Sechs Jahre liegen zwischen „LP5“ und „A Hum Of Maybe“, und die Grammy-Nominierung von damals offenbarte sich im Nachhinein als ein Klotz am Bein. Sascha Ring, der Kopf und die Stimme hinter Apparat, entwickelte eine Schreibblockade und sprach darüber genauso offen wie über die Gegenmaßnahmen.
Ein halbes Jahr lang zwang er sich jeden Tag eine Songidee ab, fertig oder nicht. Wie dieses Ergebnis ausfällt, wenn man es auf eine Bühne stellt, ließ sich am gestrigen Donnerstagabend im Konzerthaus Stadthalle Heidelberg bestaunen, das nach fünfjähriger Sanierung seit Februar diesen Jahres endlich wieder geöffnet hat.
Im Rahmen des Enjoy Jazz Festivals betritt Ring zusammen mit vier Mitstreitern die Bühne des barocken Saals, indem sonst häufig Brahms, Mozart oder Chopin die Kronleuchter in Schwingung versetzen.
Ring, der inzwischen Dutt trägt, an der E-Gitarre, seine Kollegen wahlweise an Synthesizern, Posaune oder Cello. Allein an der Aufstellung der Band spiegelt sich die Wertschätzung vor dem Venue und die delikate Verbindung aus Electronica und Klassik.
Apparat eröffnen mit „Glimmerine“ – ein Titel wie ein Kinderwort, und ein Stück wie Nebel über dem Neckar.
„A Slow Collision“ an zweiter Stelle hält, was der Name verspricht. Schlagzeug und Synthesizer laufen über sechs Minuten so behutsam aufeinander zu, dass der Aufprall eher als Umarmung ankommt.
Überhaupt ist das Schlagzeug über die volle Distanz das Instrument, das den digitalen Charakter der Musik unterwandert und zusammen mit den Streichern eine Wärme beisteuert, die elektronischer Musik für gewöhnlich völlig abgeht.
Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen klar die beiden aktuellen Platten. Manches von „The Devils Walk“ aus 2011 kommt dadurch etwas zu kurz, genießt aber umso höheren Stellenwert, wenn dann doch der Rückgriff erfolgt.
Wie etwa bei „Ash“, wo erneut das Schlagzeug in seiner getriebenen Art den Unterschied macht und nicht selten einen gewissen Jazz-Anteil in die kammermusikalischen Elektro-Suiten hineinmogelt.
Die älteren Stücke wirken neben dem neuen Material dafür aber auch ein ums andere Mal leicht überinstrumentiert. Wenn Cello und Trompete etwa die Melodien teilen, die Ring, der zwischen Gitarren und Mandoline wechselt, früher allein seinem brüchigen Falsett überlassen hätte. Das liegt nach wie vor irgendwo zwischen Thom Yorke zu Kid-A-Zeiten und dem frühen Bon Iver und verschwindet manchmal hinter den eigenen Effektketten.
Dann beschleicht einen – ganz von der Jazzmusik abgeschaut – öfter mal das Gefühl, die Instrumente würden miteinander streiten, nicht unbedingt virtuos aber mit einem gewissen Trotz.
Nach Jahren der Hochglanzproduktionen schwingt heute schließlich auch ein gewisser Mut zum Unfertigen mit. Holprig wird es deshalb nie, der vermeintliche Charme des Unperfekten will sich aber auch nicht so recht einstellen.
Hintenraus und spätestens mit der überragenden Single „Hum Of Maybe“ vom aktuellen Album überlassen Apparat aber ohnehin nichts mehr dem Zufall. Den Schluss besorgt „Black Water“, wo die Melodie am Ende buchstäblich im Rauschen ertrinkt, sich dafür die Empore von den Sitzen erhebt.
Kammermusikalische Electronica in barocker Kulisse, das schlägt mit Apparat noch immer eine stilsichere, Epochen umspannende Brücke und macht Lust auf die ausstehenden Enjoy-Jazz-Festivals-Shows, die noch bis zum 7. November in der Rhein-Neckar-Region stattfinden.








