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Best Coast (Credit Annett Bonkowski MusikBlog)

Wir sind beide Vampire – Best Coast im Interview

Unsere Eltern lehrten uns, dass genügend Schlaf absolut essenziell ist. Künstler fühlen sich oft von diesem ungeschriebenen Gesetz ausgenommen und tauchen viel lieber in die pulsierende Nacht ein, um sich davon inspirieren zu lassen. Best Coast aus Kalifornien sind einer dieser Bands, die man wohl auch häufig bis zum Morgengrauen äusserst aktiv vorfindet. Um dieser besonderen Tageszeit zu huldigen, veröffentlichten sie Anfang Mai gleich ein neues Album namens „California Nights“ und lassen uns damit an ihren schlaflosen Nächten teilhaben. Wir trafen Sängerin Bethany Cosentino und Gitarrist Bobb Bruno ebenfalls zur abendlichen Stunde im Berliner Bang Bang Club, um vorab ihres einzigen Deutschland Konzerts über ihre Liebe zur Dunkelheit und den Gruselfaktor der Nacht zu sprechen, der damit einhergeht.

MusikBlog: Welche Rolle hat die Nacht im Hinblick auf die Entstehung eures neuen Albums gespielt?

Bethany Cosentino: Ich leide an Schlaflosigkeit und komme nachts generell schwer zur Ruhe, daher ist diese Phase für mich generell von großer Bedeutung. Ich verbringe viele Nächte damit über alles Mögliche nachzudenken und komme zu dieser Zeit am besten dazu meine Gedanken aufzuschreiben. Wir sind beide Vampire, denn wir schlafen kaum so wie es andere Leute tun. Meistens ist es schon dunkel gewesen als wir aus dem Studio raus sind und dann konnten wir nach einem langen Tag ohnehin nicht sofort den Schalter umlegen oder waren plötzlich müde. Die Nacht war im Entstehungsprozess dieses Album unser ständiger Begleiter. Ich glaube jeder Künstler verspürt eine besondere Beziehung zur Dunkelheit und fühlt sich kreativ gesehen gut darin aufgehoben.

MusikBlog: Warum übt deiner Meinung nach besonders die Nacht so einen Reiz auf Künstler aus?

Bethany Cosentino: Ich kann nicht für alle Künstler sprechen, aber zumindest als Musiker ist die Nacht meistens die Zeit, in der dein Job erst richtig anfängt. Auf Tour gehst du immer spät auf die Bühne und spielst zu den komischsten Zeiten. Ausserdem ist es reizvoll geistig aktiv zu sein, während alle anderen Menschen schlafen. Irgendwie beruhigt mich dieser Gedanke.

MusikBlog: Hast du bereits vor deiner Zeit als Musikerin ähnlich empfunden?

Bethany Cosentino: Ja, ich war schon immer sehr nachtaktiv und konnte mich schlecht an den normalen Tagesrhythmus gewöhnen. In meiner Schulzeit habe ich es regelrecht gehasst immer so früh aufstehen zu müssen. Ich war ständig übermüdet und kam oft zu spät, weil ich einfach zu spät aufgestanden bin. Das beschreibt so ziemlich genau mein Leben. Ich konnte mich anstrengen, wie ich wollte, aber konnte nicht dagegen ankämpfen.

MusikBlog: Du hast demnach gar nicht erst versucht etwas gegen die Schlaflosigkeit zu tun?

Bethany Cosentino: Nein, nicht wirklich. Ich beneide Leute, die einfach immer und überall schlafen können. Unser Bassist, zum Beispiel, ist genau so ein Mensch. Der könnte jetzt neben uns sitzen und friedlich schlummern. Bobb und ich schaffen das leider nicht.

Bobb Bruno: Ich muss allerdings gestehen, dass es mir auf Tour etwas leichter fällt früher ins Bett zu gehen, weil man den ganzen Tag über so aktiv ist.

MusikBlog: Würdet ihr den Entstehungsprozess als reibungslos beschreiben?

