Unspektakulär haben Shearwater die Alternative-Bühne betreten, erspielten sich im Vierteljahrhundert nach dem Debütalbum „The Dissolving Room“ mit Konstanz und immer ausgefeilteren Arrangements ihren Status als nachhaltige Indie-Rock-Band.
Im ersten eineinhalb Lebensjahrzehnt in hoher Schlagzahl mit neuen Alben am Start, gab es in der vergangenen Dekade nur zwei Studio-Ausgaben, „The Great Awakening“ klang dabei zuletzt abweichend von seinem Vorgänger für die Band eher untypisch.
Die epische Vorveröffentlichung „Daydream Unbeliever“, die Jonathan Meiburg, Emily Lee und Dan Duszynski „The New World“ vorausschickte, war zwar weniger experimentell angelegt, dennoch dahingehend eindeutig, dass die satten Songstrukturen vom vorletzten Album „Jet Plane And Oxbow“ auch dato kein Thema sein werden.
Rationale Melancholie generiert sich in den neun neuen Nummern weniger aus ausladenden Melodien denn aus komplex konstruierten Klangebenen, für die sich Shearwater eine lange Liste von Gästen ins Studio geladen haben.
Deren Know-how und ein Berg zusätzlicher Instrumente verhilft den Stücken musikalisch zu weiterer Varianz, fügen sich das Saxophon von Doug Wiselman so selbstverständlich in die Shearwater-Grundierung ein, wie die Percussions von Moctar Kouyate aus Mali.
Aus dem leicht verstimmten Klavier vom Opener „Even Song“ webt die akustische Gitarre eine organische Resonanzfläche; Vogelgezwitscher und Glockengeläut leiten direkt zu „More And More“ über, das – von einer dezenten Klarinette begleitet – in sanften Harmonien dahinschwebt.
„A Mink In The Dust“ spielt mit Effekten, der Chor und das schüchterne Piano geben dem Stück Jazz-Atmosphäre, „The Only Sound I`m Afraid Of“ liefert knisternden Country-Folk der sich verdichtet, zum bedrohlichen Donnern anschwillt, um im Nichts auszulaufen.
Jonathan Meiburg, der Ornithologe unter den Indie-Musikern, reflektiert in den aktuellen Texten das für jeden sichtbare Schwinden natürlicher Ressourcen vor einer fragilen Weltlage, singt markant wie unaufdringlich seine Analysen, ohne in Resignation zu verfallen.
„Slugs In The Marigolds“ leistet sich vor diesem ernsten Hintergrund mit seiner Glam-Rock-Aura einen Ausflug ins Unbeschwerte, den „Anamnesia“ direkt wieder zurückholt, bevor Laurie Anderson am Schluss für „You And Your Dog“ vor einer Musik spricht, die das Gehör umspielt wie Wellen die Füße an einem flachen Sandstrand.
Die per Crowdfunding finanzierte Platte erschließt sich nicht im Vorbeigehen, ihr detaillierter Sound mit klarer Botschaft fordert längere Aufmerksamkeit ein.
