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Ich bin ein sehr geduldiger Mensch – Talisco im Interview

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Musiker zu sein, heisst manchmal eben auch sehr viel Geduld aufbringen zu müssen. Kaum einer bekommt über Nacht die gewünschte Aufmerksamkeit und muss sich stattdessen nebenbei mit anderen Jobs durchschlagen. Obwohl Jérôme Amandi alias Talisco lange Zeit ein glückliches Dasein mit ganz normalen Berufen führte, blieb die Musik immer seine große Liebe. Nun veröffentlicht er über Virgin Records sein Debütalbum „Run“ und erzählt uns mitten in Paris unter anderem, warum es für manche Dinge im Leben eben nie zu spät ist und warum seine künstlerischen Ambitionen über seine Musik hinausreichen.

MusikBlog: Vor wem oder was bist du denn mit „Run“ auf der Flucht?

Talisco: Eines ist sicher – mir läuft auf jeden Fall keine Frau hinterher, die mich in die Flucht treibt (lacht). Mit „Run“ will ich nur meine ständige Flucht als Künstler versinnbildlichen.

MusikBlog: Du machst schon seit deiner Jugend Musik. Mit was für einem Gefühl blickst du auf dein gerade veröffentlichtes Debütalbum?

Talisco: Musik ist mir schon immer sehr wichtig gewesen. Leider ist es sehr schwer, davon zu leben. Darum fühlt sich alles, was gerade um mich herum passiert, schon fast utopisch an. Um Musik machen zu können, muss ich mich sicher fühlen. Die Vorstellung, sich nur auf die Musik zu verlassen, birgt dagegen viele Unsicherheiten. Es ist so schwierig geworden, nur allein damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Man weiss schließlich nie genau, was passieren wird. Genau darum habe ich bis vor kurzem auch einen ganz normalen Job in einer Kommunikationsagentur gehabt, was völlig in Ordnung für mich war. Trotzdem bin ich eines Tages aufgewacht und ich habe gewusst, dass das nicht alles für mich sein kann. Die Musik hat mich schon immer in meinem Leben begleitet, also habe ich mir gedacht, warum soll es nun zu spät dafür sein, es doch noch einmal richtig damit zu versuchen? Jetzt nutze ich die Chance, die mir gegeben wird.

MusikBlog: Ist es dir schwer gefallen, so lange damit zu warten, die Musik zu deinem Beruf zu machen?

Talisco: Um ehrlich zu sein, nein. Es ist mir nicht so schwer gefallen, wie man vielleicht annehmen könnte. Dann wiederum hatte ich sehr viel Glück, denn ich habe nur knapp eineinhalb Jahre gebraucht, um ein passendes Label zu finden. Ich habe mich nicht lange mit der Suche nach dem richtigen Label herumplagen müssen. Abgesehen davon bin ich ein sehr geduldiger Mensch. Ich hatte nie ein Problem damit, mit etwas anderem als der Musik meinen Lebensunterhalt zu finanzieren, denn ich war nie unzufrieden mit meinem alten Job oder musste mich förmlich aus dem Bett quälen. Die Musik wird jedoch immer meine erste Liebe bleiben. Selbst als mein Alltag abseits davon stattfand, war sie dennoch irgendwie bei mir.

MusikBlog: Du hast einmal gesagt, dass die Fantasie und deine Träume zwei sehr wichtige Bestandteile deines Songwritings sind. Welche Bedeutung misst du den Erfahrungen bei, die du in deinen Träumen machst?

