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Jeder Sound ohne entscheidende Rolle wurde weggelassen – Torres im Interview

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Torres will tanzen. Wo auf den Vorgängeralben „Torres“ und „Sprinter“ in den zarten Momenten Folk und in den ruppigen Momenten Alternative-Rock die emotionalen Texte von Mackenzie Scott untermalte, regiert auf „Three Futures“ der Groove. Trotzdem kann man das dritte Album der Musikerin aus Nashville, Tennessee kaum als Tanzplatte bezeichnen, dafür sind die Krautrock-Beats zu abstrakt und die Arrangements der zehn Songs zu verschroben. Doch Torres will mit „Three Futures“ nicht nur Körper in Bewegung versetzen, sondern hat sich auch inhaltlich mit Körperlichkeit und dem Körper als Hülle des Bewusstseins auseinandergesetzt. Wir sprachen mit der 26-Jährigen über ihre neue Faszination für Rhythmen, die furchteinflößende Erforschung ihres Unterbewusstseins und Parallelen zwischen Architektur und Musik.

MusikBlog: Die Hälfte der Songs auf „Three Futures“ hast du um Beats geschrieben, die du zuvor am Drumcomputer erstellt hast. Wieso steht der Rhythmus auf deinem neuen Album im Zentrum der Kompositionen?

Torres: Während meiner Konzerte habe ich bemerkt, dass mir bei den Songs, die ich ohne Beat oder Rhythmusgruppe aufgenommen habe, die rhythmische Struktur fehlt. Dass sie live besser funktionieren, wenn mein Drummer mich begleitet. Ich wollte Spaß auf der Bühne haben, mich bewegen, tanzen. Und auch das Publikum reagiert ausgelassener auf Songs mit Beat. Deshalb sollte der Rhythmus das Herzstück dieser neuen Songs werden, sollte von Anfang an im Zentrum der Komposition stehen.

MusikBlog: Die Beats stehen auch deshalb im Zentrum, weil der Rest der Arrangements oft sehr minimalistisch bleibt, zum Beispiel hört man im Vergleich zu den beiden Vorgängern kaum noch Gitarren.

Torres: Ich spiele sogar mehr Gitarre als auf den Alben davor. Man kann sie nur nicht wirklich heraushören, weil sie kaum noch wie eine klassische E-Gitarre klingt. Ich habe den Gitarrensound durch so viele Pedale und Effektgeräte gejagt, bis er am Ende wie ein Synthesizer klingt. Und es gibt einen weiteren Grund, warum man denken könnte, dass ich auf diesem Album weniger Gitarre spiele. Ich verwende keine Powerchords mehr, schlage die Saiten nur noch selten an, bemühe mich um dezentere und feingliedrige Klänge. Das gilt nicht nur für die Gitarre, sondern auch für jedes andere Instrument auf „Three Futures“. Jeder Sound, der keine entscheidende Rolle für die Melodie oder die Struktur des Songs spielt, wurde weggelassen.

MusikBlog: Auf „Torres“ und auch „Sprinter“ hast du aber immer wieder die Freude am puren Krach zelebriert. Fiel es dir deshalb schwer, den Sound dieses Mal so zu reduzieren?

Torres: Nein, das war sogar ein sehr befreiendes Erlebnis.

MusikBlog: Ein wenig erinnert dieser Stil an deinen Song „Cowboy Guilt“, der den Sound von „Three Futures“ schon vorweggenommen hat. Hast du diesen Song auch um einen Groove herum geschrieben?

