Ok, eine Band Twin Peaks zu nennen, mag man in unseren suchmaschinenabhängigen Zeiten und der Ankündigung der dritten Serienstaffel nicht unbedingt für einen idealen Schachzug halten. Dem kann man entgegenhalten, dass die vier Bandmitglieder alle erst um die zwanzig sind und sie zur Zeit der Twin Peaks-Erstausstrahlung wahrscheinlich noch nicht mal in Planung waren. Und so dachte das Quartett aus Chicago bei der Namensgebung auch eher an den Wortklang und eine amerikanische „Restaurant mit leicht bekleideten Bedienungen“-Kette, als an Laura Palmer und schwarze Hütten.
Aber alles ist in Ordnung. David Lynch hat sich nicht beschwert und die Band hat die Serie inzwischen gesehen und für gut befunden. Viele Musikjournalisten haben einen Aufhänger für ihr Interview. Und wenn man bei Google, YouTube etc. zu „Twin Peaks“ auch noch den Begriff „Band“ eingibt, ist die Welt auch da wieder im Lot.
Zeit sich mit dem zu beschäftigen, was man hinter dem Namen findet. Und da haben Twin Peaks zum Beispiel mit „Wild Onion“, das diesen Freitag nun auch in Deutschland veröffentlicht wird, eines der frischesten Power Pop meets 60ties Garage-Alben der letzten Zeit vorgelegt. Wir sprachen mit Sänger und Gitarrist Cadien James und erreichten ihn quasi noch feucht hinter den Ohren.
MusikBlog: Hallo Cadien! MusikBlog/Deutschland hier. Ich rufe an wegen des Interviews.
Cadien James: Oh, ich war gerade unter der Dusche und bin immer noch im Badezimmer. Aber kein Problem. Wird auf alle Fälle ein sauberes Interview. Schieß los.
MusikBlog: Mit Fragen, die sich gewaschen haben. Hö Hö! Ok. Eure zwei Alben spiegeln schon deutlich wider, dass ihr euch als Band innerhalb von zwei Jahren ziemlich rasant entwickelt habt.
Cadien James: Als wir damals “Sunken” gemacht haben, waren wir erst Achtzehn und gerade mit der High School fertig. Wir sind danach direkt auf Tour gegangen und stellten dabei fest, dass wir unbedingt auch etwas zum Verkaufen brauchen. Wir hatten ja noch keine Platte. Also sind wir bei mir in den Keller gegangen und haben die Songs aufgenommen, aus denen dann schließlich „Sunken“ wurde. Es war eben ein selbstproduziertes Album, das ursprünglich nur den Zweck hatte, es bei unseren Konzerten verkaufen zu können.
MusikBlog: Da war es natürlich ein schöner Bonus, dass euch das Album dann auch noch einen Plattenvertrag eingebracht hat, der es euch ermöglicht hat „Wild Onion“ unter professionellen Bedingungen einzuspielen. Aber auch so zeigt das Album, dass ihr jetzt als Band einen Schritt weiter seid.
Cadien James: Zwischen Achtzehn und Zwanzig entwickelt man sich als Mensch natürlich schon ziemlich weiter. Wir sind älter geworden und Einiges hat sich im Lauf dieser Zeit bei uns getan. Außerdem konnten wir für „Wild Onion“ über zwei Jahre lang neue Songs ansammeln. Clay Frankel und ich hatten Old School-Sachen wie die Rolling Stones, die Beatles und die Kinks richtig für uns entdeckt und absolut in uns aufgesogen. Das hatte natürlich auch einen Einfluss auf unser Songwriting. Dazu kam, dass wir durch die vielen Live-Auftritte zu einer sehr eingespielten und tighten Band geworden waren. Wir sind als Musiker einfach besser geworden. Und wir hatten einen Plattenvertrag und wussten, dass das Album von einigen Leuten gehört werden wird, während wir „Sunken“ damals eigentlich nur für uns gemacht hatten. Die Umstände waren also komplett anders.
MusikBlog: War es nicht ungewohnt, so aus dem Stand in einem richtig amtlichen Studio inklusive Tontechniker und Produzent eure Songs aufzunehmen?
