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Anna F. (Credit Island Records)

Nicht immer nur nett – Anna F. im Interview

Ziemlich genau ein Jahr nach der Veröffentlichung ihres zweiten Albums „King In The Mirror“ tourt die österreichische Sängerin Anna F. ab dem 21. Februar durch Deutschland – wir verlosen 3 x 2 Tickets. Außerdem startet dann auch eine Casting-Show im ORF, bei der die Wahlberlinerin als Teil des Coaching-Teams den österreichischen Beitrag für den diesjährigen „Eurovision Song Contest“ sucht. Aus diesem Anlass sprachen wir mit Anna F. über Casting-Shows und die österreichische Musikszene, die recht spezielle Entstehungsgeschichte von „King In The Mirror“ sowie über ihr Verhältnis zu ihrer beschaulichen Heimatstadt Friedberg, der sie ihre aktuelle Single gewidmet hat.

MusikBlog: Nachdem du ja nun schon einige Jahre als Musikerin unterwegs bist, versuchst du dich ab diesem Monat auch als Coach beim Casting für den österreichischen Kandidaten des „Eurovision Song Contest“. Was reizt dich an dieser neuen Rolle?

Anna: Ich habe das Konzept der Sendung mitentwickelt, weil ich auf keinen Fall an einer klassischen Casting-Show, wie man sie kennt, mitwirken wollte. Ich möchte, dass hier genau die Bands teilnehmen, die sonst eher Berührungsängste mit einem solchen Format haben. Also Indiebands und richtig tolle Künstler und nicht etwa reine Casting-Puppen. In der Show selbst bin ich dann zusammen mit Boss Hoss und Nazar im Coaching-Team, das Feedback gibt und betreut, was mir sehr Spaß macht.

MusikBlog: Also geht es dir weniger darum, den perfekten Song für den diesjährigen „Eurovision Song Contest“ zu finden, sondern vielmehr darum, interessante und talentierte Nachwuchsmusiker aus Österreich zu entdecken und zu fördern?

Anna: Genau, das ist das Ziel der Sendung und wahrscheinlich sogar wichtiger als der „Eurovision Song Contest“, auch wenn das natürlich schon eine große Sache ist. Der Schwerpunkt liegt ganz klar darauf, Talente zu fördern und ich bin mir sicher, dass die Show für einige Teilnehmer der Startschuss für eine Karriere im Musikgeschäft sein wird.

MusikBlog: Wie lautet denn der wichtigste Rat, den du den jungen Musikern mit auf den Weg geben möchtest?

Anna: Bleib dir treu! Daran muss ich mich auch immer wieder erinnern. Dass man sich daran orientiert, was man selbst will, und sich nicht von der Meinung anderer abhängig macht.

MusikBlog: Muss man die österreichische Poplandschaft denn überhaupt fördern? Immerhin hat sie sich in den letzten Jahren zum Exportschlager entwickelt mit Ja, Panik, Wanda, Soap & Skin, Bilderbuch und so weiter.

Anna: Das stimmt. Ich glaube, dass die Szene hier in Österreich etwas bunter und vielleicht auch kantiger ist, als das, was gerade in Deutschland produziert wird – das wirkt im Gegensatz dazu fast schlageresk.

MusikBlog: Trotzdem siehst du ja offensichtlich noch Förderbedarf?

Anna: Auf jeden Fall. Es gibt in Österreich keine vernünftige Musiksendung im Fernsehen. Außerdem hat sich so eine kollektive Fehleinschätzung eingeschlichen, dass das, was aus dem eigenen Land kommt, gar nicht gut sein kann. Dieses Denken muss endlich mal durchbrochen werden und vielleicht schaffen das ja nun Bands wie Wanda oder Bilderbuch. Es gibt auch im Radio kaum Plattformen für junge Bands, die Radiolandschaft ist allgemein nicht sehr vielfältig, das macht es dann natürlich schwer.

MusikBlog: Kommen wir von der österreichischen Szene zu deiner eigenen Musik. Durch dein Album und besonders auch die aktuelle Single „Friedberg“ zieht sich ja ein gewisser Kontrast: auf der einen Seite die Verbundenheit zu deiner Heimatstadt als Ruhepol, auf der anderen Seite deine Reiselust. Wofür steht Friedberg für dich?

Anna: Naja, der Song thematisiert tatsächlich diese Zerrissenheit zwischen dem ganzen lauten Wahnsinn, der mich irgendwie anzieht, und der Ruhe, die ich immer wieder brauche. Ich komme in einer Stadt wie Berlin eben schwer zur Ruhe und deshalb muss ich immer mal auf’s Land oder an Orte, von denen ich nicht flüchten kann und zur Ruhe kommen muss. Das ist eben Friedberg für mich. Meine Eltern und Freunde erteilen mir dann auch sofort das Verbot, über Musik zu sprechen, sobald ich da bin.

