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Reeperbahn Festival 2014

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Das 6. Reeperbahn Festival war das größte, längste, besucherreichste – und beste. Denn nichts geht über das Prinzip, sämtliche Stile in 70 Clubs auf so engem Raum zu vereinen.

Das ganze Universum des Sounds passt manchmal auf zwei Etagen. In einem Luftschutzbunker am Rande des Heiligengeistfeldes etwa kann es dieser Tage passieren, dass die britischen Doompopper Esben And Zhe Witch wie eine Supergroup aus Team Dresch und Black Sabbath ihren Klangteppich übers Publikum fegen, während vier Zausel der isländischen Band Berndsen eine Art Nintendotechfunk zelebrieren, der einem das Lächeln ins Gesicht tackert. Und gleich nebenan, nur durch ein paar Meter Beton getrennt? Vernähen die Londoner The King’s Parade ihren Sixties Soul mit Jazz, dass die Krawatten fliegen.

Passt nicht zueinander? Könnte man meinen. Nicht zeitgleich. Nicht auf derart engem Raum. Nicht mal im Bunkerclub Uebel & Gefährlich, bekannt für’s wilde Lineup-Mischen auf drei Stages. Es sei denn, Hamburg feiert gerade „Reeperbahn Festival“. Das größte Happening der Clubkultur Deutschlands, sagen die einen. Auf Augenhöhe mit dem texanischen SXSW, steigern andere. Europaweit immerhin das wichtigste Indie-Treffen seiner Art, positionieren sich die Veranstalter in der Mitte globaler Geltung. Irgendwie liegen sie fünf Jahre nach der Premiere alle richtig.

Denn wer es über vier volle Tage schafft, brachialen Experimentaltechno und feinsinniges Singer/Songwriting mit EDM, Britrock, Motown, Ethnofolk, Radiopop oder Kumbia in Harmonie zu vereinen. Wer 350 brachial unterschiedliche Acts aus Dutzenden von Ländern auf 70 Bühnen bringt, die keinen Kilometer auseinander liegen. Wer den Spirit der Musik so verinnerlicht, dass selbst die größten Gegensätze im Licht der Spätsommersonne verschmelzen, der zeigt bei allem Wehklagen der Branche: Zumindest live lebt sie. Und wie.

Dafür reicht ein Blick ins Uebel & Gefährlich, wo die drei eingangs erwähnten Bands scheinbar unvereinbar in den Samstag hinein spielen. Um trotz einer unverwüstlichen Folklastigkeit die Vielfalt zu erspüren, kann man aber an jeden beliebigen Ort des Reeperbahn Festivals wandern, ein wenig Schlangestehen, eintreten. Hinein in die dunstige Beatles-Keimzelle Indra, wo fünf Schotten von Flood Of Red ihren sphärischen Stoner in allen erdenklichen Moll-Tönen durchdeklinieren, während nebenan, im frisch sanierten Krautrockschuppen Grünspan, die Powerpopband Cats On Trees das exakte Gegenteil in Dur tut, als sie ihr monatelang verschobenes Debütalbum vor 400 Tanzenden testet. Und so geht es weiter, die Große Freiheit runter Richtung Kiez.

Vorm berühmten Dock’s rangeln ein paar Hundert Wartende, um die letzten Plätze fürs anstehende Beatsteaks-Konzert, da beherbergt der billige Touristen-Bumms Cowboy & Indianer das israelische Trio Tamar Antler mit absurdem Pop für Feinschmecker. Und auf dem Asphalt dazwischen, dem Spielbudenplatz? Gibt es Ska aus einem Reisebus, Rock’n’Roll vom Dach einer „Kleinraumdisco“ und einen Großteil der 30.000 Besucher, die bei Bier und Wurst am Faltplan Konzepte schmieden, die sie an der nächsten Tür doch wieder verwerfen.

Denn Konzepte bringen gar nichts, wenn man den Großteil der Acts ohnehin nicht kennt. Weil sie schlicht zu unbekannt sind, aus der nordschwedischen Provinz. Oder weil das, was aus Clubs mit Namen von Hasenschaukel über Moondoo bis Kaiserkeller ins Freie weht, einfach spannender klingt als der schönste Ablaufplan. Der hätte einem dann womöglich die Prinzenbar am Donnerstagabend vorenthalten. Es ist eine der schönsten Locations der Stadt. Mindestens. Ein gründerzeitliches Stuckgewitter mit putzigen Emporen, das eher an Streichquartette als House erinnert. Und dann stehen da zwei fingerfertige Mixer mit E-Schlagzeug im Eck und pfeffern einen Techfunk durch den schwitzenden Saal, dass man sich bei Coma doch mal ein Kreuz macht. Muss man morgen mal bei Youtube gucken. Und nicht nur die.

Es gibt natürlich auch auf diesem Festival, was man sonst Headliner nennt. Im Reeperbahnspektrum heißen die Jens Friebe, The Subways, Judith Holofernes, Hauschka, Asa oder auch Kraftklub, die ein wenig abseits der Reeperbahn im Kielwasser der Party surfen. Was aber hängen bleibt, was auch der sechsten Auflage ihren Reiz verpasst, das sind andere als die bekannten Namen. Jordan Klassen zum Beispiel, vier blutjunge Kanadier, die im alltags eher aufdringlichen Neidklub mit Cello und Mandoline einen Pop zaubern, der Vampire Weekend zum Chartpop degradiert.

Tief unter der sternenklaren Nacht lässt man sich im tiefergelegten Mojo vom Bassbrett des Australiers Ben Frost die Flimmerhärchen aus den Ohren blasen, gestattet den deutschen Neulingen Die Nerven kurz darauf das Gleiche mit politisch motiviertem Postpunk im wiedereröffneten Molotow und erholt sich am finalen Samstag in der Großen Freiheit 36 beim französisch-finnischen Popduo The Dø, das nirgends einzuordnen ist und gerade deshalb keinem Gedächtnis je entrinnen dürfte.

Es ist müßig weiter aufzuzählen. Wer in vier Tagen 20 Gigs sehe, sagt Festival-Chef Alexander Schulz, habe sein Potenzial voll ausgeschöpft. Und da ist noch nicht mal von den all den Konferenzen, Debatten, Symposien zum Thema Popkultur 3.0 die Rede. Nein, das Wesen des Reeperbahn Festivals, sein Alleinstellungsmerkmal, der Sog – all dies besteht in der räumlichen Nähe von allem, was an den Ballermannwochenenden nur stört und hier für vier Tage Clubfreundschaft feiert. Da stören dann selbst die Beatsteaks nicht weiter.

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