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The War On Drugs (Credit Dustin Condren)

Wir kratzen überall nur an der Oberfläche – The War On Drugs im Interview

Seit der Veröffentlichung des The War On Drugs-Debüts „Wagonwheel Blues“ im Jahr 2008 ist im Leben von Band-Chef Adam Granduciel viel passiert. Berufliche Highlights wechselten sich mit persönlichen Tiefschlägen ab: ein Wechselbad der Gefühle. Der Sänger und Songwriter litt in den vergangenen Jahren immer wieder unter Panikattacken und Depressionen.

Nur auf Tour kam Adam Granduciel zur Ruhe. Das strukturierte Dasein zwischen langen Busfahrten, Soundchecks, Promo-Terminen und allabendlichen Shows drängte die inneren Dämonen ins Abseits. Aber komplett vertreiben ließen sie sich nie. Mit dem vierten Studioalbum „A Deeper Understanding“ versucht Adam Granduciel nun, einen endgültigen Schlussstrich zu ziehen. Die Vergangenheit wird verarbeitet. Was zählt, ist der Blick nach vorne. Wir trafen uns mit Adam Granduciel zum Interview und sprachen über heilende Kunst, die Kraft der Zeit und das langsame Aufbauen einer funktionierenden Demokratie.

MusikBlog: Adam, viele Menschen leiden unter Arbeitsstress und daraus resultierenden Frust- und Tristesse-Zuständen. Bei dir hingegen fungiert die „Arbeit“ eher als Medizin. Wie erklärst du dir das?

Adam Granduciel: Ich arbeite gerne. Ich denke, das ist der Schlüssel. Meine Arbeit erfüllt mich. Sie gibt mir Kraft, fordert mich und hält mir immer wieder den Spiegel vor Augen.

MusikBlog: War das schon immer so?

Adam Granduciel: Nein. Auch ich war auf der Suche. Ich habe vor der Musik Kunst studiert. Danach habe ich Teppiche verkauft und im Kunstmuseum gearbeitet. Wenn man in die Arbeitswelt eintritt, geht es erstmal nur ums Geld. Man will seinen Lebensunterhalt bestreiten. Man hat noch nicht die Weitsicht, die es braucht, um einschätzen zu können, inwieweit die Arbeit mit den persönlichen Strukturen auf einer Ebene liegt. Das entwickelt sich erst mit der Zeit.

MusikBlog: Wann wurde dir klar, dass die Musik dein Ding ist?

Adam Granduciel: Das war ein Prozess. Es gab keinen bestimmten Moment. Ich würde sogar sagen, dass ich erst in den letzten Jahren so richtig verstanden habe, dass die Musik für mich mehr sein kann, als nur ein „Job“. Vor allem das strukturierte Leben auf Tour hat mir beim Weg aus dem Dunkel ins Licht geholfen.

MusikBlog: Da passt der Titel eures neuen Albums „A Deeper Understanding“ ja wie die Faust aufs Auge, oder?

Adam Granduciel: Absolut. Natürlich geht es dabei in erster Linie um mich und meine Entwicklung. Aber der Titel und die Texte auf dem Album sollen auch anderen Menschen etwas mit auf den Weg geben. Wir sollten uns alle ein bisschen mehr Zeit für alles nehmen. Der Partner, der Job, die Kinder, die Freunde: Wir kratzen überall nur an der Oberfläche. Um aber tiefer gehen zu können, müssen wir uns Zeit nehmen. Ich habe damit angefangen, mir für alles in meinem Leben etwas mehr Zeit zu nehmen. Und es fühlt sich großartig an. So entstand „A Deeper Understanding“.

MusikBlog: Musik als Therapie.

Adam Granduiciel: In meinem Fall hat das wunderbar funktioniert.

MusikBlog: Du bist von Philadelphia nach Los Angeles gezogen. Hat Philadelphia nicht mehr „funktioniert“?

Adam Granduciel: Philadelphia ist eine tolle Stadt. Ich bin auch immer noch gerne dort. Aber für mich war es irgendwann einfach an der Zeit, etwas Neues auszuprobieren. Ich brauchte dringend eine Luftveränderung.

MusikBlog: Los Angeles ist aber schon ein anderes Pflaster.

Adam Granduciel: Auf jeden Fall. Los Angeles ist bunt, hell und laut. Philadelphia versprüht seinen Charme eher durch die Hintertür. Aber ich fühle mich derzeit wohl. Und nur das ist wichtig.

MusikBlog: Wie sieht’s mit der Band aus? Auch hier standen Veränderungen an.

Adam Granduciel: Ja, das stimmt. Ich würde immer noch nicht von einem durchgehend demokratischen Gebilde reden. Ich bin immer noch derjenige, der am Ende des Tages das letzte Häkchen setzt. Aber mittlerweile sind alle in der Band in nahezu jeden Prozess involviert. Die Jungs schreiben an den Songs mit. So entstehen neue Dynamiken und das Spektrum wird größer. Das gefällt mir. Die neue Platte klingt wie ein richtiges Band-Projekt. Das war in der Vergangenheit nicht immer so.

MusikBlog: Manch einer hält dich für den neuen Bryan Adams. Ehrt dich das? Oder ziehst du da eher die Augenbrauen hoch?

Adam Granduciel: Bryan Adams hat tolle Songs geschrieben. Es gibt wahrlich schlimmere Vergleiche. (lacht) Meine Stimme hat schon ein ähnliches Timbre, keine Frage. Aber musikalisch gehen wir unseren eigenen Weg. Bruce Springsteen, Bob Dylan, Velvet Underground, Fleetwood Mac: Das sind meine Helden. Da saugt man natürlich viel auf. Man lässt sich inspirieren. Aber jeder Song klingt am Ende des Tages nach The War On Drugs. Ich möchte nicht nur kopieren. Ich will mit unserer Musik etwas Eigenständiges kreieren.

MusikBlog: Demnächst geht es wieder auf Tour. Deine Zeit?

Adam Granduciel: Absolut. Ich liebe es, live zu spielen. Ich liebe es, auf Tour zu gehen. Das ist die beste Zeit des Jahres. Auf Tour bin ich fokussiert und vollkommen eins mit meinem Schaffen. Ja, das ist meine Zeit.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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