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Nicht noch eine dieser Girlbands oder muss man gar lauthals fordern: Nicht noch eine dieser schrammeligen Indie-Bands? Weit gefehlt. Weder Girlband noch konformer Indie-Einheitsbrei. Girl Band, das sind Sänger Dara Kiely, Schlagzeuger Adam Faulkner, Gitarrist Alan Duggan und Bassist Daniel Fox aus Dublin. Seit Teenagertagen spielen die Jungs gemeinsam, jedoch bis dato in recht unbekannter Formation. Jetzt sind sie zwischen 23 und 24 Jahren, haben ihren ganz eigenen vitalen Sound entwickelt, den jeden, der über Girl Band schreibt, zu verwirren scheint. In ihrer Heimat Irland haben sie einen ordentlichen Hype hinter sich, zumindest in den unkonformen Indie-Kreisen, fernab des Mainstream.

Ihr Debüt “Holding Hands With Jamie” haben Girl Band im Bow Lane Studios in Dublin aufgenommen. Das Ergebnis sind neun, zuvor unveröffentlichte Tracks. Girl Band schreiben Songs, die zugleich irritieren und berauschen, so liest man.

Der Opener “Umbongo” gibt den Kritikern recht. Erster Höreindruck: Abschreckend und aufdringlich, verstörend dissonant, eine sich bedrohlich in die Magengegend bohrende Basslinie. Es lohnt sich jedoch dabeizubleiben. Spätestens ab Minute zwei, wenn Kiely mit seiner vergleichsweise behaglichen Stimme daherkommt. “Umbongo” wird zum grotesken Kraftakt für die Ohren. Scheußlich, geradezu gewollt unerträglich vernehmen wir metallisches Klopfen, röhrende Bremsgeräusche, sich durchdrehende Propeller.

Schon nach dem ersten Song darf man vermuten: Das sind eigentlich zivil aussehende Iren, die es aber faustdick hinter den Ohren haben mit ihren höllisch-diabolischen Songs. Dagegen sind “Pears For Lunch”, “In Plastic” und “Paul” richtig eingängig. Erholung für die Ohren gibt es dennoch höchstens während des Fadings, zwischen den Songs oder bei “The Last Riddler” … vielleicht doch nicht.

Girl Band spielen mit extremer Kompromisslosigkeit, das zeigt ihr anderer Longplay “Fucking Butter”: Hysterisch durcheinander trommelnde Drums, ein Tohuwabohu aus Gitarre und Bass, ein frustrierter Sänger, der sich die Seele aus dem Leib schreit. Girl Band ist auch ein Exempel für musikalische Andersartigkeit von der grünen Insel. Dort, wo die Sehnsucht nach beseelter und wohlklingender Melodie groß ist, bilden Girl Band einen Gegenpol, zerstörerischer Noise-Rock at it’s very best.

Bei Girl Band mag einem der Schädel platzen (“Baloo”), das Leben mag für neun Songs außer Kontrolle geraten (“The Witch Dr.”), und sei es nur durch harmlose Kopfschmerzen. Doch die bizarren Akkorde machen etwas mit einem. Sie sind ein Appell an die Dekonstruktion von Rockmusik in seine grundlegenden Bestandteile. Das Ergebnis ist eine völlig neuartige Komposition, die Vertonung der Chaostheorie sozusagen, ganz ohne Bedienungsanleitung und Rezeptbuch für ein prototypisches Indie-Album. Girl Band kreieren ihren ganz eigenen aufgewirbelten Sound-Kosmos.

“Holding Hands With Jamie”, für die einen vielleicht ein Klangbild der chaotisch-maroden Baustelle von nebenan, für die anderen ein Inferno der guten Musik; in jedem Fall eine vortreffliche Kritik am Wohl- und Gleichklang dieser Welt. Ganz getreu dem Motto: Brichst du mir das Herz, spiele ich dir Girl Band vor.

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