Generic selectors
Exact matches only
Search in title
Search in content
Search in posts
Search in pages
Friends Of Gas (Credit Birgit Martin/MusikBlog)
Friends Of Gas (Credit Birgit Martin/MusikBlog)
Friends Of Gas (Credit Birgit Martin/MusikBlog)
Friends Of Gas (Credit Birgit Martin/MusikBlog)

Friends Of Gas – Live im Hafenklang, Hamburg

Anti-Show ist auch Show.

Vier Heimwerker tröpfeln nacheinander auf die Bühne und basteln an Instrumenten. So der schnörkellose Auftritt ohne Attitüde von Kristen. Die Bühne platzt vor analogen Gerätschaften und Verstärkern. Grade noch Platz für die Jungs dazwischen. Schnörkelfrei auch die Begrüßung, sie „ kommen aus Polen, einem Land da bei Russland“. Trockener Humor steht über den Dingen, jeder Satz mit einem Augenzwinkern.

Ernsthaft dagegen der Beginn der Musik, kein geruhsames Anwärmen des Publikums. Vom Fleck weg maximale Abstraktion. Dominiert von zerrender Gitarre, sorgen Bass und knackige Drums für Schub. Unterlegt von Analog-Synthie Sound, der klingt wie böser Industrial aus den 80er/90ern. Mitreißend, komplex und fern jeder Kategorisierung.

Langeweile kommt nicht auf. Mal intensiver Teppich, dann wieder schleppend. Langsame knackige Tritte in den Bauch und wieder gehetzt weiter. Das erste Stück mit 15min eine klare Ansage, wir machen keinen Mainstream. Es vibriert der komplette Goldene Salon. Das ist keine U-Bahn, sondern ein Experiment: wie tief und stark kann man Bassfrequenzen erzeugen?

Die knapp 10-jährige Bandgeschichte haben sie fleißig zum Sammeln von Effektgeräten genutzt. Nicht nur über zehn davon an der Gitarre, selbst das Schlagzeug bekommt welche ab. Und wenn alle Stricke reißen, gibt es den Schaschlik-Spieß. Der wird zur weiteren Verfremdung durch die Saiten gefädelt.

„Danke, dass Ihr unsere schräge Musik anhört. Wir können nichts anderes, wir haben keine Wahl. Jetzt habt Ihr auch keine Wahl“. Vielen Dank, diese Wahl nehmen wir gerne an. Abgesehen von der Länge ein vollwertiges Konzert, nicht „nur“ Opener.

Friends Of Gas materialisieren sich nach dem Umbau schrittweise auf der Bühne. Privates Happening, kein aufmerksamkeit-heischender Auftritt. Unberührtes Sitzen an der Kante mit indigniertem Blick, Tuscheln im Knien. Zigaretten und Bier werden geteilt. Irgendwann wird auch das Becken montiert (ist das eigentlich Kunst, Tuning oder einfach kaputt?). Das Quintett aus München hat vergessen, dass ein Auftritt ansteht. Der rappelvolle Raum sieht das anders.

„Saurer Schnee“ eröffnet den Gig gleichfalls schrittweise und unaufgeregt. Erst die Gitarre, dann steigen alle nacheinander ein. Nina Walser kniet noch betont ungerührt bis zum Einsatz. So gelangweilt das auch aussieht, die Musik ist ihnen live nicht egal und alles andere als unaufregend. Nicht umsonst haben sie die Platte mit Max Rieger praktisch live eingespielt.

Interaktion mit dem Publikum: ein gelegentlich gehauchtes „Danke“. Hauchen ist sonst nicht Kernkompetenz von Nina Walser. Singen, Brüllen, Schreien, Krächzen – zu einzigartig für einen Begriff. Geschaffen als Transportmedium für ihre Texte. Sinn oder nicht, Inhalt oder Poesie – verstärkt durch Repetition erzeugt die Kombination Sog.

Konsequente Vermeidung von Augenkontakt mit Publikum, Haare vor dem Gesicht bei allen. Reichen diese nicht als Abschottung, gibt’s Rücken zu sehen.

Unterschiedlichste Bühnencharaktere in Symbiose. Martin Tagar am Bass gänzlich unbeteiligt am linken Rand. Gar nicht unbeteiligt sein Beitrag, welch ein langsam massiver Beginn von „Ewiges Haus“.

Thomas Westner im Musik-Delirium, tanzendes Zucken, irrer Blick, verdrehte Augen. Sein Hemd als Zeitmessung des Auftritts.

Veronica Burnuthian, Gitarre unter’s Kinn geklemmt, grinst sogar. Natürlich selbstvergessen als Teil der Musik für sich alleine.

ErolDizdar, freundlicher, aber komplett wahnsinniger Bär am Schlagzeug. Keine tausendstel Sekunde still, explodierende pure Energie. Jetzt doch Publikumsanimation, er zeigt Zunge, dann brüllend seinen Bauch.

Latent ironisches Nicht-Entertainment. Und Nina Walser im Zentrum weilt mental in einem anderen Raum. Abwesend tanzend, unberührt kniend, meist seitlich mit dem Rücken zum Publikum. Minimale Abstimmungen mit den Anderen, verstohlener Blick auf die Setlist am Handrücken.

Das Set steigert sich konsequent. Unglaubliches Kreischen bei „Einknick“. Der gefühlt nie endende Teppich von „Kollektives Träumen“ setzt einen neuen Level an Intensität.

„Teeth“ offensichtlich zelebrierte Klimax. Krachige Musik steigert sich zu musikalischem Noise-Inferno. Introvertierte Versunkenheit steigert sich auf der Bühne zu erschaffender Destruktion. Schlagzeugfelle reichen nicht mehr, man kann überall draufschlagen. Thomas widmet sich zuckend über den Effekten liegend nur noch diesen, die Gitarre unbeachtet reduziert zum Impulsgeber.

Zentrum des Feuerwerks ist Veronica Burnuthian. Zu Beginn des Stücks zivilisiert auf ein Becken schlagend, folgt gesteuerter Kontrollverlust. Drumstick gegen Becken, Becken gegen Gitarre, Gitarre schlägt auf Becken. Drumstick zwischen Saiten gefädelt, Gitarre auf den Boden. Sehen so schmerzhaft wie Hören. Schmerzen können so schön sein.

Nina Walser sitzt wie ein Fels in der Mitte des Chaos. Ihr Text ist aufgebraucht, sie schlägt den Takt dazu auf dem Mikro. Das sind die letzten Töne, mit denen der Abend ausklingt. Zugabe, obwohl geübt, fällt aus.

Diese Musik ist für die Bühne geschaffen, die Latte für das Konzertjahr 2017 hängt jetzt hoch. Friends Of Gas besiegen Animation mit einzigartigem Sound. Sie brauchen weder Singen mit dem Publikum noch einstudierte Choreografie oder gemeinsames Klatschen, nicht mal „wie toll dass ihr alle da seid“.

Demonstrative Konzentration auf sich und die Musik. So demonstrativ, dass die Anti-Show auch eine einstudierte Show wird.

Schreibe einen Kommentar