Vielleicht machen wir mal ein Beach Boys Album – Archive im Interview

Trip Hop? – Stimmt! Da war doch mal was. Während jüngere Generationen heutzutage mit diesem Begriff wahrscheinlich eher Kanye West oder Kollegah auf LSD assoziieren würden, haben ältere Menschen natürlich direkt den großen Trip Hop-Boom Mitte der 90er auf dem Schirm. Massive Attack, Tricky, Portishead, etc. Groovende Beats gepaart mit düsteren Sounds und Texten, die nicht gerade zu einer heiteren Weltsicht einluden.

Als Archive 1996 mit „Londinium“ ihr erstes Album rausbrachten, bekamen sie zwar gute Kritiken, aber hatten ein Problem: Der große Trip Hop-Express, der sie zu Ruhm, Reichtum und Glückseligkeit hätte bringen sollen, war längst schon wieder abgefahren. Allerdings ließen sich die beiden Archive-Gründer Danny Griffiths und Darius Keeler davon nicht beirren. Sie betrieben ihr Projekt über die Jahre stur weiter und reicherten ihren Stil mit stimmigen Zutaten wie Prog-Rock, Elektronik, Post-Rock und Avantgarde an. Ihre Ausdauer zahlte sich aus, zumindest hier auf dem Kontinent. Denn während sie in England immer noch Trostpreise in Form von guten Kritiken abstauben, zündeten ihre Alben in Resteuropa ganz gut, inklusive ausverkaufter Touren in Frankreich, Deutschland, Holland und Italien.

Mit „Restriction“ legte das Londoner Kollektiv jetzt sein zehntes Album vor. Dem Titel zum Trotz bietet das Album aber absolut keine Begrenzungen, sondern reist mühelos durch sehr unterschiedliche Stimmungen und Stilistiken. Sensationelle Überraschungen bleiben diesmal zwar aus, aber dafür gibt es zwölf neue Songs in bewährter Archive-Qualität. Wir sprachen mit Sänger und Gitarrist Pollard Berrier über Moll- vs. Dur-Akkorde, den Einfluss auf ihre Texte und wie es ist, mit so vielen Musikern in der Band gemeinsam ein Album aufzunehmen.

MusikBlog: Archive hat es über die Jahre immer wieder geschafft, sich auf jedem Album eine eigene Charakteristik zu geben, ohne dabei den erkennbar eigenen Sound komplett zu verleugnen. Wie würdest Du die Klangwelt von „Restriction“ beschreiben?

Pollard Berrier: Die letzten drei, vier Jahre waren wir sehr beschäftigt. Mit „With Us Until You’re Dead“ haben wir ein Album rausgebracht, das eher den Akzent auf Lovesongs hatte. Und wir haben die Musik zu unserem Film „Axiom“ produziert, was allerdings mehr eine Art Zwischenprojekt war. Denn wir hatten dafür nur zwölf Tage Zeit. Alle Songs wurden also ziemlich schnell geschrieben und eingespielt. „Restriction“ ist das erste Album, an dem wir wieder mit mehr Zeit rumbasteln konnten und dem wir mehr Raum geben konnten. Es ist nicht so klaustrophobisch wie die anderen beiden. Es nimmt Dich mit auf eine Reise durch unterschiedliche Stimmungen und verschiedene Sounds. Wir sind sehr glücklich darüber, dass das Album ein wenig anders klingt, aber immer noch den typischen Archive-Sound hat.

MusikBlog: Wenn es um die Beschreibung des typischen Archive-Sounds geht, stößt man immer auf Begriffe wie düster, melancholisch oder schwermütig. Würde es euch nicht mal reizen, diese Einschätzungen zu widerlaufen und ein helles, optimistisches Album aufzunehmen?

Pollard Berrier: Moll-Akkorde haben schon das Stigma, immer traurig zu klingen. Es ist schwierig, aber auch nicht unmöglich, Dur-Akkorde zu benutzen und trotzdem eine tiefe Aussage hinzubekommen, ohne dass es wie der letzte Kneipen-Hit klingt. Archive ist aber von den Stimmungen her schon breit angelegt. Es gibt Düsteres, aber auch Schönheit, Verletzlichkeit und treibende Energie. Zwischen diesen Polen bewegen wir uns. Auf unseren Alben wird manches davon stärker akzentuiert und anderes wartet noch darauf, weiterentwickelt zu werden. Wer weiß, vielleicht machen wir ja wirklich irgendwann mal ein heiteres, absolut lebensbejahendes Album mit Chören und Streichern. Man weiß nie. Wenn es nach mir ginge, könnten wir ruhig mehr in diese Richtung experimentieren. Vielleicht überraschen wir uns ja selbst und jeden anderen damit, dass wir mal ein Beach Boys-Album machen. (lacht)

MusikBlog: Wäre eine interessante Sache. Ich würde es auch gar nicht als einen so absolut unlogischen Schritt für euch ansehen. Stetige, fließende Weiterentwicklung war bei Archive ja schon immer eine Konstante.

Pollard Berrier: Man kann Archive nicht mehr in ein spezielles Genre pressen. Darauf sind wir stolz. Wir haben über Jahre unseren eigenen Sound entwickelt. Es ist ein ganz eigenes Ding, die Archive-Erfahrung! Wir haben keine Lust, immer wieder die gleichen alten Sachen zu hören und zu machen. Jeder von uns hat einen ziemlich großen Background an sehr unterschiedlicher Musik. Archive ist für uns alle das Projekt, in dem wir mit diesen Einflüssen frei experimentieren können und für uns selbst wirklich neue Sachen ausprobieren können. Und das Witzige daran ist, dass auch nach all den Jahren immer noch eine Menge in uns steckt. Wir schreiben ständig Songs und denken über kommende Alben nach. Alles kommt bei uns immer zur richtigen Zeit und entfaltet sich absolut natürlich und ungezwungen.

