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Wir haben als Band das Recht zu wachsen – Seekae im Interview

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Sorglos durchs Leben gehen? Eine Wunschvorstellung, der die Gesellschaft in großem Maße nachjagt, die aber letztendlich auf einer sehr wackeligen und unrealistischen Basis steht. Die Australier haben den Ausspruch „No Worries!“ zwar zu einem nationalen Markenzeichen gemacht, nicht jeder von ihnen bewegt sich allerdings so unbekümmert und getreu dieser Aussage durch den Alltag. Durch die Musik zum Glück schon gar nicht, wie auch das in Sydney und London beheimatete Trio Seekae beweist. Statt im faulen Entspannungsmodus zu verweilen, zerbrechen sich die Bandmitglieder lieber die Köpfe über neue Songideen und widersetzen sich dem Zustand der Lethargie. Auf ihrem neuen Album „The Worry“ tun sie das so direkt wie noch nie zuvor und übertragen ihre Kerngedanken nicht allein emotional durch die Musik, sondern auch mit Hilfe von Vocals. Wir setzten uns mit Alex Cameron, John Hassel und George Nicholas einen Abend vor ihrem Konzert in Berlin zusammen und sprachen mit ihnen über die Manipulation von Meinungen, Selbstbestimmung und den Wandel in ihrer Musik.

MusikBlog: Morgen Abend spielt ihr in der Kantine am Berghain hier in Berlin. Was stellt ihr für gewöhnlich einen Abend vor einer Show an?

Alex Cameron: Ich versuche nicht allzu viel zu machen, so dass ich für das Konzert physisch auf der Höhe bin. Ich trinke maximal ein oder zwei Bier und das war’s für mich. Wir haben gerade sieben Shows in verschieden Städten infolge gespielt. Das merkt der Körper, so dass man es zwischendurch auch einmal ruhig angehen lässt. Als wir das erste Mal ausserhalb von Australien auf Tour waren, nutzen wir die Gelegenheit, um es ordentlich krachen zu lassen, aber wir haben schnell gelernt, dass es nicht sehr schlau ist, wenn man länger unterwegs ist. Man kann nicht jeden Abend ausgehen und das Party-Tier aus sich heraus lassen. Selbst wenn man keinen Alkohol trinkt, hat man auf Tour dieses Gefühl einen Kater zu haben. Einfach, weil man so viel unterwegs ist. Mittlerweile wissen wir, wie wir es am besten angehen, so dass wir trotzdem Spaß haben und gute Shows spielen.

John Hassel: Also ich überlege gerade noch heute Abend einen drauf zu machen und suche für alle Fälle schon einmal einen passenden Ersatz für mich! (lacht)

Alex Cameron: Wollen wir uns nicht lieber zusammen einen Film ansehen? Oder uns aneinander kuscheln?

(Alle schweigen)

MusikBlog: Interessant, dass es gerade bei letzterem Vorschlag keinerlei Einwände von den anderen gibt…

George Nicholas: (lacht) Jetzt weisst du, was bei uns abends wirklich passiert!

MusikBlog: Verstehe! Aber lasst uns lieber einmal über euer neues Album „The Worry“ sprechen. Gibt es denn etwas über das ihr euch Sorgen machen müsst?

Alex Cameron: Es gibt sogar ziemlich viel über das man sich heutzutage Sorgen machen muss. Manchmal denke ich, dass man sich eine Sache nach der nächsten vorknöpfen sollte, um sie Stück für Stück abzuarbeiten, aber selbst dann wäre ich wohl ziemlich lange beschäftigt nichts anderes zu machen. Wir leben in einer Welt, in der so viel los ist und man beinahe schon dazu gezwungen wird ständig unter Strom zu stehen. Die Fortschritte in der Technologie haben dazu geführt, dass die Menschen einen Großteil ihres Lebens nur damit verbringen wie angeknipst durch die Welt zu laufen. Man hat mittlerweile einen so einfachen digitalen Zugang zum Leben anderer, dass ich teilweise ganz gelähmt von allem bin und nicht einmal mehr eine SMS beantworte. Allein die Vorstellung, dass mich Menschen über mein Telefon erreichen können, das in meiner Hosentasche steckt, ist doch irgendwie unheimlich, oder?

