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Ahzumjot (Credit Christoph Voy)

Man kann schaffen, was man sich vornimmt – Ahzumjot im Interview

Die Geschichte von Alan Julian Asare aka Ahzumjot dürfte allen Kids Mut machen, die davon träumen eines Tages ein gefeierter Rapper zu sein. Während er sein letztes Album „Monty“ nämlich noch komplett unter Eigenregie produzierte und vertrieb, klopfte bald darauf schon Universal an die Tür. Mit dem Majordeal in der Tasche ist es jetzt Zeit für die neue Platte „Nix mehr egal“. Im Gespräch mit MusikBlog spricht Ahzumjot über sein Album, den Hedonismus seiner Generation und feiernde Rentner auf Teneriffa.

MusikBlog: Dein neues Album heißt „Nix mehr egal“? Wieso eigentlich „mehr“? Gab es mal eine Zeit, in der dir alles egal war oder zumindest gewisse Dinge?

Ahzumjot: Mir nicht unbedingt. Es zielt eher darauf ab, dass den Leuten eigentlich meistens alles egal erscheint und dass ich generell in einer Generation lebe, in der sehr vieles egal wirkt. Hauptsache man geht am Wochenende feiern. Ich verneine das quasi so ein Stück weit.

MusikBlog: Da bist du ja in Berlin im Epizentrum des Egal-seins momentan.

Ahzumjot: (lacht) Ja, absolut. Da habe ich auf jeden Fall die richtige Stadt gefunden.

MusikBlog: Wahrscheinlich ist der Titel dann davon auch ein bisschen inspiriert gewesen, oder?

Ahzumjot: Ja, durchaus. Klar, wenn du hier einfach deinen Tag verbringst und dich in dieser „Künstlerszene“ bewegst – wie widerlich das auch klingen mag – dann ist es nun mal so, dass das hier natürlich sehr gehäuft ist. Ich bin ja immer jemand, der seine Texte aus dem Alltag und aus Beobachtungen zieht und wenn man so etwas den ganzen Tag sieht, ist es logisch, dass das Album davon handeln wird.

MusikBlog: Apropos „Aus-dem-Alltag-ziehen“. Du hast in Interviews gesagt, dass du dich, als du damals „Monty“ aufgenommen hast, nebenbei mit Nebenjobs über Wasser gehalten hast. Ist das vielleicht der Grund warum du diese Haltung hast, weil du im Gegensatz zu anderen Leuten, denen alles egal sein kann, weißt, was es bedeutet, wenn man sich sein Brot hart erarbeiten muss und erst abends Musik machen kann?

Ahzumjot: Natürlich, genau so ist das. Ich habe nie was geschenkt bekommen. (lacht) Nein, aber es ist natürlich so: Man will etwas aus sich machen und hat eine bestimmte Vision, die nicht einfach zu erreichen ist. Es werden einem sehr viele Steine in den Weg gelegt, weil es nun mal Fakt ist, dass du in der heutigen Welt ohne Geld nicht überleben kannst und dich dann um tausend Jobs nebenbei kümmern musst. Wenn du das die ganze Zeit machen musst und dann gar nicht die Zeit dafür hast, dass dir alles egal ist, weil dich alles beschäftigt, dann ist es klar, dass du eine Antihaltung gegen das Egalsein hast.

MusikBlog: Ist das für dich auch ein Hauptunterscheidungsmerkmal von „Nix mehr egal“ gegenüber „Monty“?

Ahzumjot: Da gibt es definitiv so einige Unterscheidungsmerkmale, aber vor allem würde ich sagen, dass ich ein bisschen erwachsener geworden bin, so blöd das auch klingen mag. Ich bin jetzt zwar auch erst 25, aber sage oft genug: „Ich bin zu alt für die Scheiße.“ (lacht) Jedenfalls bin ich definitiv ein bisschen reifer geworden und bin vielleicht auch in einer Phase, wo ich doch zufriedener mit vielem bin. Meine Situation ist vielleicht tatsächlich nicht mehr ganz so arg wie bei „Monty“, wo ich wirklich diverse Jobs gemacht habe um überhaupt ein Stück Brot auf dem Teller zu haben. Außerdem ist die Perspektive und Chance jetzt ein bisschen größer geworden. Es hat sich natürlich sehr viel verändert und dadurch ist die Musik nicht mehr ganz so melancholisch geraten und handelt nicht mehr von dieser typischen „Generation Perspektivlosigkeit“. Ich bin eigentlich ein ganz großer Feind davon, Generationen Titel zu geben. Es geht vielmehr darum, dass man schaffen kann, was man sich vornimmt, wenn man selber daran glaubt und hart genug dafür arbeitet und auch bereit ist, Dinge dafür zu opfern.