Talisco: Alles, was ich in meinen Träumen erlebe, kann früher oder später ein Teil meiner Songs werden, aber als Künstler ist für mich der ganze Tag von Bedeutung, wenn ich kreativ bin. Träume inspirieren mich eher auf einer unterbewussten Ebene, zum Beispiel, was die emotionale Seite meiner Songs angeht. Es geht mir bei den Erfahrungen in meinen Träumen nicht so sehr um einzelne Ereignisse, sondern vielmehr um die Gefühle, die darin zum Vorschein kommen. Meine Musik ist sehr von Gefühlen geprägt. Ich möchte auch, dass meine Songs Emotionen hervorrufen. Das ist für mich als Songwriter und Musiker das Wichtigste. Wenn man sich nicht der Musik hingeben kann oder von ihr berührt wird, dann stimmt etwas nicht mit einem. Dabei ist es egal, ob du nach einem lauten, energiegeladenen Song die Welt erobern willst oder bei einem melancholischen Stück plötzlich ganz traurig wirst. So lange du etwas dabei fühlst, ist die Musik bei dir angekommen. Die einzige Schwierigkeit für mich liegt darin, diese Emotionen dann in Songs zu übertragen.

MusikBlog: Wie können wir uns diesen Prozess vorstellen?

Talisco: Genau das fällt mir manchmal ganz schön schwer, wenn ich ehrlich bin. Es ist jedes Mal eine große Herausforderung, all meine Gefühle in klangliche Gegenstücke zu übersetzen, aber gleichzeitig gefällt es, mir diese Aufgabe zu bewältigen. Es ist für mich schon fast alltäglich geworden, so dass ich es nicht mehr als komisch empfinde, meine Gefühlswelt auf diesem Weg zu erforschen.

MusikBlog: Und doch braucht es dafür sicherlich auch ein hohes Maß an Sensibilität, oder?

Talisco: Ja, das ist wahr. Ich war schon immer recht einfühlsam. Vielleicht macht es das einfacher, auch wenn ich meine Feinfühligkeit manchmal verflucht habe. Mittlerweile habe ich sie akzeptiert und versuche sie, für mein Songwriting zu nutzen, was durchaus ein Vorteil ist. Irgendwann ist es eh zu spät, etwas an sich selbst ändern zu wollen, also mache lieber das Beste daraus. Ich bin wirklich froh, dass ich mich nicht dazu zwingen muss, meine Empfindungen in einem Song zu verarbeiten. Es ist wie mit einer Tür, die ich aufstoßen muss, um dann in eine andere Welt einzutauchen.

MusikBlog: Du musst also nur eine Art inneren Schalter umlegen, um in diesen Modus zu gelangen?

Talisco: Diese Metapher trifft es gut. Es fühlt sich wirklich wie ein Schalter an, den ich mittlerweile gut zu bedienen weiss. Wenn ich einen Song schreiben will, dann muss ich ihn nur umlegen und es kann losgehen. Der Inhalt liegt gewissermaßen in einer Box, die ich nur öffnen muss und zu der ich jederzeit Zugang habe, weil ich sie immer bei mir habe. Alles, was ich tun muss, ist den Deckel zu öffnen und das herauszuholen, was mir gerade in meiner Vorstellung vorschwebt.

MusikBlog: Wonach hast du in dieser Box gesucht als du an „Run“ gearbeitet hast?

Talisco: Bei der Arbeit an „Run“ ging es für mich ausschließlich darum, positive Emotionen aufzugreifen und darin zu verarbeiten. In dieser besagten Box, wo ich all meine Gefühle aufbewahre, gab es keinen Raum für Melancholie. Ich mag es nicht, traurig zu sein. Daher vermeide ich es so gut es geht auch beim Songwriting, allzu tief in diesem oder ähnlichen Gefühlszuständen zu verweilen, wenn es nicht absolut nötig ist. Meine Vorstellungskraft ist von vielen positiven Dingen geprägt. Ich glaube „Run“ ist, was seine allgemeine Perspektive angeht, doch sehr positiv gestimmt. Manchmal vielleicht sogar etwas heroisch. Das beschreibt gut die Vision, die ich von meiner Musik habe. Es gibt nur zwei Songs auf dem Album, die atmosphärisch gesehen nicht unbedingt dazu passen. Einer davon ist „So Old“.

MusikBlog: Ursprünglich kommst du aus Bordeaux. Mittlerweile lebst du jedoch in Paris. Was macht die Stadt für dich als Künstler so lebenswert?

