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Mein Leben ist ein unendliches Gedicht – Willis Earl Beal im Interview

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Gehört es zu den Kernaussagen eines Künstlers, Musikkritiker als Kriminelle oder gar „bullshit artists“ zu bezeichnen, gehen in Erwartung eines kämpferischen Dialogs selbst den mutigsten Fragestellern ordentlich die Muffen. Der Ruf Willis Earl Beals als unberechenbarer und übellauniger Interviewpartner hat sich über Jahre hinweg manifestiert – nicht zuletzt durch die strittige Abkehr von seinem ehemaligen Label XL Recordings, mit dessen Managementstrategie der in den Folksphären des Lo-Fi angesiedelte Freigeist sich querstellte. Doch ein friedlich-schläfriger Willis ergreift den Hörer, murmelt vorerst benommene Phrasen und wird immer lebendiger – stets respektvoll und korrekt, nimmt er doch die komplette Promotion seines neuen Werks „Experiments In Time“ selbst in die Hand.

MusikBlog: Willis, das klingt ja noch recht verschlafen. So kurz vor der Veröffentlichung deines dritten Albums scheinen die Nächte wohl lang zu werden?

Willis Earl Beal: (tief seufzend) Ach, weißt du… Es geht bergauf und -ab. Von Minute zu Minute ändert sich alles.

MusikBlog: Oh je. Das scheint deinem Entschluss geschuldet zu sein, „Experiments In Time“ selbst zu veröffentlichen und jegliche Promotion im Alleingang zu steuern?

Willis: Ganz genau. Ich spüre gerade, dass sich das Ganze etwas schwieriger gestaltet, als erwartet. Ein Label hat ganz einfach Connections, über die ich persönlich nicht verfüge. Allerdings entdecke ich auch durch den persönlichen Kontakt zu den Menschen, dass diese meine Arbeit tatsächlich kennen und wertschätzen. Als ich mit dem Label arbeitete, habe ich nie so unmittelbar erfahren, wie viele Musikliebende ich anziehe. Das Interagieren mit ihnen ist sehr inspirierend für mich. Ich fühle mich kleiner, doch das ist großartig – und die Arbeit dahinter zu schaffen.

MusikBlog: Ich kann mir vorstellen, dass das Konzept funktioniert, weil es mit deiner Musik harmoniert. Sowohl textlich, als auch in der Produktion gestaltet diese sich auf „Acousmatic Sourcery“ und „Nobody Knows“ sehr intim und nahbar.

Willis: Genau das ist es, was ich erreichen möchte. Nur ist es mein Ziel, diese Intimität mit einem professionelleren Sound zu kreieren, als er etwa bei „Acousmatic Sourcery“ vertreten war. Ich denke, das habe ich mit „Nobody Knows“ schon erreicht: Das Intime, das stellt den Künstler dar, der ich immer sein wollte.

MusikBlog: Wird das neue Album denn ohne die entsprechenden Zwänge eines Labels ein „back to the roots“- Ding? Wieder mit reduzierterem Sound, wie es zuvor in deinem unabhängigen Schaffen der Fall war?

Willis: Nun ja, ich denke tatsächlich, dass es sich gewissermaßen auf meine Wurzeln bezieht. Mein erstes Schaffen war nicht für die Ohren vieler bestimmt. Ich probierte mich noch aus, wollte meine eigene Richtung finden und wusste nicht, was mein Sound ist. Der ganze Prozess des Tourens, „Nobody Knows“, mein eigenes Equipment zu kaufen – mit all den Ereignissen hat sich mein Sound stetig gebessert. Ich habe mehr Vertrauen in mich. „Experiments In Time“ ist insofern back to the roots, als dass es meine Prinzipien darstellt: Zu machen, was ich möchte – wie ich es möchte. Allerdings mit einer Richtung, die ich bei „Acousmatic Sourcery“ noch nicht hatte. „Experiments In Time“ ist damit mein vollkommenstes, konzeptionellstes Album.

MusikBlog: Die meisten deiner neuen Songs stammen schon aus älterer Feder. So wurden Intention und Gefühlslage deines Schaffens in der Zwischenzeit scheinbar wenig beeinflusst.

Willis: Tatsächlich sind das die meisten, ja. Mein Leben ist ein unendliches Gedicht. Als ich diese Songs in früherer Zeit schrieb, habe ich die Gefühle noch gar nicht erfahren. Ich habe quasi darüber geschrieben, wie ich sie mir vorstellen würde. Wie wäre es, diese Gefühle zu erleben? Ich habe diese Songs wiederentdeckt, ihnen neues Leben eingehaucht, mit all den neuen Eindrücken.

