Julia Holter hat gestern ihre neue Single „My Lost One“ veröffentlicht. Der Song stammt von ihrem neuen Album „Materia“, das am 21. August via Domino erscheint.
Julia Holter hat ein Talent dafür, das Unheimliche gemütlich klingen zu lassen. In „My Lost One“ flüstert sie sich durch ein Klangbild aus Chris Speeds mäanderndem Saxofon und eigenen, kaum hörbaren Stimmschichten, die eher beschworen als gesungen wirken.
Julia Holter selbst nennt das Ganze witchy, und tatsächlich hat der Song etwas von einem Gute-Nacht-Lied, das sich heimlich in ein Ritual verwandelt hat.
Wer Julia Holter kennt, weiß: Bei ihr ist selten etwas nur das, was es zu sein scheint. Auf ihrem letzten Album „Something In the Room She Moves“ von 2024 verwob sie ihre Kompositionen laut MusikBlog-Review zu einem „Dickicht aus mystisch-romantischen Schwingungen“.
Ein Bild, das sich auch auf ihr neues Album „Materia“ übertragen lässt, das sich als eine Art Geschwisterwerk zu „Something In The Room She Moves“ versteht.
Auf „Materia“ dekliniert Holter den titelgebenden Song gleich zweimal neu: „Materia 2“ schickt ihre Stimme gemeinsam mit der von Jessika Kenney durch ein Halbdunkel aus Drum-Machine, Fretless Bass und Klarinette, während „Materia 3“ schlicht die Originalversion verlangsamt – eine Verbeugung vor der Bonus-Track-Kultur ihrer CD-Jugend.
Sieben Songs, beinahe ebenso viele musikalische Zustände: mal Improvisation, mal Pop-Momentum, mal reine Klanguntersuchung.
Man könnte das neue Album also als eine Art Spielplatz beschreiben, auf dem Julia Holter ihre Ideen immer wieder neu anordnet, ohne dass es je beliebig wirkt – ein Beleg dafür, warum sie zu den offensten Songwriter*innen ihrer Generation im Art-Pop-Kosmos zählt.
Julia Holter interessiert sich weniger fürs Finden als fürs Suchen selbst, für jenes schwer greifbare Gefühl, das sie in „My Lost One“ beschworen hat – die Frage, was man eigentlich sucht, wenn man etwas sucht.
Eine Antwort liefert sie nicht, muss sie auch nicht. Bei Julia Holter war das Fragen schon immer interessanter als die Auflösung.
