Wir wollen eine andere Welt bieten – Lola Marsh im Interview

Vier Jahre nach ihrer Gründung veröffentlichen Lola Marsh jetzt ihr Debütalbum. Angekündigt mit der ersten Singleauskopplung „Wishing Girl“ behandeln die elf Songs auf „Remember Roses“ neben den Themen Liebe und Freundschaft auch Ängste, die es beim Heranwachsen zu bezwingen gibt. Im Interview verraten uns Yael Shoshana Cohen und Gil Landau, wie es ist, mit Ex-Partnern zusammenzuarbeiten, was durch das digitale Zeitalter verloren geht und weshalb politische Ereignisse keinen Platz in ihrer Musik finden.

MusikBlog: Debütalbum in den Startlöchern! Fühlt es sich an wie eine Bewährungsprobe?

Gil: Nicht ganz wie eine Bewährungsprobe, aber der Druck ist auf jeden Fall da. Das liegt aber nicht nur am Album allein, immerhin liegt eine intensive Zeit vor uns mit der einmonatigen Tour.

Yael: Es fühlt sich aber auch gut an, endlich mit dem eigenen Album auf Tour zu gehen. Ich glaube, wir beide sind auf eine gewisse Weise erleichtert.

Gil: Stimmt. Wir sind auf jeden Fall froh und hoffen, dass die Leute es mögen werden…dass sie Lola Marsh mögen werden!

MusikBlog: Apropos, interessanter Name übrigens.

Yael: Ja! (lacht) Wir saßen eigentlich nur mit Freunden zusammen und haben ein bisschen mit Bandnamen rumgespielt. Auf einmal hatten wir diesen einen magischen Moment und die Band einen Namen.

MusikBlog: Also hat der Name eher euch gefunden?

Gil: Zum Glück! (lacht) Wir hatten nämlich wirklich eine lange Liste mit all diesen dummen Namen, wie „The Sun And The Fog“ oder „One Night Zebra“. Da passt der jetzige Name definitiv besser zu unserer Musik…

Yael: Stimmt. Vor ein paar Monaten waren wir nämlich in China und haben erfahren, dass „Lola Marsh“ eigentlich für die romantische Kultur Chinas steht.

Gil: Vielleicht nimmt man uns gerade deswegen so wahr. Weil unser Name eben unsere Musik impliziert.

MusikBlog: Jetzt habt ihr es schon angesprochen: Ihr seid ziemlich viel zusammen unterwegs. Dabei seid ihr doch ein Ex-Paar, oder etwa nicht?

Gil: Ja, du hast recht. Wir haben zusammengearbeitet und dann…du hast einfach recht! (lacht)

Yael: Es ist aber manchmal schon hart, das stimmt. Wir sind beide ziemlich unterschiedliche Charaktere, und genau genommen haben wir gar nicht als Paar angefangen. Wir haben mit der gemeinsamen Musik angefangen und waren zu Beginn wirklich nur Bandkollegen. Als wir uns dann nach drei Jahren trennten, entschieden wir uns gegen eine Auflösung, weil die Band für uns beide das Wichtigste war. Unsere Musik ist wie unser Kind.

Gil: Und du lässt dein Kind nicht einfach im Stich! Da gibt es dann keine andere Möglichkeit, als sich zusammenzuraufen.

Yael: Genau. Aber das war nicht der einzige Grund. Wir haben noch drei weitere Mitglieder in der Band und sind alle wie eine Familie. Lola Marsh macht einfach Spaß und ist es deshalb auf jeden Fall wert!

MusikBlog: Euer „Kind“ findet vor allem im Internet auf Plattformen wie Spotify großen Anklang. Wie findet ihr denn das digitale Leben?

Yael: Es gibt auf jeden Fall gute und schlechte Seiten. Man findet im Internet so viel Musik, es ist unglaublich! So viele Genres, was für uns als Musiker natürlich inspirierend ist. Aber natürlich ist durch das Streamen und Downloaden dieser romantische Touch von „in den Laden gehen und eine CD kaufen“ verloren gegangen. Dieses einmalige Gefühl, etwas physisch in den Händen zu halten, ist leider damit weg. Die Möglichkeit, es einmal seinen Kindern im wahrsten Sinne des Wortes weiterzugeben, gibt es virtuell dann auch nicht mehr.

Gil: Ich glaube aber, dass es diese richtigen Fans auf jeden Fall noch gibt da draußen, auch wenn CDs und Vinyl heutzutage vielleicht nicht mehr so beliebt sind, wie sie es einmal waren. Ich zum Beispiel liebe es, sowas wie ein Album in den Händen zu halten. Ich will die Band in ihrer vollen Pracht, mit allem Drum und Dran!

MusikBlog: Stichwort Album: In „Remember Roses“ geht es unter anderem auch um die Ängste beim Heranwachsen. Ist es nicht normalerweise so, dass man es kaum erwarten kann, erwachsen zu werden?