Torres: Ja, in gewisser Weise entstand „Cowboy Guilt“ sehr ähnlich wie die neuen Songs und klingt deshalb ganz anders als der Rest von „Sprinter“. Ich habe ihn nämlich um diese rhythmische Gitarrenhook herum geschrieben, die man im Verlauf des Songs ständig hört. Von dieser Hook war ich regelrecht besessen, sie spukte mir im Kopf rum, sobald ich abends im Bett lag, und sie war sofort wieder präsent, sobald ich aufgewacht bin. Bei „Three Futures“ war es sehr ähnlich. Sobald sich eine kleine Melodie oder Hook in meinem Hirn festgesetzt hat, habe ich sie in mein iPhone gesungen. Anschließend habe ich diese kleinen Ideen als Ausgangspunkt genommen und um sie herum die Struktur der Songs entwickelt. Häufig wusste ich da noch gar nicht, welches Instrument diese Melodie spielen soll. Passt das zur Gitarre, zum Moog-Synthesizer? Oder soll ich die Melodie lieber singen? Bei „Skim“ gibt es beispielsweise dieses Gitarrensolo, von dem ich bis zuletzt dachte, dass es eine Gesangsmelodie werden würde.

MusikBlog: Man hört auf „Three Futures“ auch einen Krautrock-Einfluss, der auf den Vorgängern nicht zu erkennen war. Kam dein Interesse für Krautrock mit deiner Faszination für repetitive Beats?

Torres: Ja, dafür sind aber auch meine Bandkollegen verantwortlich. Sie haben mir in den letzten Jahren Can und Kraftwerk nähergebracht, beide Bands haben meine Sichtweise auf Musik stark verändert. Neben Krautrock haben aber auch die beiden Genres Industrial und Disco mein Interesse für Rhythmen geweckt. Vor allem Disco, ich habe nämlich ABBA für mich entdeckt. (lacht)

MusikBlog: Inhaltlich handelt dein Album davon, den Körper als das größte Geschenk zu feiern. Steht auch deshalb der Rhythmus im Fokus, weil er direkt den Körper anspricht?

Torres: Ja, wie ich schon erwähnt habe, wollte ich mich auf der Bühne mehr bewegen. Und bei diesen neuen Songs passiert genau das, sie setzen kinetische Energie frei. Das Album handelt von Körperlichkeit und von Bewegung, deshalb soll auch die Musik Körper in Bewegung versetzen.

MusikBlog: Und was war zuerst da: Körperlichkeit als Thema oder der musikalische Fokus auf Rhythmen?

Torres: Das ist schwer zu sagen. Mein erster Gedanke war, dass sich beides unabhängig voneinander entwickelt hat und dann ganz natürlich zueinander fand. Aber wahrscheinlich hat zumindest unbewusst die Auseinandersetzung mit Körperlichkeit dazu geführt, dass ich beim Schreiben der Musik sehr auf Grooves fokussiert war.

MusikBlog: Ta-Nehisi Coates‘ biographisches Buch „Zwischen mir und der Welt“, das den institutionellen Rassismus und die Zerstörung schwarzer Körper in den USA anprangert, hat dich dazu inspiriert, über Körperlichkeit zu schreiben. Gab es eine Geschichte darin, die dich besonders bewegt hat?

Torres: Ta-Nehisi Coates erzählt zu Beginn mehrere Episoden aus seinem Leben, die ihm gezeigt haben, dass er als schwarzer Mann in den USA in jedem Moment seines Lebens damit rechnen muss, dass ihm sein Körper gewaltsam entrissen wird. Das hat mich zunächst unglaublich wütend gemacht, weil viele Afroamerikaner Tag für Tag mit diesem Gefühl leben müssen. Außerdem hat mir das auf brutale Art klar gemacht, was für ein großartiges Geschenk der Körper ist und dass von uns nichts mehr übrig bleibt, wenn dieser Körper zerstört wird. Viel zu oft sprechen wir von unserem Verstand und unserem Wissen, das ja zweifellos auch wichtig ist, aber manchmal kommt dabei unser Körper zu kurz.

MusikBlog: Diesen Dualismus von Körper und Geist löst du aber auf dem Album sowieso auf. Für dich ist der Geist Teil des Körpers, kann nicht losgelöst von ihm betrachtet werden.

Torres: Auf jeden Fall, dein Geist ist Teil deines Körpers – so wie ein Arm, ein Bein oder deine Organe. Er schwebt ja nicht fünf Meter neben deinem Körper in der Luft und könnte ohne den Körper auch nicht weiter existieren.