Cadien James: Eigentlich überhaupt nicht. Wir sind ins Studio gegangen und haben die Songs einfach zusammen live eingespielt. Ich denke, das hat dem Album seinen Drive gegeben. Das war nicht sonderlich schwierig. Aber ich liebe es, im Studio zu sein. Ich wünschte mir, wir könnten wie die Beatles sein. Jeden Tag im Studio sein, Jahr für Jahr gute Platten machen und sich keine Gedanken darüber machen, mit diesen Songs dann auch auf Tour gehen zu müssen. Natürlich liebe ich es auch, live zu spielen. Aber ich interessiere mich auch absolut für die Studioproduktion, ich mag es, Sounds im Studio zu kreieren. Diese Seite der Musik interessiert mich auch immer bei den Platten, die ich höre.
MusikBlog: Unter den Platten, die Du magst, scheinen auch einige Klassiker zu sein, denn wenn man sich „Wild Onion“ anhört, merkt man schon, dass ihr euch intensiv mit Sixties-Bands beschäftigt habt. Eine Sache ist mir bei dem Cover besonders aufgefallen: Der Schrifttyp des Titels und eures Bandnamens erinnert mich extrem stark an die Schrift auf einem Cover eines Beach Boys-Albums.
Cadien James: Hey Du hast es erkannt, Mann!
MusikBlog: „Wild Honey“. Was hat es damit auf sich?
Cadien James: Um es direkt zu sagen: Ich liebe die Beach Boys. Irgendwann während der High School bin ich auf „Pet Sounds“ gestoßen. Ich war ein trauriger, kleiner Junge, der sich eine Tüte reingezogen hat und dann in seinem Zimmer „Pet Sounds“ gehört hat. Ganz klassische Geschichte – High School und „Pet Sounds“. Für viele Leute, die ein Album gut finden, ist der Rest der Diskographie meistens uninteressant. Das ist bei mir anders. Ich bin richtig in die Beach Boys eingetaucht und habe mir jedes Album von ihnen angehört. Und „Wild Honey“ mag ich besonders. Es ist anders als ihre restlichen Platten, damals haben sie mit R&B-Einflüssen experimentiert. Es ist eines meiner absoluten Top Ten-Alben. Ziemlich persönlich, aber auch witzig und albern durchgeknallt. Und das passt zu mir, denn irgendwie bin ich auch ein etwas alberner, durchgeknallter Typ.
MusikBlog: Gibt’s noch andere Sechziger Bands, die Dir was geben?
Cadien James: Neulich habe ich die Kinks so richtig entdeckt. Ich habe sie in mich aufgesogen. Sie sind wundervoll. Ihr „The Village Green Society“ Album ist unglaublich gut. Außerdem bin ich ein kleiner Beatles-Fan. Als ich noch in der Schule war, habe ich auch ständig die „Nuggets“-Compilation gehört. Außerdem mag ich viele Garage-Bands aus den Sechzigern. Die Sonics zum Beispiel. Dreckiger, harter Rock. Solche Sachen sind wichtig für mich. Die Klassiker sind eben nicht umsonst die Klassiker.
MusikBlog: Ihr habt den Luxus und habt gleich drei Songwriter in der Band, die ihre Stücke auch noch selber singen können. Sorgt das manchmal auch für Reibereien oder Rivalitäten zwischen euch?
Cadien James: Ich denke, es gibt so etwas wie eine natürliche Rivalität zwischen uns. Wir respektieren alle Songs der anderen. Denn dadurch bekommt man auch immer Anregungen für seine eigenen Songs. Es ist also so etwas wie eine positive Rivalität und definitiv nichts Negatives. Wir spornen uns quasi gegenseitig immer wieder an, noch besser zu werden. Und es ist immer die Qualität, die bei den Songs den Ausschlag gibt und nicht, wer den Song geschrieben hat.
MusikBlog: Während die meisten eurer Ex-Mitschüler auf der Uni ihre Karriere wahrscheinlich schon voll durchgeplant haben, haben drei von euch das College geschmissen, um sich voll auf das Musikmachen konzentrieren zu können. Wie schätzt ihr die Chancen ein, heute von einer Band leben zu können?
