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Der Sound ist der Löffel Zucker für die Texte – Metric im Interview

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Auf ihrem diesjährigen Album „Pagans In Vegas“ klingen Metric tanzbarer und elektronischer als jemals zuvor. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn die Band aus Toronto hat zeitgleich ein weiteres Album aufgenommen, bei dem sie komplett auf Synthesizer verzichtet und stattdessen auf analoge Instrumentierung setzt und das demnächst als Gegenstück zu „Pagans In Vegas“ erscheinen soll. Während dieses kommende Album zu großen Teilen auf den Ideen von Frontfrau Emily Haines beruht, haben James Shaw und seine riesige Synthesizer-Sammlung den Sound von „Pagans In Vegas“ geprägt.

Gestern waren Metric im Rahmen ihrer derzeitigen Tour in München zu Gast, wir sprachen mit James Shaw über das ungewöhnliche Doppelalbum-Konzept, die Gegensätze in der Musik von Metric und die negativen Seiten der Musikindustrie.

MusikBlog: Gerade tourt ihr durch Deutschland, vor einigen Monaten habt ihr Imagine Dragons als Support durch Nordamerika begleitet. Wie war es, als Vorband für solch einen Mainstream-Act zu spielen?

James Shaw: Wir touren bereits seit 2002, haben also schon vieles erlebt. Kleine, dreckige Clubs, große Arenen, noch größere Festivals – all das haben wir schon hinter uns. Mal als Support, mal als Headliner. Imagine Dragons waren interessant, weil sie gerade eine so breite Akzeptanz im Mainstream erfahren. Wir sind wohl nie tiefer in den Mainstream eingedrungen als mit dieser Tour. In der Indie-Szene fühlen wir uns selbst eigentlich wie eine Mainstream-Band, aber im Mainstream kamen wir uns plötzlich wieder wie die schräge Indie- und Artrock-Band vor.

MusikBlog: „Pagans In Vegas“ ist euer bisher elektronischstes Album. Ist es daher schwieriger, die Songs live auf der Bühne umzusetzen?

James Shaw: In gewisser Weise ja. Wir haben die letzten Alben allerdings schon mit dem Grundsatz aufgenommen, dass ein Album ein eigenständiges Medium ist. Es soll nicht so klingen wie auf dem Konzert. Wenn ich im Studio bin und Songs schreibe, denke ich nicht darüber nach, wie sich das live umsetzen lässt. Es sind zwei verschiedene Welten, die sich auch nicht annähern müssen. Dennoch merkten wir im Proberaum, als wir die neuen Songs einstudierten, dass es dieses Mal schwierig werden würde. Eine Drum-Maschine klingt wie eine Drum-Maschine und eben nicht wie ein Schlagzeuger. Und es hat Gründe, dass du mal das eine, mal das andere nutzt. Es war eine Herausforderung, aber jetzt klingen die Songs nicht mehr elektronisch, sondern einfach nach Metric. Metric spielen die Metric-Version des elektronischen Songs, den du auf dem Metric-Album gehört hast.

MusikBlog: Also nutzt du bereits beim Schreiben Synthesizer und Drum-Maschinen oder entstehen die Songs dennoch an Gitarre oder Klavier?

James Shaw: Ich benutze auf jeden Fall Synthies und Drum-Maschinen. Ich habe eine ganze Wand voll Synthesizer in unserem Studio in Toronto. Dazwischen bin ich dann umhergestreift, habe mal eine Harmoniefolge, einen Basslauf oder einen Beat gebastelt – ohne groß darüber nachzudenken, für wen ich das nun gerade schreibe. Als das Material langsam Formen annahm und ich es Emily vorspielte, meinte sie: Das sollte unser nächstes Metric-Album werden. Das hatte ich überhaupt nicht erwartet, als ich die Songs schrieb.

MusikBlog: Auf dem Album gibt es immer wieder diese New-Order-Momente – zum Beispiel erinnert der Beat zu Beginn von „For Kicks“ an „Blue Monday“. War New Order eine große Inspiration?

James Shaw: Auf jeden Fall. Die Stücke auf diesem Album sind elektronisch, sie sind tanzbar und selbstverständlich sind sie Musik – du könntest sie also EDM nennen. Aber sie haben nichts mit dem zu tun, was gerade EDM genannt wird. Also haben wir uns gefragt, was es stattdessen ist. Und unsere Einflüsse sind eben diese alten elektronischen Bands wie Kraftwerk, Depeche Mode oder New Order. Als wir das merkten, wollten wir diesen Einfluss auch gar nicht verbergen, sondern vielmehr betonen und damit diese Bands und ihre Ära feiern.

