Post-Rock kann man aufgrund der Häufung von starren Genre-Codes leicht als auserzählt betrachten. Dass diese Musik besonders von der Live-Situation lebt und dort auch, trotz aller Vorhersehbarkeit, unfassbaren Spaß machen kann, zeigt sich an Abenden wie dem gestrigen.
Auf der Bühne des Gebäude 9 stehen gestern Abend Bands, die ihr Genre in unterschiedliche Richtungen denken, aber dabei trotzdem maximal kompatibel bleiben. Beide sind seit über 20 Jahren aktiv, stets abseits der Rate-Your-Music-Toplisten geblieben und bezeichnen die jeweils andere Gruppe als Familie.
Vor all der familiären Eintracht sorgt das Vorprogramm jedoch für Brüche: Die chinesisch-stämmige und mittlerweile in Berlin ansässige Sängerin Otay:onii flitzt über die Bühne und malträtiert dabei ein Umhänge-Keyboard zu dröhnenden Beats vom Band. Sie arbeitet im Schnelldurchlauf ihr gesamtes gesangliches Arsenal durch – von Amy Winehouse bis Yoko Ono, von sirenenhaft bis nölend, von schreiend bis flüsternd.
Die Zuschauer*innen, die meist starr in der Halle herumstehen, scheinen überfordert. Wenige trauen sich zu applaudieren, und als die Künstlerin für eine Einlage in die Mitte des Publikums steigt, werden fragende Blicke ausgetauscht. Immer wieder erkennt man am rauen Gesang jedoch auch, dass Otay:onii mehr als geeignet für ihre neue Stelle als Sängerin beim Post-Metal-Kollektiv The Ocean ist. Und mit diesem Hintergedanken fügt sich der Auftritt nahtlos in die Dramaturgie des Abends ein.
Zu den Klängen eines Windspiels betreten im Anschluss Caspian die Bühne – dramatisch aus der Dunkelheit heraus. Und mit „A Great Fire“ geben sie direkt eine Kostprobe ihres selbstbetitelten, erst vergangene Woche erschienenen Albums. Mit drei Gitarren, einem Bass und einem beeindruckenden Arrangement von Effektgeräten stapeln sie wunderschön sanfte und klare Melodien, auf die fast immer eine brachiale Wand aus verzerrten Riffs folgt. Die fünf Bandmitglieder bewegen sich dazu äußerst geschmeidig durch den Kunstnebeldunst.
Viel wird nicht gesprochen. Sein Mikrofon brauch „Frontmann“ Philip Jamieson fast ausschließlich für Ansagen, in denen er sich in hohen Tönen bei seinen „Kollegen und Brüdern“ And So I Watch You From Afar für die jahrelange Zusammenarbeit bedankt.
Zu elektronischen Drones betreten besagte Kollegen über den offenstehenden Seiteneingang der Halle kurz darauf die Bühne – freundlich winkend und wenig dramatisch. Auch in vielen anderen Belangen unterscheiden sich die vier Nordiren von Caspian: Ihre Musik ist erratischer, verspielter, geräuschhafter und wechselt schneller zwischen den Stimmungen umher.
Passend dazu zucken die Musiker in koordinierter Unkontrolliertheit durch das Strobolicht. Sie springen alle gleichzeitig in die Luft, und die Wucht ihrer Landung geht bis in die ersten Reihen.
Von „And So I Watch You From Afar“ bis „Megafauna“ rasen sie durch den Großteil ihrer Diskographie, und für das abschließende „Big Thinks Do Remarkable“ holen sie ein letztes Mal Otay:onii auf die Bühne. Auch ihre anfänglichen Skeptiker*innen scheinen in der Zwischenzeit mit ihr warm geworden zu sein.
Alle drei Sets machen auf unterschiedliche Art Spaß, und alle gehen zu schnell vorbei. Einen schöneren Schlusspunkt hätten sie trotzdem nicht setzen können.