Bethany Cosentino: Das war er absolut. Wir haben uns keine Vorschriften gemacht und unsere Ideen immer bis zum Ende ausführen können, was uns sehr wichtig ist, wenn wir zusammen arbeiten. Manchmal waren die Tage dadurch sehr lang, aber gleichzeitig ist diese Form der Anstrengung ja zum Glück nur ein temporärer Zustand, der auch irgendwann einmal wieder abebbt.

Bobb Bruno: Wir haben uns sehr viel Zeit gegönnt, um die neue Platte fertig zu machen und haben ihr Track für Track beim Wachsen zugesehen. In der Vergangenheit haben wir uns manchmal zu sehr auf eine Sache versteift. Dieses Mal war der Prozess viel offener und wir haben während des Schreibens erst über eine wirkliche Form nachgedacht. Das hat alles sehr viel entspannter gemacht.

MusikBlog: Was ist für euch an den Nächten in Kalifornien so besonders, dass ihr gleich euer Album danacht benannt habt?

Bethany Cosentino: Ich liebe den Zeitraum zwischen der Dunkelheit und dem Morgengrauen, wenn die Nacht sich dem Ende zuneigt. Gerade in einer Stadt wie Los Angeles ist der Kontrast zwischen Tag und Nacht immens. Tagsüber wirkt die Stadt so lebendig, überfüllt und der Verkehr auf den Straßen ist verrückt. Nachts sieht man dagegen kaum Menschen herumlaufen und der Lärm verschwindet mit dem Untergang der Sonne, was ein wahres Schauspiel ist. Selbst das Artwork spiegelt diese Verschiebung wider, wenn das Licht auf einmal ab- oder zunimmt. Der Himmel sieht dann einfach fabelhaft aus. Nichts ist so schön wie der Sonnenuntergang in Kalifornien.

MusikBlog: Viele Menschen fürchten sich vor der Dunkelheit. Bei euch scheint genau das Gegenteil der Fall zu sein. Oder seid ihr doch nicht so furchtlos?

Bethany Cosentino: Die Dunkelheit kann schon gruselig sein. Das würde ich niemals abstreiten wollen, aber wir leben in einer Ecke von Los Angeles, in der wir uns sehr wohlfühlen. Deswegen gibt es keinen Grund für uns sich unsicher zu fühlen. Ausserdem haben wir beide gute Alarmanlagen in unseren Häusern!

MusikBlog: Auf den neuen Songs erforscht ihr weitestgehend die Komplexität der Liebe mit all ihren Höhen und Tiefen. Nähert man sich solch einem großen Thema am besten nur aus einer rein emotionalen Perspektive heraus?

Bethany Cosentino: Für mich persönlich geht es gar nicht anders. Es ist generell schwer in dieser Hinsicht rational zu sein. Beim Schreiben funktioniert es für mich nur, wenn ich versuche mich diesem Thema möglichst simpel zu nähern. Ich möchte, dass andere Menschen sich mit meinen Gedanken identifizieren können. Würde ich es komplexer angehen, hätte ich allzusehr das Gefühl ausschließlich über meine Empfindungen zu schreiben und das möchte ich nicht. Auf diese Weise fühlen sich hoffentlich sowohl jüngere sowie ältere Menschen davon angesprochen und es ist ebenfalls egal, welches Geschlecht du hast.

MusikBlog: Einmal vom rein kreativen Output abgesehen, welchen Mehrwert besitzt die thematische Auseinandersetzung mit der Liebe für euch?

Bethany Cosentino: Ich bin keine dieser Songwriterinnen, die Musik macht und Texte schreibt, um persönliche Erfahrungen zu verarbeiten. Ich nutze Songs nicht als Hilfsmittel mich seelisch wieder zusammenzuflicken oder in eine neue Phase übergehen zu können. Ich schreibe Songs, um bestimmte Gefühlsregungen zu dokumentieren. Es wird niemals im Leben eine Zeit geben, in der etwas nicht kompliziert erscheint, also versuche ich bestmöglich die Komplexität der Dinge zu ergründen. In den letzten Jahren bin ich durch meine Arbeit viel realistischer geworden.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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