meisten von uns sind auch schon über 50. Wir machen das jetzt schon seit vielen Jahren so. Am Ende geht es einfach ums Gefühl, um die Seele und den Moment. So etwas kann man nicht vorher irgendwie aufs Papier bringen. Das passiert einfach.

MusikBlog: Eure Beziehung zu David Newfeld ist sehr besonders. Was macht ihn und das Arbeiten mit ihm so außergewöhnlich?

Kevin Drew: Er ist manchmal wie ein Kind in seiner Art, wie er Musik fühlt und lebt. Manchmal zerstört er alles, nur um die Erkenntnis zu gewinnen, dass sich innerhalb des Scherbenhaufens ganz viele neue Möglichkeiten ergeben. Er weiß die Musik wertzuschätzen. Er nimmt sich Zeit dafür. Er achtet nicht auf festgezurrte Deadlines. Er ist einfach für die Musik da. So jemanden findet man nur noch selten in diesem Business.

MusikBlog: Ihr musstet auch durch eine sehr schwere Zeit gehen. Während des Produktionsprozesses habt ihr beide eure Mütter verloren.

Kevin Drew: Ja, das war wirklich nicht einfach. Als das Album fertig war, haben noch zwei weitere Band-Mitglieder ihre Mütter verloren. Wirklich schlimm. Meine Mutter war krank. Ich konnte mich demnach ein bisschen vorbereiten, bei Davids Mutter war es nicht vorauszusehen. David und ich, wir standen unseren Müttern sehr nah. David und seine Mum waren die besten Freunde. Ich habe ihn während dieser Zeit von einer anderen Seite kennengelernt. So eine Tragödie bedeutet viel Schmerz, sie schweißt aber auch noch mehr zusammen. In unserem Fall war es so, dass er irgendwann zu mir kam und meinte: Lass uns das hier für unsere Mütter zu Ende bringen. Diese Zeit im Studio war sehr wichtig für uns.

MusikBlog: Bist du grundsätzlich jemand, der gerne Zeit im Studio verbringt?

Kevin Drew: Oh, ich liebe das Mixen. Auch wenn ich diesmal dafür nicht verantwortlich war. Das ist ein Part, der mir immer sehr am Herzen liegt. Ich bin aber auch gerne auf Tour, wobei ich gestehen muss, dass ich auf Tour eigentlich nur die Shows schätze. Die Zeit auf der Bühne, wenn wir unsere Musik mit dem Publikum teilen, ist unheimlich wertvoll.

MusikBlog: Ihr seit jetzt seit über 20 Jahren als Kollektiv zusammen. Hättest du das zu Beginn gedacht?

Kevin Drew: Wir wollten die Musik und unsere Gemeinschaft von Anfang an in professionelle Bahnen lenken. Der Gedanke, das Ganze groß zu machen, war immer präsent. Irgendwann kommt man aber zu der Einsicht, dass es wichtiger und wertvoller ist, wenn man sich treu bleibt. Wir haben irgendwann akzeptiert, was hier haben. So ging der Spaß und die Freude an der Kunst nie verloren, und so baut man auch langlebige Strukturen auf. Auf so einer langen Reise ist es auch sehr wichtig, die richtigen Leute an der Seite zu haben – sowohl innerhalb wie auch außerhalb der Band. Wir sind beispielsweise sehr froh und dankbar darüber, dass uns City Slang schon so lange begleitet. Dieses Vertrauen ist nicht selbstverständlich. Weißt du, Ich war noch nie ein Freund davon, sich künstlerisch zu verändern, nur um an die größeren Töpfe zu gelangen. Das hätten wir sicherlich mal ausprobieren können. Aber so ticken wir einfach nicht. Wir waren uns und unserer Musik immer treu. Und das macht mich schon auch ein bisschen stolz.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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