Entschleunigung und Melancholie müssen nicht zwangsläufig Hand in Hand gehen, aber sind natürlich artverwandt. Selten hat ein Debüt diese Grenzgebiete so elegant miteinander verschlungen. J Churcher geht mit seinem Debüt aber andere Wege als die bekannte Pop-Nachbarschaft aus London.

“Borderland State” versammelt reduzierte Akustik, generell unprätentiöse Gitarren im Reverb-Modus und versteckt klammheimlich etliche Referenzen an die Helden verzerrter Gitarren. Zumindest denkt man bei den schwer romantisch wiegenden Stücken wie “Yesterday” unvermittelt an den lethargisch schleppenden Gitarrensound von Jesus & Mary Chain.

Auch die nicht selten aktivierte Bassgitarre erinnert an die Achtziger, an New Order, um ganz explizit zu werden. Besonders markant in der Shoegazer-Ballade “Finding Roxanne” – trotzdem wirkt “Borderland State” nicht epigonisch. Und keineswegs wie ein konzeptuelles Hommage-Werk. Dafür wirkt Churcher zu abseitig, zu abwesend. Zumindest nimmt man ihm seine lethargische Phase voll und ganz ab, ohne ironische Brechung, ohne versöhnenden Relativismus.

Das karg romantische “In The Summer” hätte hingegen auch bei Bon Iver landen können. Natürlich nur, was die sensiblen Gitarren-Arrangements angeht: Churcher wirkt mitunter wie versteckt, mehr nach Singsang als nach fester Tonalität.

Vieles plätschert, verliert sich in leicht redundanten Ansätzen, kreischt nicht nach Aufmerksamkeit, sondern sucht die mentale Abwechslung von den wirklich schmerzenden Themen. Dass die ebenfalls in London ansässige Anna B Savage für die Backing-Vocals verpflichtet wurde, registriert man nur mit hoher Aufmerksamkeit. Beide Musiker eint aber das Gespür dafür, dass sich verwaschene Soundästhetik und härte Gitarreneinschläge nicht unbedingt ausschließen müssen.

Doch selbst letztere lechzen hier nicht nach Aufmerksamkeit, installieren keinen Schockeffekt. Das ist in dem Sinne witzig, weil “Borderland” häufig Titel und Motiv für Grenzgebiet und -überschreitung ist.

2007 erschien unter diesem Titel noch ein Horror-Splatter-Film, “Borderlands” wiederum heißt auch ein Science-Fiction-Ego-Shooter.

Wenn J Churcher Grenzen überschreitet, geschieht das leise und beinahe unmerklich. Subtilität, das ist die Marke und das ungeheure Verdienst dieses Albums, das mit dem nahezu unspektakulären “In The Summer” ohne großes Pathos endet.

Gerade wegen dieser Zurückhaltung, dieser Unaufdringlichkeit, hinter der sich große Popideen verbinden, muss man “Borderland” schätzen lernen.

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