Das neue Album von Wallis Bird beweist, dass Haltung nicht immer spannende Musik hervorbringt. Auf „I Can See Your House From Here“ singt die irische Sängerin über Trauer, Wut und Krieg. Ein Album, das nach einer Flasche Sprudel klingt, die zu lange in der Sonne stand.
Darf man ein Album stinklangweilig finden, obwohl es sich an den großen Themen abarbeitet? Darf man gähnen, obwohl man doch die Hand in die Höhe recken müsste, bei diesen, mit Grabesmiene dringend nach vorn gedrängten Tagesordnungspunkten? Ja, darf man.
Emotionale Schwere macht noch keine künstlerische Tiefe. Und große Themen machen noch keine große Musik. Trauer, Wut, Krieg. Klar, müsste man jetzt dringend beim Hören eine Haltung haben. Natürlich. Kann man aber auch lassen.
Wallis Bird ist ohne Frage eine beeindruckende Künstlerin, und auf „I Can See Your House From Here“ hört man sofort, dass sie etwas sagen will. Aber diese „Hört mir jetzt mal zu, das ist wichtig jetzt“ Selbstermächtigung nimmt der Musik jede Luft zum Atmen und drängt sie in die Ecke, bis sie quietscht.
Hier ist eine Sängerin mit Haltung, aber ohne Spannung. Die Songs selbst bleiben oft erstaunlich glatt in ihrer Dramaturgie. Und wenn alles ständig „bedeutend“ sein will, verliert am Ende genau das an Bedeutung.
Das ist besonders schade, weil Bird eigentlich genug Persönlichkeit hätte, um diese Themen wirklich zu zerlegen. Stattdessen plakatiert sie damit die Wände unserer inneren Studenten-WG, in der auch um fünf Uhr morgens noch über Gott und die Welt diskutiert wird.
Nur, dass das außerhalb der Studenten-WG halt niemanden interessiert. Es fehlt jegliche Konsequenz, jegliche Gefahr und Dramatik. Am Ende bleibt die unbequeme Antwort auf die Ausgangsfrage:
Ja, man darf dieses Album langweilig finden, auch wenn es sich mit großen, ernsten Themen beschäftigt. Denn Relevanz ersetzt keine Spannung, und Haltung ersetzt keine guten Songs.
Und genau daran scheitert „I Can See Your House From Here“ stellenweise; nicht am Willen, nicht an der Haltung, sondern an der Musik.