Ich habe gar nicht das Verlangen darüber Bescheid zu wissen, was meine Mitmenschen den ganzen Tag machen, aber ich werde trotzdem damit beschallt, ob ich es will oder nicht. Es ist besorgniserregend, wie sich die zwischenmenschlichen Beziehungen über die Zeit hinweg verändert haben. Für mich hat das nicht viel mit einer akzeptablen Lebensführung zu tun, auch wenn man sich daran gewöhnen muss, dass heute andere Regeln gelten als damals. Meine Eindrücke basieren nicht auf Statistiken oder Fakten, sondern allein auf meinem Gefühl. Wie soll ich überhaupt noch adäquat auf die Gefühle meiner Mitmenschen reagieren, wenn sich alles so drastisch verändert hat? Häufig gelten Gefühle doch gar nicht mehr als Argument, wenn man miteinander diskutiert. Nur die Fakten zählen.

John Hassel: Das ist ein sehr guter Punkt. Heutzutage tendieren wir immer mehr dahin alles zu objektivieren. Man kann kaum noch mit Menschen ein wirkliches Streitgespräch führen. Die Gründe für solch eine Auseinandersetzung sind meistens menschlich oder mit menschlichen Reaktionen verbunden, aber sie sind nicht mehr in der Lage das Problem selbst zu beseitigen und sehen es teilweise nicht einmal. Alles in unserem Leben geschieht nur noch mit so großer Geschwindigkeit. Das Internet erscheint vielen als optimales Mittel, um sozial aktiver zu sein. Dabei birgt dieses ganze digitale Vernetztsein doch nur noch mehr Gefahren für das Individuum. Oftmals führt das Leben in der Online-Welt verstärkt dazu, dass die wirkliche Kommunikation und die sozialen Fähigkeiten abnehmen und immer bizarrer werden. Schon allein diese Fülle an Dating-Plattformen, die es gibt. Das ist doch verrückt. Ich kann mich nicht erinnern, dass das Ausmaß in meiner Kindheit ebenso groß war.

George Nicholas: Du meinst, als du mit vierzehn anfingst auf Partnersuche zu gehen? (lacht)

John Hassel: Das wollte ich nicht damit sagen! Aber einmal ganz ehrlich, es gibt doch heutzutage so viel Werbung für solche Portale. Für mich hängt das absolut mit der sozialen Verkrüppelung der Gesellschaft zusammen. Online wird sich ausgelebt und im normalen Leben bekommt man es anscheinend nicht mehr hin jemanden kennenzulernen. Mir macht diese allgemeine Entwicklung Angst. Darum sollte jeder lernen sich auch einmal davon zu lösen. Irgendwann ist es einfach genug.

MusikBlog: Das Schlimme an dieser Entwicklung ist, dass sich die Gesellschaft selbst vorgaukelt alles sei so in Ordnung wie es ist. Kaum jemand hinterfragt noch Prozesse oder Halbwahrheiten, die einem präsentiert werden.

Alex Cameron: Ich weiss, was du meinst. Ich finde dieses passive Verhalten auch schrecklich. Selbst massive politische Veränderungen werden einfach so hingenommen und abgenickt. Gerade in Australien ist diese Tatenlosigkeit ein großes Phänomen. Es wird mittlerweile versucht etwas dagegen zu tun und die Menschen dazu zu mobilisieren selbst etwas zu verändern, aber das geschieht nur sehr langsam. Die Regierung schleicht sich mehr und mehr in das gesellschaftliche Leben und es scheint nicht einmal irgendjemanden zu kümmern. Es wird sehr gerne Stillschweigen über solche Angelegenheiten bewahrt. Stattdessen sagen die Menschen gerne „Mach dir keine Sorgen!“ und solche Sätze, die wohl jeder gerne hört, wenn es einmal schlecht läuft.

MusikBlog: Der Begriff „Konsumgesellschaft“ kommt durchaus auch in dieser Hinsicht zum Tragen. Die Gesellschaft konsumiert nicht nur Güter, sondern vor allem ihr Umfeld als Ganzes, inklusive ihrer Mitmenschen und der von der Regierung aufgestellten Spielregeln. Die Anzahl an Einwänden bleibt dagegen relativ minimal.

Alex Cameron: Da hast du völlig Recht. Schau dir doch bloß einmal das Fernsehen an. Die Werbung oder auch das Programm suggeriert dir am laufenden Band, was du kaufen sollst oder füttert dich mit den Inhalten, die für gut befunden werden und dich bestenfalls vom wahren Geschehen ablenken oder fehlleiten sollten. Das ist doch krank. Mit dem Internet verhält es sich doch ganz ähnlich, auch wenn die meisten Menschen denken, dass sie durch ihre Klicks eine Form von Selbstbestimmung ausüben. Dennoch ist es doch so, dass einem auch dort gewisse Inhalte vorgesetzt werden an den man sich orientiert oder auf die man zumindest reagiert. Man ist und bleibt der Spielball im Puppentheater, das von oben gelenkt wird. Die Kontrolle über die Informationen liegt ganz und gar nicht bei einem selbst.