MusikBlog: Wenn du im Song „Skim“ die Zeile „There‘s no unlit corner of the room I‘m in“ singst, erkundest du damit die dir unbekannten Teile deines Verstandes?

Torres: Dazu haben mich vor allem meine Angstzustände inspiriert. Solche Panikattacken werden zwar meistens von einem äußerlichen Ereignis ausgelöst, der wahre Grund für diesen Zustand liegt aber in deinem Unterbewusstsein. Du bist dir nur nicht bewusst oder verdrängst es, dass diese dunklen Ecken in deinem Bewusstsein existieren. Statt mich von dieser Dunkelheit abschrecken zu lassen, habe ich für dieses Album versucht, diese Ecken mit Licht zu füllen, sie hell auszustrahlen, um sie anschließend erkunden zu können. Ich wollte alles, was mir Angst macht, ins Licht zerren, damit es keine Macht mehr über mich hat.

MusikBlog: Diese Expedition ins eigene Unterbewusstsein klingt furchteinflößend.

Torres: Absolut, vor allem, wenn du während dieser Expedition auf Pilzen bist. (lacht) Aber auch wenn es furchteinflößend ist, sollte man es trotzdem wagen. Ich bin lieber verängstigt als unwissend.

MusikBlog: Du vergleichst den Verstand auf dem Album immer wieder mit einem Wohnraum. Spielen deshalb die ersten Videos und auch das Artwork zu „Three Futures“ im gleichen Wohnzimmer?

Torres: Das ist nicht der einzige Grund, aber vor allem die Metapher des hellen, ausgeleuchteten Raums, die du eben zitiert hast, hat mich zu diesem visuellen Konzept inspiriert.

MusikBlog: Die Songs selbst wirken in ihrem strengen Aufbau beinahe architektonisch. War das ein weiterer Grund?

Torres: Ja. Ich interessiere mich sehr für Architektur, zumindest für die ästhetische Seite. Ich habe keinen Schimmer von der Wissenschaft dahinter, von Statik und so weiter. Aber ich habe neulich ein Zitat entdeckt, das das Verhältnis von Architektur und Musik beschreibt. Es lautet: Architektur ist eingefrorene Musik. Dieser Vergleich hat mir sofort eingeleuchtet, weil ich Musik immer auch als visuelle Struktur wahrnehme. Das Gitarrensolo aus „Skim“, von dem ich zu Beginn gesprochen habe, habe ich zum Beispiel als architektonische Figur aus Linien und Balken vor mir gesehen, als mir die Melodie einfiel.

MusikBlog: Neben dem Körper spielt auch die Zeit eine große Rolle auf „Three Futures“, etwa wenn es im Titelsong darum geht, wie eine Beziehung erinnert wird.

Torres: Kontrolle ist überhaupt ein großes Thema auf dem Album, doch gerade die Kontrolle über die Zeit gehört wohl zu den größten Wünschen der Menschheit. Und weil Menschen die Zeit nicht kontrollieren können, erinnern sie sich an die Vergangenheit so, wie sie sie gerne erlebt hätten. Das gibt ihnen zumindest eine gewisse Macht über ihre eigene Vergangenheit, weil sie ihre Geschichte romantisieren, verklären oder schlicht umdichten können. Es geht auf dem Album viel um diesen Versuch, Einfluss auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu nehmen.

MusikBlog: Schreibst du deshalb Songtexte, weil du damit die Macht hast, das in der Vergangenheit Erlebte aus deiner Sicht zu erzählen?

Torres: Ja, aber ich war dieses Mal auch sehr vorsichtig, weil ich auf diesem Album nicht die Protagonistin meiner Songs sein wollte. Ich wollte eher eine Beobachterin sein und nicht das Zentrum jedes Songs. Wenn ich als Autorin auch die Protagonistin des Songs bin, bin ich womöglich zu sehr damit beschäftigt, mich als moralische Siegerin darzustellen.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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