MusikBlog: Welche Stimmung assoziierst du denn entsprechend mit dem neuen Album?

Willis: Melancholie. Sie ist in all meinen Werken, hat hier aber viel mehr Raum und zeigt sich vornehmlich in den Themen des Alleinseins. Damit verbunden ist das Gefühl von Freiheit. So absurd das klingen mag: Ich habe kaum Freunde. Wenn ich alleine bin und niemanden erreiche, ich nirgendwo hinkann, dann beschleicht mich ein Gefühl von Freiheit. Ich kann fühlen, was ich möchte. Mich gehen lassen. Ich kann die Tiefen erleben. Sagen: ich werde mich jedenfalls nicht töten. Das ist so ein spiritueller Moment. Alles kann kommen, nichts ist um dich herum.

MusikBlog: Jene Einstellung erinnert an deine Vor-Label-Zeit. Hast du etwas aus der Arbeit mit dem Unternehmen mitgenommen, oder dafür nur harsche Kritik übrig?

Willis: Ich bin heute eine viel bessere Person, als ich es ohne XL je geworden wäre. Diese Karriere schlägt die beschissenen Jobs in Chicago und Alberqueue um Längen. Ich habe viele Prinzipien erfahren, nach denen ich heute lebe. Mir wurden Orte gezeigt und Türen geöffnet, was gute und schlechte Seiten hatte. Vor dem Unterschreiben des Vertragswisches hatte ich nichts, was mir vorgab, erwachsen zu werden. Nichts zeigte mir, dass das Leben wirklich wert ist, gelebt zu werden. Mit Hilfe des Labels kann ich heute sagen: Hier bin ich. Das bin ich. Die Leute, die Länder kennen mich. Ich bin nicht berühmt, aber ich habe eine Identität. Ich bin ein Stück weit weniger ein Niemand, als ich es je war. Doch die Label-Mitarbeiter sahen mich in ihren Plänen als großen Star. Sie dachten, ich würde in zu kleinen Dimensionen denken. Für mich waren die ihre zu groß.

MusikBlog: Das ist für dich jedoch kein Grund, Künstler zu verurteilen, welche bei einem Label unterschrieben haben? Ihre Werke sind in deinen Augen nicht kapitalorientiert oder seelenlos?

Willis: Nein, ich möchte niemanden an den Pranger stellen. Ich bin nicht so unheimlich rebellisch, wie gerne berichtet wird. Ich denke schon, dass deren Hauptziel das Geldmachen ist. Aber ich sage nicht, dass das eine schlechte Sache sei. Ich glaube nicht an gut und schlecht, schwarz und weiß. Das existiert nur für das Individuum. Es sollte für sich selbst herausfinden, was es möchte. Das zu kritisieren war nicht meine Intention. Ich wollte mit meiner Musik mich selbst als Individuum schaffen und ausdrücken.

MusikBlog: Und doch käme ein Platten-Deal für dich noch in Frage?

Willis: Ja, vielleicht. Die meisten Labels, mit denen ich bisher gesprochen habe, meinten, dass ich die richtigen Kollaborationen eingehen und meinen Sound verbessern müsse. Dann sage ich: Hört mal. Mein Sound ist mein Sound. Er ist nicht unvollständig, sondern abgeschlossen. Akzeptiert das, oder wir werden keine Partner. Außerdem möchte ich 50% aller Abverkäufe und nicht touren müssen. Ich hasse Touren und möchte lediglich zu besonderen Anlässen auftreten.

MusikBlog: Bitte sage nicht, dass die Kollaboration mit Cat Power unter Zwang entstand…

Willis: Oh, nein nein! Chan Marshall war tatsächlich eine Wunschkandidatin. Sie hat mich in meinem Schaffen beeinflusst und sehr inspiriert, war sozusagen das Leuchtfeuer meines Strebens. Ich habe sie immer bewundert. Das war definitiv etwas, das ich wollte.

MusikBlog: Und was sind deine nächsten Projekte nach dem Promotionstress?

Willis: Ich nehme unaufhörlich Musik auf. Daran arbeite ich eigentlich immer und verbessere mich. Neben dem Fokussieren auf das Marketing für „Experiments In Time“ spiele ich noch auf einem kleinen Festival – die haben mich direkt angefragt, wie es sich in meinen Augen gehört. Weißt du, damit ich nicht einroste.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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