Cadien James: Im Moment verdienen wir noch nicht allzu viel Geld. Wir leben alle noch bei unseren Eltern. Wofür ich zu diesem Zeitpunkt auch sehr dankbar bin. Denn wir sind gerade ständig unterwegs auf Tour und haben keine Zeit, uns nach Jobs umzusehen. Mein Bruder war mehrere Jahre Drummer bei den Smith Westerns, einer Band aus Chicago. Sie zu sehen, hat uns damals ziemlich darin bestärkt, zu sagen „Ok, lass es uns auch mal versuchen!“. Sie waren keine sonderlich bekannte Band, aber irgendwie haben sie es geschafft, einen ihrer Songs in einem Werbespot unterzubringen. Das brachte ihnen immerhin so viel ein, dass sie ihr Ding weiter durchziehen konnten. Das ist auch unser Ziel: Den Punkt zu erreichen, wo wir von der Musik leben können. Natürlich ist es klasse, wenn man genug Geld verdient, um noch etwas zurücklegen zu können. Aber wir sind noch jung und das Leben ist noch lang, wir haben noch eine jede Menge Zeit Verschiedenes auszuprobieren.
MusikBlog: In euren Songs und euren Videos taucht immer mal wieder gerne ein grünes Pflanzenprodukt auf. Wie wichtig ist Gras für euch wirklich?
Cadien James: Ich will nicht behaupten, dass irgendwelche Drogen für unsere Band wichtig sind. Klar, ich singe gerne über Gras. Auf der High School haben wir jede Menge Pot geraucht und haben uns Ween-Videos reingezogen. In einigen ihrer Songs geht’s auch oft um Gras. Wenn ich darüber singe, ist das eher von der witzigen Seite. Ich will nicht sagen, dass ich gar nichts rauche. Für die Band ist es aber nicht wichtig. Wir spielen auch komplett nüchtern. Aber einen zu rauchen und dabei einen Film zu sehen oder eine Platte zu hören, ist schon eine gute Sache. Das ist schon ok.
MusikBlog: Letzten Herbst habt ihr zwar schon mal in England gespielt, aber jetzt im Februar geht’s dann für euch zum ersten Mal für eine längere Tour auf den Kontinent. Deutschland, Frankreich und Holland stehen bei euch auf dem Plan.
Cadien James: Wir freuen uns schon sehr darauf in Europa zu spielen. Als wir noch keinen Plattenvertrag hatten und unsere Sachen nur auf Bandcamp zu finden waren, haben sich auch damals schon Leute aus Deutschland „Sunken“ angehört. Sie haben im Lauf der Zeit auch immer in unsere neuen Sachen reingehört. Und wir wurden immer wieder gefragt: „Wann kommt ihr endlich mal rüber und spielt hier?“. Deshalb freuen wir uns auf Deutschland ganz besonders. Auf Frankreich und Holland natürlich auch. Wir sprechen natürlich keine der Sprachen. Aber wir werden ein Lächeln im Gesicht haben, gute Laune verbreiten und mit euch Spaß haben.
MusikBlog: Klingt nach einem guten Abend. Abschließend die berühmte Frage: Was sind eure Ambitionen als Band? Gibt es etwas, von dem ihr sagt „Das wollen wir erreichen!“? Zum Beispiel größer als die Beatles werden? Oder den Song schreiben, der den direkten Weltfrieden bringt?
Cadien James: Mit unserem Drummer Connor habe ich letzte Woche das Ziel für unsere Band definiert. Möglicherweise werden wir es nie erreichen, aber deshalb ist es ja auch unser Ziel. Wir wollen, dass irgendwann mal unser ganzes Equipment vergoldet ist. Dass das komplette Drumkit, alle Gitarren, Pedalen, Verstärker usw. einfach alles mit echtem Gold überzogen ist. Das ist das Ziel der Band. So reich zu sein. Wir werden sehen, ob wir es schaffen. Wir halten Euch auf dem Laufenden!
MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.
