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Ben Harper – Live in der Columbiahalle, Berlin

Vertrautheit. Das bestimmende Gefühl dieses Abends hieß Vertrautheit. Noch immer umgarnt Ben Harper mit seiner sanften Hünenstimme sein Publikum, noch immer pendelt er stetig zwischen seinen hochpolitischen, nach Gerechtigkeit rufenden Statements und sanftesten Liedern über das ewige Auf und Ab in der Liebe, noch immer funktioniert er mit seiner Band The Innocent Criminals wie eine gut geschmierte Maschine.

Dabei war ja lange Funkstille um das gewohnte Bild. Mit seinem 13. Studioalbum „Call It What It Is“ aus dem Frühling dieses Jahres, fand Ben Harper zum ersten Mal seit 2007 wieder mit seiner alten Band in einem Studio zusammen und zurück in die charakteristische Melange aus Rock, Blues, Funk und Reggae, mit der er zu veritabler Bekanntheit gelangte.

Klar, das Publikum in der gefüllten, aber nicht ausverkauften Columbiahalle war kein junges, und klar, Ben Harper bleibt Ben Harper, also seltsam hin und her schweifend zwischen softem Kitsch und urehrlichstem, dreckigstem Blues.

Diesen Gegensatz konnte die Kritikerschar noch nie gänzlich an Ben Harper verstehen. Sein Publikum, wie gestern in Berlin, scheint’s genauso zu mögen. Die erste Hälfte bestimmten maßgeblich Schunkel-Rock und Schmuse-Kitsch. Es troff förmlich von der Decke vor so viel Gutmenschen-Leidenschaft.

Schnelle Richter hätten den Auftritt prompt in die Schunkel-Kategorie der Altbackenen und ihrer Nostalgie-Abende stecken mögen. Doch zum Glück kam mit der Zeit und vor allem gegen Ende ordentlich Salz in die Suppe.

Wie Harper auf seiner Slide-Guitar sich den Blues beseelten Gitarrenjams hinzugeben versteht, wie er mit seinem formidablen Bassisten um die Wette groovt, dabei wunderschön langatmige Experimentier-Solos ad hoc auf der Bühne erfindet:

Das ist der Ben Harper, für den es sich gelohnt hat, gekommen zu sein. Er ist ein sehr guter Blues-Musiker, das vergisst man gerne, bei den vielen Reggae-Balladen.

Und nicht nur er: Schön am gestrigen Abend war auch, zu sehen, wie viel Feingefühl es einem Bandleader abverlangt, eine veritable und eingespielte Truppe bei der Stange zu halten. Vielleicht springt Harper mit seinen Criminals auch deshalb so stark zwischen den Genres.

Der Drummer, der Leadgitarrist, der Keyboarder, sie alle brauchen über kurz oder lang mehr zu tun als Schunkelmelodien, erst recht der mit dem meisten Applaus bedachte zweite Perkussionist und der schon gepriesen Basser.

Jeder will ein Solo, jeder will zeigen, was für ein Musiker in ihm steckt. Harper, mit rekordverdächtig ausführlicher Bandvorstellung beim Publikum, weiß das und zeigt sich als Regie führender Spotlight-Verteiler.

So bekam das Publikum zu sehen, wofür sie gekommen waren, gestandene Musiker in Aktion, auch wenn der Kitschanteil beim Weltverbesserer aus Kalifornien beständig hoch bleibt.

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