MusikBlog: In „Kid Corner“, einem Stück auf „Restriction“, geht es um einen Laden in den USA, in dem Eltern für ihre Kinder Waffen kaufen können. Es ist eher selten, dass eure Texte so einen greifbaren Bezug haben. Oft hat man bei euch das Gefühl, dass die Texte zwar schon ihre eigene Tiefe besitzen, aber dann doch mehr dazu dienen, die melancholische Stimmung der Songs zu illustrieren.

Pollard Berrier: Wir sind keine politische Band in dem Sinn, dass wir für irgendeine Richtung Partei ergreifen. Aber in unserer Musik reflektieren wir die unausgesprochenen Dinge, die in den Köpfen der Menschen sind. Daraus beziehen wir die Einflüsse für unsere Texte. Und damit bekommt unsere Musik auch wieder einen gesellschaftlichen Bezug. Aber wir lassen die Texte gerne offen für eigene Interpretationen, ohne ein bestimmtes Thema vorzugeben. Wir greifen einfach das auf, was im Alltag und in der Gesellschaft passiert.

MusikBlog: Mit Ausnahme von Danny Griffiths und Darius Keeler, die Archive 1994 gegründet haben, hat sich die Besetzung im Lauf der Jahre immer wieder fließend ergänzt und ersetzt. Ihr versteht euch auch selber mehr als Kollektiv, denn als Band. Ist es nicht manchmal schwierig, bei so vielen Köpfen gerade während einer Albumproduktion eine Meinung zu bilden?

Pollard Berrier: Wir haben das Glück, dass wir alle ein ziemlich ähnliches Lebensgefühl haben. Wir reisen auch auf Tour zusammen im Bus. Wir sind dann wie eine große Familie. Deshalb ist es für uns kein Problem, auch bei Alben Entscheidungen demokratisch gemeinsam zu treffen. Klar, dabei muss jeder auch schon mal Zugeständnisse machen. Es kann passieren, dass Darius unbedingt ein Stück auf einem Album haben will und wir dann sagen „Nein, es passt nicht!“. Oder das ich mit einem Song ankomme, den ich wirklich mag und die anderen sagen „Hm, das klingt eher wie eine B-Seite!“. Wir versuchen, so viele Songs wie möglich zur Auswahl zu haben. Aber wir wollen, dass dann auch wirklich nur die stärksten auf ein Album kommen. Alles muss zusammenpassen und stimmig sein. Und darüber entscheiden wir, wie auch über andere kreative Aspekte wie z.B. die Visuals und Cover, demokratisch gemeinsam.

MusikBlog: Hat das Wort von Darius oder Danny, als die Gründerväter, im Rahmen eurer kollektiven Banddemokratie trotzdem mehr Gewicht?

Pollard Berrier: Danny und Darius sind natürlich das Rückgrat der Band. Sie haben Archive gestartet und haben eine Vorstellung davon, wie sich die Band entwickeln soll. Und jeder, der irgendwann mal Mitglied bei Archive war, hat geholfen, diese Vision mitzugestalten. Man kann das über den Lauf der Jahre nachverfolgen. Sei es, als noch Craig Walker mit dabei war oder jetzt wo Dave Pen und ich die Gitarristen sind. Jeder hat seine eigene, persönliche, musikalische Prägung und hat diese mit in die Musik eingebracht und somit geholfen, den Sound von Archive zu formen.

MusikBlog: Du bist jetzt seit 2005 bei Archive. Vorher warst Du Mitglied von Bauchklang, einem ziemlich originellen Vocal Groove Projekt aus Wien, dass A cappella-Musik auf ein wirklich vollkommen eigenes, neues Niveau gehievt hat.

Pollard Berrier: Ich hatte wirklich Glück, dass ich mit gleich zwei innovativen Bands zusammenarbeiten konnte. Ich habe es geliebt, bei Bauchklang gewesen zu sein. Ich war hauptsächlich für die Texte zuständig und habe bei den Harmonien und Arrangements mitgeholfen. Es war eine großartige Erfahrung. Die Stimmen wurden alle elektronisch bearbeitet. Ich kann meine Freunde immer noch damit verblüffen, wenn ich ihnen ein Stück von Bauchklang vorspiele. „Hier hör mal rein!“ „Was?“ (lacht) Sie können es kaum fassen. Es sind alles nur Stimmen, die mit Effekten wie Kompression, Hall und Echo bearbeitet wurden. Das ist alles!

MusikBlog: Ab Februar geht ihr mit „Restriction“ auf eine ziemlich ausgedehnte Tour. Was wird bei euren Konzerten passieren? Die Optik war ja auch immer ein wichtiger Bestandteil der Archive-Shows.

Pollard Berrier: Zur Einstimmung werden wir vor den Shows den „Axiom“-Film auf einer großen Leinwand zeigen. Wir wollen, dass noch mehr Leute diesen Film sehen. Einen kleinen Vorgeschmack auf die Visuals während der Show bekommt man durch unsere letzten Videos. Diese Art von Technik wird auch live im Hintergrund zu sehen sein. Wir werden weiter kreativ sein und es wird etwas anderes sein als die Visuals, die wir auf der „Controlling Crowds“-Tour hatten. Es wird eine richtig große Tour werden und wir wollen, dass es für jeden eine neue, großartige Erfahrung sein wird.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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