Talisco: Ich muss einfach in einer Großstadt wie Paris leben. Natürlich ist der Gedanke schön, dass man heutzutage überall hinreisen kann, aber Paris hat diese besondere Energie, die sehr anziehend auf mich wirkt. Ich liebe es, all das in mir aufzusaugen, um dann damit meine Box voller Emotionen zu füllen. Wenn es mir dann ab und an doch etwas zu viel wird, dann kann ich mich immer noch an einen ruhigeren Ort zurückziehen, wo es keine Menschenmassen und dergleichen gibt. Ich liebe die Stille sehr und die Tatsache, dass man in ihr nur das hören kann, was gerade im eigenen Kopf vor sich geht. Ein Teil meiner Familie lebt in Südfrankreich, wo es mich manchmal hinzieht, wenn ich genau dieses Gefühl erleben möchte. Es tut gut, sich dann nur auf das zu konzentrieren, was im Inneren mit einem passiert. Ich persönlich empfinde es als wichtig, solch einen Ort der Zuflucht zu haben, an dem man durchatmen kann.

MusikBlog: Kannst du das auch in deinem Heimstudio tun?

Talisco: Mein Studio ist nicht unbedingt ein Ort, wo ich dazu in der Lage bin, weil ich dort eigentlich nur arbeite. Es ist nicht unbedingt ein Studio im klassischen Sinne, sondern vielmehr ein Raum mit Instrumenten darin. Mein Laptop, meine Gitarre und mein Klavier sind immer griffbereit, wenn ich mich dort aufhalte. Ein luxuriöses Studio sieht definitiv anders aus! Ich weiss nicht einmal, ob ich überhaupt in einem richtigen Studio arbeiten könnte.

MusikBlog: Wie funktioniert es, dass deine Songs an einem Ort entstehen, der verhältnismäßig klein ist und an dem du dich zurückziehen kannst, deine Songs dagegen ein so hohes Maß an Weite und Freiheit ausstrahlen?

Talisco: Das kommt vermutlich daher, weil mein inneres Wesen emotional gesehen genau diese Eigenschaften besitzt, die ich dann wiederum in meinen Songs zum Ausdruck bringen kann. Ich muss nicht draussen in der Wildnis sein, um Songs mit Weitblick zu schreiben. Songs, deren Atmosphäre Freiheit ausstrahlen. Es spielt sich alles in meinem Kopf ab und ich kann diese Gefühle zum Glück immer herauslassen, wenn ich es für nötig halte, egal wo ich mich dann gerade befinde. Ich muss auch keine Drogen konsumieren, um mich mental an solch einen Ort zu transportieren. Das musste ich noch nie, wenn ich ehrlich bin.

MusikBlog: Vielleicht weil du noch nie durch eine Schreibblockade dazu gezwungen warst, dir ein anderes Ventil für deine Kreativität zu suchen?

Talisco: Das kann gut möglich sein. Ich glaube aber, selbst wenn ich mal in solch eine Situation käme, würde ich wohl eher aufhören, Musik zu machen anstatt mir durch Drogen neue Horizonte eröffnen zu wollen. Ich liebe die Musik über alles, aber ich weiß auch, dass es da draussen noch viele andere Dinge gibt, denen ich mich widmen könnte. Das klingt vielleicht etwas komisch, aber vor drei Jahren hatte ich noch einen ganz regulären Job und mein Leben war ganz in Ordnung. Heute schwirrt meine Musik da draussen umher, wird von fremden Menschen gehört und ich kann gar nicht ausdrücken, wie viel mir das bedeutet. Selbst, wenn morgen alles wieder vorbei wäre, würde ich immer noch unheimlich stolz darauf sein, all das erreicht zu haben. Ich wollte schon als Kind nichts mehr, als ein Musiker zu sein und habe mir immer vorgestellt, Gitarre zu spielen. Jetzt habe ich sogar ein Album veröffentlicht und bin sehr glücklich darüber, dass meine Musik andere Menschen erreicht. Ich betrachte nichts von alldem auch nur annähernd als selbstverständlich und daran wird sich auch nie etwas ändern. Egal wie meine Karriere weiter verlaufen wird. Ich werde mich mit den Umständen arrangieren können.