MusikBlog: Ist es für dich denn so, dass das Album eine vorläufige Krönung von deinem Werdegang ist, oder begreifst du es als völlig neuen Abschnitt, der von deinen Veröffentlichungen mit „Schlechte Menschen“ und „Monty“ eher losgelöst ist?

Ahzumjot: Für mich ist es einfach ein logischer, weiterer Schritt. Das ist jetzt nicht die Krönung in dem Sinne, dass ich sage: Das ist das beste Album, das ich machen kann. Das ist definitiv das Album, das ich jetzt machen wollte, falls du das mit Krönung meinst.

MusikBlog: Ja, gerade weil du eben sagtest, dass du dich jetzt reifer fühlst, was ja schon bedeuten kann, dass man sich von den früheren Veröffentlichungen etwas distanzieren möchte, weil sie vielleicht nicht mehr dem entsprechen, was man sich mittlerweile musikalisch vorstellt.

Ahzumjot: Ach, ich finde, ich habe mich gar nicht so hart davon abgegrenzt. Auf dem jetzigen Album rappe ich tatsächlich wieder ein bisschen mehr und habe viel mehr Spiele mit der Stimme und mehr Flow drin, weil ich die Erfahrung gesammelt habe, dass es live viel mehr Spaß macht, das wieder einzubauen und nicht mehr ganz so monoton zu sprechen, wie ich es auf dem „Monty“-Album gemacht habe. Natürlich ist aber der große Unterschied die Produktion. Da haben wir jetzt mit Nikolai Potthoff zusammengearbeitet, der das Album produziert hat und das ist natürlich ein gewaltiger musikalischer Schritt.

MusikBlog: Vor allem, weil „Monty“ eigentlich noch ein Do It Yourself-Projekt war, oder?

Ahzumjot: Genau, komplett.

MusikBlog: Wie war denn überhaupt die Arbeit am Album? Dadurch, dass du jetzt in diesem Major-Umfeld warst, könnte man ja denken, dass auf einmal alles ganz stark getaktet ist und es keine Zeit mehr ist für kreative Schaffenskrisen gibt.

Ahzumjot: Tatsächlich nicht. Wir haben für das Album trotzdem anderthalb Jahre gebraucht und es war auch wichtig, dass wir diese Zeit hatten. Wir hatten nie eine Deadline. Es war eher so, dass wir dachten: Jetzt wollen wir aber auch mal fertig sein und den Leuten zeigen, was wir gemacht haben. Von Labelseite hieß es dann oft: „Ja, aber da geht noch mehr. Hol wirklich alles aus dir raus, was du aus dir rausholen kannst.“ Die waren eher motivierend. Deswegen hat es dann auch so lange gedauert. Wenn es nach mir ginge, hätte ich das Album am liebsten schon Anfang 2013 rausgebracht, aber da muss man dann auch irgendwie realistisch genug sein, um zu sehen, dass das noch nicht genau das ist, wo es hin sollte.

MusikBlog: Das ist auf jeden Fall gut. Als Außenstehender würde man es wahrscheinlich andersherum vermuten, nämlich dass man diese Freiheiten eher bei einem Indie Label hat.

Ahzumjot: Ja, aber bei Universal habe ich Leute um mich herum, die darauf erpicht sind, dass wir etwas Geiles aufbauen und zusammen an einem Strang ziehen. Vor allem wollen wir auf unsere Art an die Sache gehen und nicht einfach einen Schnellschuss rausballern, nur weil jetzt gerade Hip-Hop gut läuft. Deswegen ist das nicht so passiert.

MusikBlog: Du hast ja bereits zwei Videos ausgekoppelt, wobei mir besonders „Der coolste Motherfxcker“ ins Auge gesprungen ist, weil das Video sehr kurios ist. Dort performst du den Song vor einer Gruppe Senioren in einer Bar. Wie kam es denn dazu?