MusikBlog: Im Song „Friedberg“ klingt es ja, als bräuchtest du diesen Rückzugsort, um nicht durchzudrehen. Drohte dir denn der Rummel um dich und deine Musik mal über den Kopf zu wachsen?

Anna: Nein, das nicht unbedingt. Es ist eher so, dass ich mich zu oft von anderen Menschen abhängig gemacht habe und nicht genug darauf vertraut habe, was mein Gefühl sagt, und ich mir unsicher war, was ich eigentlich will. Weil alles um mich herum so laut war, dass ich mir selbst nicht mehr zugehört habe.

MusikBlog: Was hat dich denn überhaupt dazu bewogen, ins laute Berlin zu ziehen?

Anna: Wie alles in meinem Leben war auch das eine sehr spontane Entscheidung. Ich fand Berlin immer spannend und als ein Freund seine Wohnung aufgegeben hat, hab ich sie mir mal angeschaut. Dann hieß es, ich müsste mich bis morgen entscheiden, und da hab ich sie einfach genommen. Anfangs bin ich noch gependelt, aber irgendwann bin ich dann einfach nicht mehr zurückgeflogen, habe hier meinen Produzenten getroffen, immer mehr Leute kennen gelernt und bin schließlich geblieben. Ich mag das Raue an Berlin und dass einfach immer etwas los ist. Auch wenn mich das manchmal in den Wahnsinn treibt. (lacht)

MusikBlog: Vor den Aufnahmen zu „King In The Mirror“ bist du aber viel gereist und hast unter anderem in Los Angeles, New York und London an deinen neuen Songs geschrieben. Wie sehr haben die Eindrücke deiner Reisen dich und deine Musik beeinflusst?

Anna: Diese Reisen waren eine Art Experiment, um verschiedene Dinge auszuprobieren und herauszufinden, was ich eigentlich will. Zum Beispiel die Herangehensweise an das Schreiben in LA war ja eine komplett andere, als wenn ich in Berlin Songs schreibe. Das hatte etwas von Fabrikarbeit, bei der du jede Stunde einen neuen Song schreibst. Das war ein Abrufen und Einsetzen von Wissen, wie ein Hit funktioniert. Da habe ich dann rausgefunden, was ich nicht will und auch wieder fast alles verworfen, was in LA entstand.

MusikBlog: Also wirst du dieses Experiment nicht mehr wiederholen?

Anna: Das würde ich so auch nicht sagen. Ich weiß jetzt zumindest, mit wem ich nicht mehr zusammen arbeiten will und wie ich nicht mehr arbeiten will. Ich kann aber nicht pauschal die kompletten Reisen als gescheitert bezeichnen, es gab auch durchaus Songwriter, mit denen ich gut zusammen arbeiten konnte und das auch wiederholen würde.

MusikBlog: Bei diesen Songwritern waren ja auch einige namhafte Musiker dabei, die schon für Kylie Minogue, Lana Del Ray, Rihanna oder auch Dido komponiert haben. Wie groß war dein Respekt oder deine Ehrfurcht?

Anna: Sehr groß, aber das hing nicht unbedingt mit den Namen zusammen. Es ist egal, mit wem ich schreibe, es fällt mir immer schwer. Ich bin in dieser Hinsicht einfach extrem schüchtern. Man muss dabei ja viel von sich preisgeben und hat ständig Angst, etwas falsch zu machen. Aber da ich das nun schon so oft gemacht habe, habe ich ein wenig Selbstvertrauen entwickelt und kann dann auch mal daneben hauen. Mein Gott, was soll schon passieren? LA war aber gleichzeitig auch meine erste Zusammenarbeit beim Schreiben, insofern war das doppelt krass. Ich war sehr aufgeregt und hatte dann auch noch gleich die erste Session mit Rick Nowels, das war sehr speziell. Ich fühlte mich wie beim Zahnarzt, denn ich habe erst im Warteraum gesessen und dann hatten wir eineinhalb Stunden Zeit, um zu arbeiten. Das war schon irgendwie „strange“.

MusikBlog: Dazu habe ich eine nette Anekdote gelesen, dass sich auf diese Weise Nelly Furtado in deine Musik geschlichen hat. Wie kam es dazu?

Anna: Ach so, genau, er hat nämlich zeitgleich im Studio nebenan Nelly Furtado produziert und ist immer wie ein Wahnsinniger hin und her gerannt. Und während ich eingesungen habe, hat er sie im Nebenraum so laut abgespielt, dass ihr Gesang durch mein Mikro mit aufgenommen wurde. Dazu meinte er nur: Naja, singt sie halt Background bei dir, ist ja auch nicht so schlimm.