MusikBlog: Abgesehen von Kraftwerk handelt es sich bei den genannten Bands ausschließlich um britische Gruppen und man könnte diese Liste noch um Duran Duran, Underworld oder The Cure erweitern. Warum ist diese britische Szene so eine große Inspiration für euch?

James Shaw: Weil es verdammt großartige Bands sind. Als ich zehn Jahre alt war, habe ich nicht plötzlich beschlossen, nur noch britische Bands zu hören. Wahrscheinlich wusste ich nicht einmal, dass sie britisch waren. Aber Duran Duran waren damals die coolste Band, also habe ich sie rauf und runter gehört.

MusikBlog: Du hast schon erwähnt, dass die Musik auf „Pagans In Vegas“ sehr tanzbar und oft auch fröhlich ist. Allerdings stehen die Texte häufig in starkem Kontrast zu dieser positiven Stimmung.

James Shaw: Dieser Kontrast existiert bei Metric aber schon länger. Es geht darum, einen angenehmen Sound zu kreieren, der dir gefällt, und dich gleichzeitig mit den Texten zum Nachdenken anzuregen. Der Sound ist der Löffel Zucker, mit dem die Texte als Medizin leichter zu schlucken sind. Emily schreibt immer über das, was sie sieht und erlebt. Und das sind eben oft nicht unbedingt schöne Dinge. Aber wenn du möchtest, dass sich Menschen das anhören, brauchst du auch ein positives, einladendes Element. Und wenn du dich nicht mit den Texten beschäftigen möchtest, sondern nur die Musik genießen willst, dann ist das auch okay. Aber wenn du tiefer in die Songs eintauchen willst, dann steht Emily mit ihren Texten bereit. Wenn du auf der glänzenden Oberfläche bleiben möchtest – auch gut.

MusikBlog: Euer letztes Album „Synthetica“ drehte sich stark um den Gegensatz zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit. Gibt es auch auf „Pagans in Vegas“ ein übergeordnetes Konzept?

James Shaw: Beim neuen Album handelte es sich eher um eine lose Songsammlung als um ein Konzeptalbum. Andererseits ist es eine Hälfte von einer Art Doppelalbum, von dem allerdings erst diese Hälfte veröffentlicht wurde. Das nächste Album ist bereits fertig, wir wissen allerdings noch nicht genau, wann wir es veröffentlichen. Aber wahrscheinlich bald. Das Konzept ergibt sich dieses Mal erst durch beide Alben. Metric bewegten sich immer im Spannungsfeld zwischen elektronischer und analoger Musik. Dieses Mal haben wir diese beiden Elemente allerdings nicht kombiniert, sondern auf zwei Alben aufgeteilt. „Pagans In Vegas“ deckt dabei die elektronische Seite ab, das nächste Album die andere. Es wird darauf keine Synthesizer, keine Drum-Maschinen zu hören geben, sondern nur analoge Instrumente. Sobald du beide Alben gehört hast, wirst du auch verstehen, warum wir dieses Mal so vorgegangen sind.

MusikBlog: Wie kam es denn dazu, dass ihr gleichzeitig zwei Alben geschrieben und aufgenommen habt?

James Shaw: Anfang 2014 nahmen wir uns eine Auszeit und Emily und ich schrieben unabhängig voneinander neue Musik. Sie schrieb Songs, die an ihr Soloalbum „Knives Don’t Have Your Back“ erinnerten. Und ich schrieb eben diese tanzbaren, elektronischen Sachen. Doch statt wie üblich beide Ideen zu nehmen und daraus ein Mittelding zu kreieren, ließen wir beide Seiten getrennt voneinander existieren. Bisher war unsere Musik immer zweideutig, wechselte zwischen akustischen Rock- und elektronischen Dance-Elementen. Und das machte Metric ja auch aus. Dieses Mal hatten beide Seiten allerdings eine eigene Identität, deshalb wäre es schade gewesen, sie zu vermischen.

MusikBlog: Ihr habt dieses zweite Album in unterschiedlichen Studios während der Tour aufgenommen. Hat diese Arbeitsweise den Klang beeinflusst?

James Shaw: Es war auf jeden Fall eine ganz andere Herangehensweise. Bisher haben wir in meinem Studio in Toronto aufgenommen, was bedeutete, dass wir so viel Zeit hatten, wie wir benötigten. Diese Mal hatten wir überhaupt keine Zeit. Wir kamen am Nachmittag und mussten gegen sieben Uhr bereits wieder draußen sein. Dadurch hatten wir nicht die Möglichkeit, darüber nachzudenken, was wir machen. Wir sind rein, haben den Song aufgenommen und das war’s. Es war sehr intuitiv.