MusikBlog: Führt ihr ein sorgloses Leben, was eure Tätigkeit als Musiker angeht?

John Hassel: Ich würde unser Musiker-Dasein nicht als sorglos bezeichnen. Generell sollte man als Musiker nicht in diese Falle tappen sich dieser Vorstellung hinzugeben. Dafür schreiben wir auch als Individuen zu unterschiedliche Songs, die wir erst einmal auf einen gemeinsamen Nenner bringen müssen. Allein aus diesem Grund machen wir uns ständig Gedanken darüber, wir einen Track am besten zu einer Einheit formen können. Es gibt also immer die Sorge das nicht zu schaffen. Ausserdem sind wir alle immer unruhig, wenn es um unsere Musik geht. Daher versuchen wir seit wir zusammen Musik machen dieses Gefühl für unsere Songs zu nutzen und haben damit auf natürliche Weise zu unserem Sound gefunden. Darüber hinaus habe ich noch nie aus einem Gefühl der Unbekümmertheit heraus Songs schreiben können.

Alex Cameron: Ich bin immer verwirrt, wenn ich Musiker erlebe, die aber genau n diesem Zustand der Sorglosigkeit aktiv werden und Songs schreiben. Wenn ich einmal gute Laune habe, dann ist die Musik das letzte woran ich denke. Dann setzte ich mich bestimmt nicht beschwingt hin und widme mich einer Songidee, sondern gehe lieber raus und mache einen Spaziergang.

MusikBlog: Wie oft passiert es, dass du raus gehst und umher läufst?

Alex Cameron: So gut wie nie! (lacht)

George Nicholas: Ganz nüchtern betrachtet, wäre es doch eine schöne Vorstellung ganz sorglos Musik zu machen. Meint ihr nicht? Apropos Sorgen, sag mal John, hast du da eigentlich mein T-Shirt an?

John Hassel: Nein, das ist meins!

George Nicholas: Du lügst! (lacht) Aber zurück zum Thema, es ist wohl ziemlich unrealistisch sorglos Musik zu machen und sich nicht den Gegebenheiten bewusst zu sein oder den Reaktionen, die man unter Umständen hervorruft. Ich glaube kaum ein Musiker kann von sich behaupten diese Freiheit zu genießen und der Kreativität ganz unbeschwert ihren freien Lauf zu lassen. Als Künstler stößt man bei seiner Arbeit unweigerlich immer auf irgendwelche Hindernisse. Man macht sich ständig Gedanken darüber, wie das Resultat aufgefasst werden wird.

Alex Cameron: Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie unsere Songs klingen würden, wenn wir uns dieser Idealvorstellung hingeben könnten. Ich kann es mir nicht einmal ausmalen. Es wäre mit Sicherheit ein völlig anderes Ergebnis. Es fällt mir schwer zu glauben, dass Künstler wirklich in einer Art Blase existieren und kreativ sein können. Niemand kann sich den äusseren Einflüssen so sehr entziehen, dass am Ende ein Werk entsteht, dass völlig frei ist von jeglichen anderen Kontexten. Wir steuern schließlich alle unseren Teil zu dieser Welt bei und leben nicht abgeschottet von allem um uns herum. Man kann sich darum bemühen eine gewisse Distanz zu seinem Umfeld zu wahren und versuchen sein Werk so einzigartig wie möglich zu gestalten, aber solch ein Gedanke kann niemals realistisch umgesetzt werden.

MusikBlog: Auf eurem neuen Album „The Worry“ habt ihr mit dem hinzugefügten Gesang verstärkt ein neues Element mit in eure ehemals überwiegend instrumentale Musik aufgenommen. War es eure Intention die Vocals als ein weiteres Instrument zu verwenden oder welche Bedeutung nahm der Gesang für euch ein?

George Nicholas: Wir haben den Gesang nicht einfach wie ein weiteres Instrument behandelt. Das wäre auch nicht unbedingt möglich gewesen, denn wir wollten den Vocals eine besondere Bedeutung zukommen lassen und sie nicht mit den Gitarren gleichsetzen. Sie sind in der Lage etwas ganz anderes auszudrücken als zum Beispiel ein Akkord. Natürlich kann man Vocals auch als simples Stilmittel benutzen, um einen Song für den Hörer zugänglicher zu machen, aber das war nicht in unserem Sinn. Der Gesang ist für uns eher ein Ventil gewesen eine noch tiefere Botschaft in unsere Songs einzubetten. Es war für uns ein Weg uns direkter mitzuteilen, gerade als Band, die sich sehr viel in einem instrumentalen Umfeld in der Elektro-Szene bewegt hat.

