Am Steinbrücker Teich in Darmstadt, zwischen Wald, Wasser und drei sorgfältig verteilten Bühnen, entstand vergangenes Wochenende zum 13. Mal ein Ort, an dem musikalische Entdeckungen wichtiger waren als große Namen. „A Leaf Becoming A Movement“ lautete das diesjährige Motto.
Es klingt zunächst nach Festivalpoesie, beschreibt aber ziemlich genau, worum es beim Golden Leaves seit seiner Gründung 2012 geht: aus einer kleinen, beinahe privaten Konzertidee eine eigenständige Kultur zu entwickeln, ohne deren Intimität aufzugeben.
Das Festival funktioniert weniger über einen einzelnen Headliner als über die Dramaturgie des gesamten Wochenendes. Trotzdem schwärmt manch einer der langjährigen Gäste vom vielleicht besten Line-Up der Festivalgeschichte. Und das nicht trotz, sondern gerade weil die Organisatoren dem unhaltbaren Argument, es gäbe zu wenig weibliche Künstlerinnen, um ein ausgeglichenes Booking zu gewährleisten, so entschieden entgegentreten, wie kaum ein Festival sonst.
Ein Line-Up, das ausschließlich aus female-fronted Bands und Flinta-Künstlerinnen besteht, da darf eine der wichtigsten Stimmen der vergangenen Jahre in Sachen gehobene deutschsprachige Popmusik natürlich nicht fehlen:
Mine, inzwischen bei einer fünfköpfigen Band mit zwei Drummern angelangt, hält der Gesellschaft und bisweilen auch der Politik mit ihren Songs gekonnt den Spiegel vor und zeigt sich dabei musikalisch äußerst vielseitig – bevor der eigentlich Hauptact am Samstag eine unbedingte Stringenz an den Tag legt.
Davor und dazwischen liegen zahlreiche kleinere Entdeckungen. Luvcat und Tuvaband etwa, die für unterschiedliche Spielarten von Pop und Indie stehen und die kuratorische Handschrift des Festivals zeigen.
Etwas härter gibt sich das Brightoner Alternative-Rock-Duo Arxx, das nicht nur mit einem lovely britisch accent glänzt, sondern auch mit einem knallharten Sound überzeugt, den man der kleinsten der drei Festival Bühne gar nicht zugetraut hätte.
Der unweigerliche Höhepunkt am Samstag gehört aber ganz der israelischen Musikerin Noga Erez, die aus einer elektronische Produktion, Hip-Hop und Pop ein randständiges Gesamtkunstwerk spinnt. Ihre Songs besitzen eine körperliche Direktheit, die ansteckend ist, wenn sie arschcool und on point in den Wald hinein rappt. Gleichzeitig steckt eine ordentliche Ladung Detailarbeit in den Beats und Arrangements, die die Show zur packendsten des Wochenendes machen.
Danach sind HVOB nur noch eine gelungene Aftershow Party, auf der sich zu melodramatischer Electronica wippend über Erez schwärmen lässt.
Sonntag, bestes Wetter, nicht zu warm, nicht zu kalt, leicht bewölkt. Kurzum, so familientauglich wie das gesamte Festival, das als solches auch regen Zuspruch erfährt. Mehr Mikimaus-Kopfhörer auf kleinen Ohren gibt es anderswo kaum zu sehen. Auf den Schultern der Eltern hüpft es sich zu den gediegenen Elektro-Pop-Klängen von Hundreds dann auch besonders schön.
Das Hamburger Trio konnte man über die vergangenen Jahre etwas aus den Augen verlieren, gerade weil Sängerin Eva Milner nicht unbedingt um Aufmerksamkeit heischt. Umso schöner, nach längerer Zeit mal wieder die zeitlose Klasse von Songs wie „Our Past“ zu hören, die zu diesem pittoresken Festival passen, als wären sie dafür geschrieben. Musik wie der Hauch der Nebelmaschinen, der die Sonnenstrahlen durch die Baumkronen märchenhaft betont.
Kurz vor Sonnenuntergang kommen auch Poliça aus Minneapolis noch in den Genuss dieses Settings. Mit zwei Drummern und einem energetisch düsteren Elektrosound wummern die Bässe in der Magengrube, wo sie jederzeit von der engelsgleichen Stimme von Frontfrau Channy Leaneagh konterkariert werden.
In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Art School Girlfriend, die als Solokünstlerin zwar etwas klassischeren, aber nicht minder schwermütigen Elektro-Pop auf die Bühne bringt. Sie ist eine der zahlreichen Entdeckungen des Festivals, das am Sonntag dann einmal kurz ausschert:
Kat Frankie B O D I E S sind mit ihren vielstimmigen Acapella-Stücken Geschmackssache, setzen dafür aber einen seltenen Gegenpol zum elektrifizierten Gesamtprogramm.
Img Edächtnis bleibt das Flinta-Line-Up ohnenhin, da es als solches ein kulturpolitisches Statement setzt. Dass es darüber hinaus auch ein Qualitätsmerkmal sein kann, zeigen die vielen hervorragenden Shows beim Golden Leaves Festival mühelos und entlarven nebenbei jeden, der mit billigen Ausreden sein unausgewogenes, patriarchales Booking verteidigen muss. Gerne mehr davon.