Yael: Also ich muss sagen, ich war ein Kind mit vielen Zweifeln. Ich war nie eines dieser Kinder, die aufgewachsen sind und machen konnten, was sie wollten…

Gil: Ich glaube, wir sind beide Menschen, die alles mit sehr viel Leidenschaft machen. Dazu gehört eben oft auch das Reflektieren.

Yael: Viele unserer Songs behandeln die Themen Kindheit und Erinnerungen.

MusikBlog: Viele andere Künstler hingegen thematisieren derzeit aber die aktuelle politische Weltlage.

Yael: Ganz ehrlich? Ich war noch nie so ein Politik-Girl! (lacht) Ich kenne schon die wichtigsten Ereignisse, aber wenn ich Musik mache, dann möchte ich mich auf meine Emotionen konzentrieren.

Gil: Ich auch. Als ich jünger war, da hat mich die Politik mehr interessiert. Aber jetzt muss ich sagen, dass ich es nicht an mich ranlassen möchte. Meine Musik ist für meine Seele, für meine Gedanken. Das passt beides gerade nicht so gut mit Politik zusammen. Deswegen haben wir uns dagegen entschieden.

Yael: Wir haben uns aber eigentlich auch nicht wirklich dagegen entschieden. Wir haben es einfach nicht gemacht.

Gil: Genau. Wir wollen uns selbst und anderen mit unserer Musik Momente ermöglichen, um die Realität zu vergessen. Wir wollen eine andere Welt bieten. Einfach gesagt: „Lebe den Moment!“

MusikBlog: …denn „In a million years it’ll all be over“, wie es in eurem Song „Sirens” heißt.

Yael: Ja! (lacht) Wenn man aber als Musikerin einen Song schreibt, dann ist dieser eine Wunsch so groß. Du willst, dass dein Song für immer lebt. In einer Millionen Jahren bin ich tot, aber mein Lied wird es noch immer geben. Wenn alles vorbei ist, dann ist trotzdem mein Song noch da. Meine Musik lebt im Endeffekt das, was ich möchte. Wer wünscht sich denn nicht, ewig zu leben?

MusikBlog: Scheint so, als würdest du durch deine Musik viel über dich verraten.

Yael: Aber damit mache ich mich natürlich auch verletzlich. Es ist etwas seltsam. Ich schreibe viel über meine Gefühle, wenn ich glücklich bin, aber auch wenn ich mal traurig bin. Wenn Gil und ich einen Song schreiben, haben wir meistens das Gefühl, dass es eine wirklich gute Möglichkeit ist, Dinge zu verarbeiten. Andere Menschen sind einfach nur traurig, wir machen Musik. Es ist unsere Art, mit Sachen umzugehen. Aber es stimmt, man gibt unglaublich viel über sich preis.

MusikBlog: Hilft es in traurigen Momenten manchmal, einfach zurückzugehen, „Going back to my hometown, the familiar road I know,“ wie im Song „Hometown”?

Gil: Auf jeden Fall! Du kannst deine Heimat einfach nicht vergessen. Man denkt immer an Zuhause, besonders in solchen Momenten.

Yael: Aber auch, wenn man gerade unterwegs ist und die Reise eigentlich Spaß macht. Die Heimatstadt ist einfach ein ruhiger Ort, an dem man immer zurückkehren kann. Auch wenn wir jetzt einen Monat auf Tour sind, was toll ist, sind wir dennoch weg von Freunden und Familie. Gerade dann ist es wichtig, immer im Kopf zu haben, dass man ein Zuhause hat, in dem man mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Ein Zuhause, zu dem man immer wieder zurück kann.

Gil: Es ist dein Zufluchtsort!

MusikBlog: Du sprichst schon ziemlich bildlich.

Gil: Ich glaube, Bild und Ton sind eng miteinander verbunden. Wenn Leute unsere Musik hören, dann hoffen wir schon, dass sie ein Bild vor Augen haben, vielleicht sogar das gleiche, das wir sehen.

Yael: Wir lassen uns allgemein viel von Filmen inspirieren.

MusikBlog: Wenn „Remember Roses“ dann ein Film wäre, welcher wäre es?

Gil: Wow, gute Frage! Auf jeden Fall ein sehr dynamischer! (lacht)

Yael: Oh, da gibt es diesen Film aus meiner Kindheit: „The Secret Garden“, erinnerst du dich, Gil?

Gil: Ja, natürlich kenne ich den Film noch!

Yael: Das war mein Lieblingsfilm! Es geht um ein Waisenmädchen, das zu seinem Onkel in ein riesiges Schloss zieht. Dort entdeckt sie einen geheimen Garten. Der Film ist mit viel Musik, Blumen und Farben gefüllt, aber auch etwas düster. Es gibt im Gegensatz dazu aber auch so viele optimistische Momente! Deswegen glaube ich, dass unser neues Album genau dieser Film wäre!

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

Facebook
Twitter

Schreibe einen Kommentar

Login