Ahzumjot: Das war ein Nebenprodukt von dem anderen Video, nämlich von „Es ist gut wie es ist“. Das Video zu „Der coolste Motherfxcker“ ist auf Teneriffa in einer Nacht entstanden, in der wir in eine Karaokebar gegangen sind. Dann habe ich meinen Song auf einem USB-Stick mitgenommen und gefragt, ob ich den einmal performen kann.

MusikBlog: Wussten die Rentner denn, dass sie nun Teil eines Hip-Hop-Videos werden?

Ahzumjot: Ne, das war ganz spontan. (lacht)

MusikBlog: Wahrscheinlich stoßen sie eines Tages auf YouTube auf das Video und sind dann total begeistert.

Ahzumjot: Ja, mal sehen, ob die begeistert sind oder sich nur denken: Oh Gott! (lacht) Aber an dem Abend war es tatsächlich so, dass sie es total super fanden, dass da eine Kamera war und haben das total gefeiert. Wenn sie das im Nachhinein gucken, werden sie sich bestimmt überlegen, wie sie das ihren Enkelkindern erklären sollen. (lacht)

MusikBlog: „Der coolste Motherfxcker“ ist eigentlich ein Satiresong. Nicht so offensichtlich, dass es einem gleich beim ersten Hören bewusst ist, aber schon mit der ein oder anderen Spitze in die Richtung der Leute, die man heutzutage „Hipster“ nennt. Ist das auch so gemeint oder bist du wirklich der coolste Motherfucker?

Ahzumjot: Ich bin der coolste Motherfucker. Nein, das ist eine Satire. Das ist natürlich auch nur ein Produkt davon, dass ich in Berlin unterwegs bin und an diese Leute ist es gerichtet.

MusikBlog: Kannst du verstehen, dass diese Leute so unreflektiert durchs Leben gehen?

Ahzumjot: Natürlich ist es einfacher, sich da zurückzuziehen und zu sagen, dass einem alles egal ist. Spaß haben ist eigentlich das Schönste, was ein Mensch haben kann. Wer will denn keinen Spaß haben? Ich sitze auch nicht den ganzen Tag zu Hause und mache mir Gedanken über Gott und die Welt. Ich mache mir aber wahrscheinlich ein bisschen mehr Gedanken als die meisten Leute, die jeden Tag ins Berghain gehen. Ich versuche dennoch nicht, irgendjemanden zu belehren. Darum kann „Der coolste Motherfxcker“ auch einfach nur ein Spaßsong sein und als solcher wahrgenommen werden. Das muss nicht unbedingt heißen, dass jeder sofort über den tieferen Sinn nachdenken muss. Wenn man es tut und die Ironie versteht, dann ist das auf jeden Fall schön. Wenn es für einen aber einfach nur ein angenehmer Partysong ist, dann soll er das machen. Das gilt auch für den Rest des Albums. Deswegen habe ich gar nicht versucht, dass es wieder so drückend-melancholisch klingt, denn Musik muss auch immer noch Spaß machen können. Das habe ich bei „Monty“ ein bisschen außer Augen gelassen und war nur darauf erpicht, bestimmte Themen anzusprechen. Jetzt bei „Nix mehr egal“ habe ich mehr darauf geachtet, dass es auch Bock macht, es zu hören. Wenn ich zum Beispiel auf einem Festival Songs von „Monty“ gespielt habe, dann haben die manchmal einfach die Stimmung gedrückt. Ich möchte, dass man diesen Hörgenuss wieder hat. Wenn man sich beispielsweise K.I.Z. anhört, sind die häufig auch sehr sozialkritisch, aber dennoch glaube ich, dass 80% der Fans überhaupt nicht verstehen, worauf sie hinauswollen. Und das möchten K.I.Z. vielleicht sogar so. Mit „Der coolste Motherfxcker“ ist es genauso. Da haben einige Leute gedacht, dass der Text komplett ernstgemeint ist.

MusikBlog: Das ist aber ein großes Kompliment für dich, weil es zeigt, dass der Text mehr als eine Ebene hat.

Ahzumjot: Natürlich. Es ist in der aktuellen Popmusik zwar nicht unbedingt gewollt, mehr als eine Ebene zu haben, aber das kann mir ja egal sein. (lacht)

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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