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Es gibt Konzertorte, die ein Konzept illustrieren, und solche, die es kommentieren. Das Bauhaus Dessau tat am gestrigen Freitagabend beides. Kraftwerk gastierten mit ihrer Multimedia-Tour für zwei Abende dort (gestern und heute), als Open Air vor der Glasfassade des Gropius-Baus. Man musste kein Architekturseminar besucht haben, um festzustellen, dass hier zwei Rastersysteme aufeinander trafen, die sich schon lange kennen.

Ein Vorprogramm gab es nicht, was zur Sache passte. Punkt 20:00 Uhr standen vier Männer an vier identischen Pulten: Ralf Hütter, Henning Schmitz, Falk Grieffenhagen und Georg Bongarts, in gleicher Haltung, gleichem Abstand, gleichem Anzug.

Der Auftakt aus „Nummern“, „Computerwelt“ und „Computerwelt 2″ verlegte den Abend sofort in jenen Aggregatzustand, in dem Kraftwerk seit Jahrzehnten arbeiten: keine Ansage, keine Aufwärmphase, kein Zugeständnis an die Erwartung, dass ein Konzert irgendwoher kommen müsse.

Was danach folgte, war weniger Dramaturgie sondern Konstruktion. „Heimcomputer“, „Spacelab“, „Ätherwellen“ und „Tango“ reihten sich mit der Selbstverständlichkeit von Bauelementen aneinander, die Projektionen dahinter blieben ihrer Vorlage treu: Zahlen, Achsen, Verkehr, Datenströme.

Der Sound war für ein Open Air bemerkenswert ausbalanciert, druckvoll ohne Matsch, und die tiefen Frequenzen von „The Man-Machine“ und „Autobahn“ gerieten dem Gebäude gerade so nahe, dass man kurz an die Statik dachte. Die Sorge war unbegründet; das Haus ist Schlimmeres gewohnt.

Ein Publikum, das sich vor „Das Model“ und „Computer Liebe“ sichtbar entspannte, verriet dabei mehr über Kraftwerk als jede Werkanalyse. Die Stücke, die als kühlste ihrer Zeit galten, sind inzwischen die wärmsten des Abends, schlicht weil man sie kennt. „Neonlicht“ leuchtete entsprechend hell in einem Hof, in dem es tatsächlich dämmerte.

Der Moment, an den man sich erinnern wird, und einzige Publikumskontakt kam ohne Effekt aus: Ralf Hütter würdigte den 2023 gestorbenen Ryūichi Sakamoto, erinnerte an die Freundschaft seit Kraftwerks erstem Konzert in Tokio 1981 und an Sakamotos japanische Fassung von „Radioactivity“, für die dieser nach der Katastrophe von Fukushima einen neuen Text geschrieben hatte. „Friends forever“, sagte er, mehr nicht.

Dann schob sich Sakamotos „Merry Christmas Mr. Lawrence“ in den Abend, ging in „Geigerzähler“ über und von dort in „Radioaktivität“ – ein Übergang, der die Nüchternheit des Programms nicht durchbrach, sondern für einige Minuten mit einer zweiten Bedeutung unterlegte. Eine Melodie, die zum Weinen taugt, gefolgt von einem Klickgeräusch, das man nie hören will.

Danach wurde wieder gebaut. Die „Tour De France“-Suite, „Trans-Europa Express“ mit „Metall Auf Metall“, „Taschenrechner“, „Vitamin“, „Planet Der Visionen“ – Bewegung, Stoffwechsel, Streckennetz, das bekannte Inventar.

Zum Ende von „Musique Non Stop“ verabschiedeten sich die vier nacheinander, bis das Pult von Ralf Hütter allein weiterlief. Als Zugabe blieb „Die Roboter“, der Song, der die ganze Anordnung noch einmal erklärte, ohne dass jemand etwas dazu näher sagen müsste. Um 22.10 Uhr war Schluss.

Kraftwerk haben im Tate Modern und im MoMA gespielt, und der Dessauer Bauhaus-Hof ist für diese Institutionenreihe eigentlich zu klein. Genau das war aber auch sein Vorteil. Es entstand kein Spektakel, sondern ein gut gefüllter Platz mit einer leicht provinziellen Ruhe, in der die Musik nicht gegen die Dimension anspielen musste. Und ein Publikum, das sichtlich nicht nur ein Konzert erwartete, sondern ein kulturelles Ereignis.

Für eine Band, die seit einem halben Jahrhundert von Fernstraßen und Datenströmen singt, war Dessau der passende Maßstab.

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