Die Songs diktierten uns, was wir zu tun hatten. Es gab zum Beispiel diesen Song, den wir in New Orleans aufgenommen haben. Und dann haben wir eben auch eine New Orleans Brass Band eingeladen. Jetzt klingt der Song anders als alles, was Metric bisher aufgenommen haben.

MusikBlog: Habt ihr darüber nachgedacht, beide Alben als Doppelalbum zu veröffentlichen?

James Shaw: Das war die ursprüngliche Idee, aber wir leben im Jahr 2015 und da ist es schwer genug, für dreieinhalb Minuten die Aufmerksamkeit des Publikums zu kriegen – ganz zu schweigen von zweieinhalb Stunden. Außerdem wirkt so ein Doppelalbum oft zu verkopft und beinahe angeberisch.

MusikBlog: Wir haben ja nun viel über Gegensätze gesprochen. Auch im Albumtitel steckt ja solch ein Kontrast zwischen der altertümlichen, naturverbundenen Welt der Heiden und der modernen, künstlichen Welt in Las Vegas. Seid ihr diese Heiden?

James Shaw: Wir fühlen uns oft wie altertümliche Wesen, die in einer Welt gelandet sind, die nach der Logik von Glücksspielen funktioniert mit wenigen Siegern und vielen Verlierern. Und mit allen möglichen Sünden. Emily sagte dazu: Ich fühle mich wie Big Foot vor einem Glücksspielautomaten. Das fasst es gut zusammen.

MusikBlog: Ihr habt für dieses Album ja auch die App „Pagan Portal“ erschaffen, einen „ruhigen kleinen Ort weit weg von all dem Krach im Web“. Braucht man heutzutage solche Rückzugsorte?

James Shaw: Zunächst wollten wir Fans dafür belohnen, dass sie direkt zu uns kommen. Ich will Leute nicht dazu auffordern, Vevo oder YouTube oder Apple Music zu besuchen, um unsere Songs zu hören. Ich möchte lieber dein musikalischer Freund sein. Wenn dein Kumpel zu dir sagt, dass ihr euch um acht Uhr in einem H&M-Laden trefft, würdest du dich auch wundern: Warum zur Hölle treffen wir uns nicht bei dir zuhause? Warum müssen wir uns in diesem Teil eines Megakonzerns treffen? Wir wollten also einen direkteren Austausch ohne Werbung oder andere Inhalte. Nach unserem Video startet kein Rihanna-Video mit dem Hinweis, dass bereits 200.000 andere Personen dieses Video geschaut haben. Ein ruhiger Ort nur für die Musik von Metric. Außerdem war es auch für uns ein intimeres Erlebnis. Als wir die Musik dort zwei Wochen vor dem offiziellen Release hochluden, fühlte es sich so an, als würden wir die Musik den Fans direkt vorspielen.

MusikBlog: Neben dieser modernen Technologie habt ihr aber auch auf ein recht überholtes Medium gesetzt und „Pagans In Vegas“ auf Kassette veröffentlicht. War das ein nostalgischer Gag?

James Shaw: Es war nicht als Scherz gedacht, stattdessen überlegten wir uns: Wenn die Musik eine Reminiszenz an die Musik der Vergangenheit ist, warum dann nicht auch das Medium, auf dem sie erscheint? Warum also das Album nicht auch auf Kassette veröffentlichen?

MusikBlog: Mit „Pagans In Vegas“ veröffentlicht ihr euer drittes Album auf eurem eigenen Label. Seid ihr immer noch glücklich mit der Entscheidung, diesen risikoreichen Schritt gewagt zu haben?

James Shaw: Das ist für mich eine sehr zwiespältige Angelegenheit. Es brachte uns natürlich viele Vorteile und Annehmlichkeiten. Alles, was ich eben über die App gesagt habe, können wir uns durch diesen Schritt erlauben. Wir sind unsere eigenen Bosse und können tun und lassen, was immer wir wollen. Andererseits brachte das Internet nicht die erhoffte Demokratisierung des Musikmarktes. Die Musikindustrie ist stattdessen verschlossener und weniger demokratisch, als sie jemals war, und diejenigen, die die goldenen Schlüssel besitzen, setzen alles daran, dass wir nicht hereinkommen. Denn wenn wir ohne die Unterstützung eines millionenschweren Konzerns in irgendeine Top20-Liste kämen, wäre das der Beweis, dass diese Leute mit ihren Schlüsseln überflüssig sind. Und so sind wir gezwungen, in dieser kleineren Independent-Blase zu leben – wo wir uns allerdings auch sehr wohl fühlen. Doch selbst wenn wir diesen einen Song schreiben, der das Potenzial hat, den Weltraum zu erobern, wird uns so immer der Treibstoff dazu fehlen.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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