MusikBlog: Ziemlich bodenständig!

Talisco: Es ist mir unheimlich wichtig, nicht abzuheben und mich nicht von der Realität blenden zu lassen. Gerade als Künstler ist es so einfach, sein Ego den Dingen in den Weg zu stellen, die wirklich wichtig sind. Wie viele Musiker haben ihre Köpfe irgendwo ganz weit oben, sobald sie ein paar Sachen in ihrer Karriere erreicht haben. Ich glaube, ich bin kein Typ, der sich leicht durch Ruhm oder ähnliche Dinge beeindrucken lässt. Dafür ist mein Leben einfach zu bodenständig verlaufen und ich weiss genau, dass es da draussen oftmals ganz anders aussieht. Ruhm dauert normalerweise nicht allzu lange an und ist ein sehr zerbrechlicher Zustand. Genau darum schätze ich jeden Tag, an dem ich Musik machen kann. Was die Leute heute für gut befinden, kann morgen schließlich schon längst wieder irrelevant sein.

MusikBlog: „Run“ ist gerade auf dem Traditionslabel Virgin Records erschienen. Was für ein Gefühl weckt diese Zusammenarbeit in dir?

Talisco: Zunächst einmal schätze ich es sehr, dort unter Vertrag zu sein und bin sehr dankbar für die Gelegenheit, meine Songs über Virgin zu veröffentlichen. Trotz allem flippe ich aber nicht täglich aus, wenn ich mir diese Tatsache vor Augen halte oder lasse mich davon in meiner Arbeit beirren. Ich will mich lieber ausschließlich auf meine Musik konzentrieren anstatt mich damit zu beschäftigen, was es im Detail bedeutet bei einem so tollen Label unter Vertrag zu sein.

MusikBlog: Das Album wird von einem Kurzfilm begleitet, der weitaus mehr ist als das übliche Musikvideo, was man normalerweise vorgesetzt bekommt. Hast du als Künstler das Verlangen, mehr als nur ein Musiker zu sein und willst in einem größeren Rahmen wahrgenommen werden?

Talisco: Ja, da ist etwas dran. Ich mag es, mich als Künstler nicht nur auf einer festgelegten Ebene auszudrücken, sondern möchte mich auch darüber hinaus auf ein neues Terrain bewegen. Darum wollte ich ein Video machen, das mehr als das ist, was man durchschnittlich im Fernsehen zu sehen bekommt. Es ist toll, einfach nur ein Musiker zu sein, aber ich bin auch daran interessiert, mich kreativ ausserhalb dieses Rahmens zu bewegen. Ich möchte als Künstler eine Art kleines Universum schaffen, in dem ich tun und lassen kann, was auch immer ich will und in dem ich alle möglichen Orte erforschen kann. Die visuelle Ebene ist für mich ein ebenso großer Spielraum wie die Musik. Es gehört viel dazu, seine Emotionen mit einem Instrument auszudrücken, aber ich wollte mich selbst herausfordern selbiges auch filmisch umzusetzen. Deswegen ist am Ende ein kleiner Film dabei herausgekommen.

MusikBlog: Was ist mit der Schauspielerei? Interessiert sie dich auch oder eher die Tätigkeit hinter der Kamera?

Talisco: Ich sehe mich definitiv nicht als Schauspieler. Ich kann nicht einmal von mir behaupten, dass ich mich besonders für die Schauspielerei interessiere. Es wäre einfach komisch gewesen, nicht im Kurzfilm mitzuspielen, deswegen sieht man mein Gesicht an wenigen Stellen (lacht). Als Musiker gehört es fast schon dazu, auch selbst in den eigenen Videos mitzuspielen. Es ist Teil des Jobs und dient dazu, den Leuten mal kurz mein Gesicht zu präsentieren. Mehr Ambitionen habe ich allerdings nicht, was die Schauspielerei angeht.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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