MusikBlog: Ein weiterer bekannter Name, der auf „King In The Mirror“ auftaucht, ist Ian Dench, der Gitarrist von EMF, deren größten Hit „Unbelievable“ du ja auch coverst. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Anna: Das war auch wieder eine sehr zufällige Sache. Ich bin als Überraschungsgast auf der Hochzeit von Freunden aufgetreten und dort war auch eine Engländerin, die ganz begeistert war und meinte, dass ich unbedingt ihren Nachbarn Ian Dench kennenlernen muss. Dann hab ich ihm einfach eine Mail geschrieben, bin zu ihm nach New York geflogen, wo er zu diesem Zeitpunkt lebte, und wir haben begonnen, zu schreiben. Mittlerweile sind wir sehr gut befreundet, er ist ein unfassbar lieber Mensch. Wir haben zum Beispiel den Titelsong „King In The Mirror“ zusammen geschrieben. Zu dem Cover von „Unbelievable“ kam es, weil ich irgendwann davon geträumt habe. Vorher habe ich überhaupt nicht darüber nachgedacht, obwohl es ja eigentlich eine coole Idee ist. Es gibt nämlich kein bekanntes Cover dieses Songs, zumindest kenne ich keins.

MusikBlog: Neben dem bereits erwähnten Kontrast zieht sich durch deine Songs ja noch ein weiterer – nämlich zwischen einerseits sehr schüchternen, andererseits sehr selbstbewussten, sogar frechen Zeilen. Entspricht das auch deiner Persönlichkeit?

Anna: Total! Deswegen sind die Songs auf „King In The Mirror“ auch so verschieden. Das sind meine zwei Seiten und die werde ich auch nicht so einfach los. Vielleicht entwickelt sich die schüchterne Seite sogar gerade und wird stärker, aber es wechselt trotzdem oft genug hin und her.

MusikBlog: Vor Auftritten stelle ich mir das nicht ganz einfach vor.

Anna:  Ja, das ist schräg. Manchmal habe ich eine Riesenangst vor Auftritten, ein anderes Mal freue ich mich einfach nur darauf. Man weiß bei mir nie, was kommt.

MusikBlog:  Zu deinen frecheren und weniger schüchternen Momenten gehört ja sicherlich auch die Zeile „I just wanna fuck your friend“ aus „DNA“ und man findet kaum einen Artikel über dich, der diese nicht zitiert. Hast du damit gerechnet, dass die Zeile für so viel Wirbel sorgen würde?

Anna: Dass es für Aufmerksamkeit sorgen würde, war mir schon klar. Immerhin habe ich selbst lange gehadert, ob ich das wirklich singen soll. Dass es dann aber so omnipräsent wurde, wundert mich auch. Manchmal nervt es mich sogar, weil es doch eine sehr verkürzte und oberflächliche Betrachtung meiner Texte darstellt.

MusikBlog: Trotzdem klingen diese Zeile oder auch der Song „Good Girl“ so, als würdest du gegen dein Image als nettes Mädchen ansingen.

Anna:  Stimmt, aber nicht nur gegen das Image. Ich glaube, ich war auch einfach oft zu nett. Diese Harmoniesucht ist tief bei mir verankert, dabei muss man ja gar nicht zu jedem nett sein. Das ist auch ziemlich anstrengend. Und „Good Girl“ ist schon eine Anspielung darauf, dass ich nicht mehr immer nett sein möchte.

MusikBlog: „King In The Mirror“ ist ja nun ziemlich genau ein Jahr alt. Wie siehst du dein Album mit dieser zeitlichen Distanz?

Anna: Natürlich gibt es Dinge, die ich jetzt anders machen würde oder auch Songs, die heute vielleicht nicht mehr auf dem Album landen würden. Aber das ist ja immer so, wenn man zu einer Sache räumliche oder zeitliche Distanz gewinnt. Wenn man mitten in der Arbeit am Album steckt, nimmt man das natürlich ganz anders war.

MusikBlog: Das Album ist ja musikalisch sehr vielfältig, es gibt folkige Balladen, rockigere Nummern, sehr rhythmische und tanzbare Stücke. Möchtest du auch in Zukunft so vielfältig bleiben oder mit dem nächsten Projekt eventuell eine der Richtungen vertiefen?

Anna: Das nächste Album soll definitiv klarer werden und wird wohl verstärkt melancholische Songs beinhalten. Ich habe auch schon angefangen, zu schreiben. Es gibt aber noch keine konkreten Pläne oder einen Termin, ich schreibe einfach drauf los.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview!

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