Ob als Produzent, am Mikrofon oder mit irgendeinem Instrument – Ty Segall ist zur Zeit ein überaus fleißiges Bienchen. Mit seinen unbestreitbaren Fähigkeiten konnte er sich einen Ruf erarbeiten, mit dem er sehr viel auszuprobieren kann, ohne Image-Schaden davonzutragen. Das Motto „Ideen an die Wand werfen, bis eine hängen bleibt“, beinhaltet aber eben auch, dass nicht jedes Projekt zünden kann.
Und in der jüngeren Vergangenheit gab es einige Blindgänger, sowohl von Segall selbst als auch von den Bands, die er produziert hat. Wäre er nicht solch ein Workaholic, wäre nun vielleicht der rechte Zeitpunkt für eine schöpferische Pause erreicht. Die Alternative funktioniert in diesem Fall aber auch sehr gut: Zehn Schritte zurück gehen und die Musik gleich mitnehmen.
Für das neue Album „Chrome“ wurde die alte Freedom Band reaktiviert, beziehungsweise mit Keyboarder Ben Boye, dem Gitarristen Emmett Kelly und Mikal Cronin am Bass der Großteil davon. Eine gute Entscheidung, denn die „alten Hasen“ können scheinbar mühelos an dem Punkt anknüpfen, an dem ihr Bandchef angefangen hat, komisch zu werden.
Die neun Songs auf „Chrome“ sind knackig, direkt und gehen unvermittelt nach vorne. Der Opener „Hospital“ legt zwar direkt eine falsche Fährte (ein verzerrtes Arpeggio, das sowohl aus einer Gitarre als auch einem Sequencer stammen könnte), mit dem ersten richtigen Riff werden jedoch alle Erwartungen wieder begradigt.
Das Grundgerüst bleibt dabei so erdig und geradlinig, dass auch noch Platz für einige gemäßigte Schrulligkeiten bleibt: Am Ende des Songs spielen sich die Gitarren mit ihren Soli in die Quere.
„Everything You’ve Been“ heizt trotz entspannter Stimmung mit wohldosierten Dieselmotor-Riffs ein.
In „Running To Nowhere“ explodiert der Motor letztlich und steckt das Studio in Brand. Segall rotzt seine Zeilen mit so viel Inbrunst darüber, als würde er gerade den Punk neu erfinden. Dazwischen dämmt die Band das Chaos mit sanften Harmonien und Klavier wieder einigermaßen ein.
Anstatt an die Front der Freedom Band hätte der Sänger auch zu den neubesetzten Sex Pistols gepasst, wie er in „Separation“ beweist. Die dazu gespielte Hard-Rock-Polka macht überraschend viel Laune.
Für „Let Go“ legen nochmal alle Musiker einen obendrauf, und Segall und Kelly setzen quietschende Melodie-Tupfer in den ansteckendsten Groove des gesamten Albums.
„Chrome“ ist eine zeitlose Platte, die irgendwo in der Schnittmenge aus Garage-Punk, Jangle-Pop, Grunge und Alternative-Rock lebt. Mit dieser Mischung wird jede Landstraße zum Highway und jede Zugfahrt zum kurzweiligen Hochgeschwindigkeits-Trip.
