Samantha Crain – Under Branch And Thorn And Tree – Innerliche Aufgekratztheit

Sobald eine Frau eine Gitarre um den Hals trägt, ein paar Akkorde schrammelt und nicht ganz auf Püppchen gestylt ist, spricht man gerne von einem “Riot Grrrl”. Dass man den kompletten soziokulturellen Überbau schon längst nicht mehr mitdenkt, spielt dabei keine Rolle. Darum begehen wir an dieser Stelle nicht den Fehler und verzichten darauf, Samantha Crain mit diesem Trademark zu versehen. Schließlich ist die Amerikanerin genau das Gegenteil hiervon. Sie ist eine leise, zaghafte, zerbrechliche Person. Ein Mensch, der die Introspektive mehr schätzt, als das exaltierte Herausschreien von Befindlichkeiten.

Zumindest klingt ihre Musik danach. Auch auf ihrem nunmehr vierten Album “Under Branch & Thorn & Tree” spielt die junge Frau ihren verschleppten Indie-Folk, der an die schlaftrunkenen Momente PJ Harveys erinnert. Wye Oak hatten auch mit dem tollen “Civilian” eine ähnlich fahrlässige Platte herausgebracht. Die klangliche Nähe zu Wye Oak könnte auch dadurch erklärt werden, dass die Stimme von deren Frontfrau Jenn Wasner auch so zerbrechlich klingt.

Prominente Unterstützer hatte Samantha Crain ja schon zur Genüge, wie zum Beispiel von Murder By Death, Josh Ritter und den Avett Brothers. Samantha Crain ist kein Indie-Starlet, aber ein Szene-Darling, der man eben gerne unter die Arme greift. Trotz dieser signifikanten Schützenhilfe bleibt ihre Musik dezent, unaufdringlich, entrückt. Zu den zehn Stücken auf “Under Branch & Thorn & Tree” kann man also prima Tollkirschen pflücken, um sie anschließend zu einem köstlich-gefährlichen Gebräu zu verarbeiten. Man merkt: Crains Musik lebt nicht vom Hochgefühl. Dunkelrot schimmern ihre Elegien im fahlen Mondlicht, ihr Gift schmeckt herrlich süß.

Besonders gut ist Samantha Crain dann, wenn sie die Bandbreite ihrer Stimme ausreizt, die Instrumentierung im Hintergrund leise schwelt und folglich eine unbehaglich-wohlige Atmosphäre Einzug hält. Dies gelingt Samantha Crain vor allem in der ersten Albumhälfte, unter anderem beim übermächtig-schönen “Outside The Pale”, dem wohl bislang besten Song aus ihrer Feder. Selbst PJ Harvey oder Cat Power bekommen einen solchen Song nur an äußerst regnerischen Sonntagen zustande.

Auch der tollkühne Opener “Killer” sticht heraus: Die sanfte Gitarre geht mit Crains Stimme eine verhängnisvolle Liaison ein, das Lied schwebt fünf Meter über dem nebligen Boden. Nach außen hin wirken diese Lieder in sich ruhend, doch man wird das Gefühl nicht los, dass in ihnen eine innerliche Aufgekratztheit wohnt.

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