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„Habt ihr Bock drauf, dass das ‘n büschn ruhiger wird heute“, fragt Rap-Titan Dendemann noch vor der ersten Zeile. „Also anders als sonst?“ Die Leute haben Bock, schließlich war das so angekündigt. Für seine neue Clubtour liegt der Fokus auf dem Reim. Das Drumherum ist zweitrangig.

11 Auftritte, jeweils zwei Stunden, kein Support, keine Band, kein Autotune, so beginnt die vielleicht unaufgeregteste Deutsch-Rap-Tour des Jahres, die treffenderweise unter dem Format „Doch“ läuft und mit dem gestrigen Auftritt in der Heidelberger halle02 ihren Auftakt nahm.

Und noch etwas ist angekündigt: Nicht Eskapismus sei die richtige Antwort auf finstere Zeiten, sondern Haltung, so Dendemann. Mit selbiger, und vor allem der Haltung in Reimform und Wortspielakrobatik, konnte Dendemann schon immer trumpfen:

„Endlich wieder Zeit, Zeitum-, Zeitumstellung/ Endlich wieder Zeit, um Stellung zu beziehen“, rappt er wenig später von seiner bis dato letzten Platte „Da nich für“, als müsse er das doch noch irgendwem beweisen.

Dieses Album ist inzwischen sieben Jahre alt. Der in Menden aufgewachsene Rapper, der über Eins Zwo zur Hip-Hop-Institution wurde, kommt allerdings schon seit über zwei Jahrzehnten mit erstaunlich wenig Output aus – drei Soloalben, und zwei Jahre Teil von Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ Band, dazwischen viel Schweigen.

Als er im Frühjahr des vergangenen Jahres schon einmal auf ähnliche Weise durch die Clubs der Republik tourte, erschien im Vorfeld immerhin die Single, „Gedanken, gut“, die auch gestern passgenau ins wohlüberlegte, stets gesetzte Set passte. Dem Wortspiel des Titels entsprechend, sampelt er darauf seinen Eins-Zwo-Klassiker, „Danke, gut“.

Das bleibt freilich nicht der einzige Moment, an dem die wunderbaren, ollen Kamellen durch die Boxen knattern. Mit „Hand aufs Herz“ kommt mindestens noch ein weiterer Bouncer aus den Zeiten, in denen Dendemann landesweit der einzige Rapper zu sein schien, der nicht auf dicke Hose machen wollte.

Das will er auch heute nicht, auch wenn er in weiten Camouflage-Baggys den Rand der Bühne abläuft. Nicht nur das Publikum, auch er selbst hat richtig Bock auf die alten Sachen. Das merkt man seiner gelassenen Art in jeder Minute der Show an, die sich anfühlt wie ein Sammlerstück. Selten, schnell vergriffen, wertvoll.

„Wir spielen heute viele Raritäten und B-Seiten“, sagt Dendemann zur Hälfte des Sets, als schon einige Raritäten und B-Seiten abgeliefert wurden. Und tatsächlich lässt sich ein Teil davon am Merch Stand als limitiertes Vinyl einsacken, das – fast schon bootlegartig – ohne jede Beschriftung in einem blitzblanken, weißen Schuber steckt.

Ein neues vollwertiges Album, das man schon mit der letzten Tour herbei hoffen wollte, das bislang aber nicht in Sicht ist, kann das nicht ersetzen. Zwei nagelneue Stücke hat er trotzdem dabei. Mit „Cliquehänger“ hat er erst kürzlich ein klassischeres Stück Hip-Hop veröffentlicht, das auf seine Wurzeln verweist: „Häng mit der Crew im Wendekreis, und wir labern ohne Ende scheiß/ Hier, wo jeder jeden kennt und weiß/ Dass es zwoundneunzig ist und die City Menden heißt“.

Die Facetten und Vielseitigkeit, die er sich über seine drei Soloalben geleistet hat, sie werden für diese Clubtour leicht angeschliffen. Damit zumindest das ein oder andere aus „Vom Vintage verweht“  – seiner mit Abstand rockigsten Platte aus 2010 – zur gediegeneren Sample-Atmosphäre passt, bekommen die Songs ein neues Beatfundament mit ausgedünnten Instrumentals. Im Angesicht dystopischer KI im Anflug wäre ein Verzicht auf das plakative „O Robota“ schließlich keine Option gewesen.

Die Vielseitigkeit kommt an diesem Abend eben nicht über die Lautstärke, sondern den Ton. Und da setzt Dendemann ausgerechnet mit einem weiteren neuen Song einen soulig-jazzigen, mit Doppelreimen zum Niederknien: „Die Raps elegante, kein Flex von der Stange/ die Skills sind das Image, die Heads die Kampagne/ der Flow ist Colani, die Tracks klare Kantе/ so wächst der entspannte, relaxte Gedanke“. Eine bessere Empfehlung für seine neue Single „Wiederstand“ kann es kaum geben.

Und so hat der Abend ein herrlich erfrischendes Format, gerade weil es den größten Reime-Akrobat der Republik noch präziser in seinen tatsächlichen Qualitäten präsentiert, die eben schon immer abseits der ganz großen Rap-Party lagen.

Den besten Texten des deutschsprachigen Hip-Hop reicht ein Backdrop mit Kassetten drauf, DJ Cutrock am erleuchteten Pult und die reibeiserne Stimme. „Der Rest macht der Rechner“.

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