MusikBlog: War es deswegen auch ausgeschlossen, dass Gastsänger diesen Part übernehmen?

Alex Cameron: Ja, genau. Hätten wir es anders gewollt und lediglich Gesang als ein weiteres Element hinzufügen wollen, hätten wir vermutlich Gastsänger engagiert. Ausserdem wollte ich singen. So einfach ist das.

MusikBlog: Diese Gabe hat also schon immer in dir gesteckt und der Zeitpunkt war reif dafür?

Alex Cameron: Richtig! Ich wollte nie singen, aber ich musste es tun. (lacht) Schreib das bloß nicht!

George Nicholas: Zu spät. Das wird jetzt als Schlagzeile verwendet!

Alex Cameron: Was ich eigentlich damit sagen wollte ist, dass ich mit diesem Album nach Mitteln und Wegen gesucht habe ein für mich neues Terrain zu betreten. Ich schätze, ich habe mich damit ziemlich aus meiner Wohlfühlzone heraus bewegt, auch wenn es letztendlich eine Weile gedauert hat bis ich mich damit anfreunden konnte. Mir gefallen Künstler, die in ihrer Karriere immer wieder einen kleinen oder größeren Richtungswechsel hingelegt oder mutig genug waren sich für ihre Verhältnisse weit genug aus dem Fenster zu wagen. Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen als musikalisch immerzu auf der Stelle zu treten. Als Künstler gehört es dazu sich weiterzuentwickeln, egal wie groß der Sprung ist, den man wagt.

John Hassel: Manchmal fällt es allerdings dem Zuhörer schwer sich mit diesen Veränderungen anzufreunden, weil sie nur das Resultat sehen. Wir arbeiten meist ein paar Jahre an einer neuen Platte und haben dadurch den nötigen Raum uns weiterzuentwickeln. Davon bekommt der Rezipient natürlich wenig bis gar nichts mit und wird am Ende vor vollendete Tatsachen gestellt. Dabei ist ein Wandel, ob er persönlich oder künstlerisch bedingt ist, doch nur normal. Jeder entwickelt sich doch im Laufe der Zeit weiter. Es wäre doch absurd zu denken, dass wir nach drei Jahren mit einem neuen Album ankommen und es genau so klingt wie die Platte davor. In diesem Fall könnten wir den Prozess einfach abkürzen, schneller eine Veröffentlichung anstreben und allen die Wartezeit darauf ersparen. Das wäre ja, als ob man jeden Tag ins Büro geht, einen langweiligen Job ausübt und wenn man die Chance auf eine Veränderung hat weiter den Kopf weiter in den Sand steckt.

George Nicholas: Ich glaube, es fällt vielen Hörern schwer diesen Wandel hinsichtlich des Sounds nachzuvollziehen, weil sie Zugang zu so viel Musik haben und sich frei nach Wahl aus dem großen „Topf“ bedienen können, der ihnen zur Verfügung steht. Automatisch wird man in eine Schublade gesteckt, die man mit jedem Album neu ausfüllen soll. Als Musiker, hingegen, tut man das nicht so leichtfertig und geht mit dieser Intention an seine Songs heran.

Alex Cameron: Sobald ich eine Songidee verfolge, die mich auch nur ansatzweise an etwas erinnert, das ich bereits geschaffen habe, macht sich in mir automatisch ein Gefühl von Abneigung dagegen breit. Ich versuche dann sofort einen anderen Ansatz zu wählen. Mich verwundert es immer wieder, wenn einer Band ihre musikalische Entwicklung zum Vorwurf gemacht wird. Immerhin ist es ja nicht so, als ob die jeweiligen Alben in der Versenkung verschwinden würden, wenn man sie einmal nicht hört. Sie sind nach wie vor da. Warum sollte man sich dann wiederholen und einem bestehenden Werk eine bloße Kopie hinzufügen? Daher ist es doch verständlich, wenn Künstler im Allgemeinen danach streben etwas für sie Neues zu schaffen. Wenn wir Kommentare bekommen, die unsere Entwicklung kritisieren, dann fühle ich mich immer wie eine Sport-Mannschaft, deren Verteidigung zum Unmut der Fans ausgewechselt wurde. Wir sind aber kein Sport-Team. Wir haben als Band das Recht zu wachsen.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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