Man kann auch nur mit dem Klavier eine Revolution anzetteln – Algiers im Interview

Bereits auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum schlugen die drei Jungs von Algiers kritische Töne an. Politischer und gesellschaftlicher Gegenwind befeuert auch den Nachfolger “The Underside Of Power“, der morgen das Licht der Welt erblickt. Wir trafen uns mit Sänger Franklin James Fisher in Berlin zum Interview und sprachen über das Brodeln unter der Oberfläche, absurde Nachtclub-Momente und die Energie einer künstlerischen Einheit.

MusikBlog: Franklin, euer zweites Album trägt den Titel “The Underside Of Power”. Hast du einen Tipp für Menschen, die sich dieser Tage auf die Seite der globalen Hoffnungsträger schlagen? Wie tritt man dunklen Mächten am effektivsten entgegen?

Franklin: Zunächst einmal freut es mich, dass du scheinbar die richtigen Schlüsse aus dem Albumtitel ziehst. Es geht in der Tat um die Möglichkeiten, Dinge in Gang zu setzen. Der Schlüssel ist natürlich: in Aktion treten. Wer einfach nur daheim in seinem Kämmerchen hockt und schmollt, der wird die Welt nicht verändern.

Versteh mich nicht falsch. Wir werden die Welt auch nicht einfach so verändern, nur weil wir gesellschaftskritische Songs auf die Reise schicken. Aber es ist ein Anfang, ein erster Schritt ins Licht und unsere künstlerische Antwort auf all die tausend Fragen, die sich gerade stellen.

MusikBlog: Welche Frage beschäftigt euch denn gerade am meisten?

Franklin: Das kann man so pauschal gar nicht beantworten. Dafür brennt es momentan einfach an zu vielen Ecken lichterloh. Wir rennen mit unserer Musik auch nicht mit dem Kopf durch die Wand. Parolen oder gängige Phrasen sucht man in unseren Texten vergebens.

Es geht uns eher um das Brodeln unter der Oberfläche. Die Leute wollen ja, dass sich etwas verändert. Nur muss jeder dafür auch seinen Hintern hochkriegen. Wir geben nur kleine Anreize. Wir versuchen, Hoffnung zu verbreiten.

MusikBlog: Post-Punk, Industrial, Soul: Inwieweit trägt euer wildes Sound-Potpouri zum Erreichen eurer Ziele bei?

Franklin: Man kann auch nur mit dem Klavier eine Revolution anzetteln. Man muss keine Sound-Bombe zünden, um da draußen Gehör zu finden. Wichtig ist nur der Vibe. Wenn man als Künstler in der Lage ist, eine Stimmung zu erzeugen, die andere Menschen berührt, dann spielt es keine Rolle, ob im Hintergrund harte oder zarte Töne angeschlagen werden.

Wir haben uns für unsere Mixtur entscheiden, weil sie uns musikalisch reflektiert. Das ist unser Sound. Im Hier und Jetzt wollen wir genau so klingen. Das kann natürlich in zwei oder drei Jahren schon wieder anders sein. Dann haben wir vielleicht mal Lust auf ein bisschen Folk oder eine Prise Elektro. Wer weiß das schon?

Wir legen unserer eigenen künstlerischen Entwicklung keine Steine in den Weg. Wir machen genau das, wonach uns gerade ist. Nur so bleibt man als Künstler authentisch. Und wenn man glaubwürdig rüberkommt, dann hören einem automatisch auch mehr Leute zu.

MusikBlog: Du arbeitest nebenbei noch in der Garderobe eines Nachtclubs in Manhattan. Dort tanzt die weiße Oberschicht zu den Klängen von Kendrick Lamar, Drake und Kanye West. Klingt nicht gerade nach einem Traumjob, oder?

Franklin: Ich habe ein Love/Hate-Verhältnis zu meinem Job. Natürlich gehen mir viele dieser Typen gegen den Strich. Ich meine, diese Leute tanzen und singen zu Songs mit, die eigentlich für ganz andere Leute geschrieben wurden. Das ist schon ziemlich absurd. Aber dieser Job inspiriert mich natürlich auch. Er verschafft mir einen Einblick in eine Welt, in der es vor Fragezeichen nur so wimmelt.

MusikBlog: Ihr stammt alle aus Atlanta, wohnt mittlerweile aber quer über den Erdball verteilt. Wie hält man ein Konstrukt, das so intensiv zu Werke geht, zusammen, wenn alle Beteiligten nur selten im gleichen Raum weilen?

Franklin: Nichts ist unmöglich. Wir kennen uns alle schon so lange. Wenn einer von uns mal für längere Zeit aus dem Blickfeld verschwindet, dann wissen die anderen beiden trotzdem, wie er denkt, wie er fühlt, und was er für richtig oder falsch hält. Wir ziehen alle an einem Strang, ganz egal, wo wir uns gerade befinden. Das ist auch die große Stärke dieser Band.

MusikBlog: Was zeichnet euch sonst noch aus? Was macht euch dieser Tage zu einer besonderen Band?

Franklin: Oh, da musst du andere Leute fragen. (lacht) Ich denke, dass jede Band und jeder Künstler etwas Besonderes hat. Man muss zwar nicht alles und jeden mögen. Aber man sollte den Menschen Respekt zollen, die sich mit ihren Gedanken und Meinungen auf die Bühne stellen.

MusikBlog: Lang lebe die Freiheit!

Franklin: So in etwa. Diskriminierung, Unterdrückung und jegliche Form der Freiheitsberaubung sind dunkle Schatten in einer Welt, die eigentlich hell strahlen könnte. Musiker, Maler, Bankangestellter, Postbote: Jeder einzelne da draußen hat die Möglichkeit, etwas zu verändern. Wie ich schon sagte: Man muss dafür nur aus dem Knick kommen.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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