Für diese Website registrieren

4 × 5 =

Mit der Registrierung stimmst du den MusikBlog Nutzungsbedingungen zu.

Bitte gib deine E-Mail-Adresse hier ein. Du bekommst eine E-Mail zugesandt, mit deren Hilfe du ein neues Passwort erstellen kannst.

Entdecke neue Musik

Empfiehl deinen Freunden neue Alben oder Konzerte deiner Lieblingskünstler, erstelle deine persönlichen Album-Charts oder gewinne Konzertkarten und mehr bei unseren Gewinnspielen.

Wir sind keine Parolenband – Kettcar im Interview

Registriere dich, um es deinen Charts hinzuzufügen oder deinen Freunden zu empfehlen.

Fünf Jahre nach dem vierten Album wirkt die neue Kettcar-Platte „Ich vs. Wir“ nicht nur beschleunigt, sondern auch viel politischer. Damit findet Songwriter Marcus Wiebusch einen gewohnt lyrischen, oft aber auch beherzten Ausdruck für die Verhältnisse da draußen. Wiebusch kommt ja aus dem Punkrock, ging in den Befindlichkeits-Pop und findet sich nach einem Solo-Ausflug nun mit seiner alten Band Kettcar in der Mitte wieder. Ein Gespräch mit dem 49-jährigen Heidelberger über die Wiederbelebung von Kettcar, wie man Fuck AfD sagt, ohne es rauszubrüllen, und was Pop zu Literatur macht.

MusikBlog: Das neue Kettcar-Album heißt „Ich vs. Wir“ – wer genau ist wer dabei?

Marcus: „Ich“ ist das Individuum und „Wir“ sind die Gemeinschaft.

MusikBlog: Das ist also nicht autobiografisch gemeint, von dir oder der Band?

Marcus: Überhaupt nicht. Der Titel basiert auf dem Song „Wagenburg“, wo das Ich und das Wir in verschiedenster Konstellation gegeneinander krachen, da spielen wir mit Ambivalenzen. „Wir sind das Volk“ meint ja – Stichwort Pegida – am Ende „Ich bin das Volk“, das ist eine Ansammlung von Egoisten, die alles für sich wollen und sich dafür unter einem völkischem Begriff sammeln. Da mündet alles in die urpolitische Frage: Mit wem will man eigentlich noch was zu tun haben, um ein lebenswertes Miteinander hinzukriegen? Das geht über uns als einzelne Teile der Band Kettcar weit hinaus.

MusikBlog: Auch nostalgische Erinnerungen wie „Benzin und Kartoffelchips“ entspringen also vollständig der Fantasie?

Marcus: Genau, bis auf „Den Revolver entsichern“, wo ich meinen Kindern ganz am Schluss kurz erkläre, was ein guter Mensch ist, ist alles ausgedacht.

MusikBlog: Findet denn der Schlüsselsong „Sommer 89“, in dem Parallelen zwischen Flucht aus dem Osten damals und Flucht nach Deutschland heute gezogen werde, wenigstens nachrichtliche Bezugspunkte in der Realität?

Marcus: Das schon. Da bin ich über das reale Ereignis eines Fluchthelfers vor 28 Jahren an der deutsch-ungarischen Grenze gestoßen, von dem die Süddeutsche Zeitung mal berichtet hat. Wobei es ja genau der Clou des Stückes ist, von der aktuellen Flüchtlingssituation zu singen, ohne sie auch nur mit einem Wort zu erwähnen.

MusikBlog: Wobei erzählen besser passen würde als singen.

Marcus: Stimmt. Am Anfang hatten wir da einen ganz normalen Pongsong mit Reimschema im Kopf, aber mit der Zeit hat sich das Erzählerische ergeben, bei dem man bis hin zu einer Art Romanstruktur unfassbar frei ist in den Formulierungen, aber auch in der Beschreibung der Umstände. Wenn man jeden Grashalm beschreibt, werden die Leute beim Hören viel tiefer in den Song hineingezogen. Über eine Geschichte lässt sich mein Anliegen, das Politische viel besser transportieren. Juli Zeh hat über „Sommer 89“ gesagt, er sei wie gute Literatur – die am Ende ja mehr Fragen als Antworten bietet. Eine davon wäre, ob es nicht grundsätzlich ein zutiefst menschlicher Akt ist, Menschen über Zäune zu helfen.

MusikBlog: Zumal die andere Seite des Zauns keinesfalls das Paradies ist; du zählst ja neben allem, was die Flüchtlinge dort Gutes erwartet, auch das Schlechte auf…

Marcus: So wie die Menschen 1989 Immobilien ohne Wert und Hartz4 gekriegt haben, gab es eben auch Kiwis und Wahlrecht. Und heute kommen Flüchtlinge nicht nur für Essen und Obdach, sondern Recht und Ordnung. Man kann an diesem Land viel rumhaten, aber das Grundgesetz ist so schlecht nicht, sofern man es wörtlich nimmt. Es geht um Ambivalenz, das funktioniert viel besser als „Fuck AfD“ zu brüllen.

MusikBlog: Aber ihr kommt doch seit jeher eher über die Poesie als Parolen?

Marcus: Wir sind keine Parolenband, kommen aber diesmal mehr denn je übers Storytelling.

MusikBlog: Meinst du denn, damit sind Menschen jenseits eurer Filterblase zu beeindrucken?

Marcus: Da unsere Popularität bis ins Mainstreampublikum reicht, glaube ich schon. Da werden viele zum ersten Mal mit solchen Gedanken konfrontiert. So gesehen spricht der Song nicht nur meine Leute an, schon weil Jan Böhmermann den millionenfach geteilt hat. Ich singe nicht nur für Eingeweihte.

MusikBlog: Mit dem Ziel, den Leuten – auch als studierter Pädogoge – was unterzujubeln?

Marcus: Unterjubeln nicht, aber ich sehe meine Aufgabe schon auch darin, übers Entertainment Inhalte unter meinen Bedingungen zu vermitteln. Ob ich dabei einen AfD-Wähler vom Gegenteil überzeuge, ist dabei fast ein bisschen egal; mir ist wichtig, eine Haltung, von der ich zutiefst überzeugt bin, kraftvoll zu Gehör zu bringen.

MusikBlog: Ist das nicht ein avantgardistischer Ansatz?

Marcus: Inwiefern avantgardistisch?

MusikBlog: Eine erhabene Position, leicht über dem Erkenntnisstand der breiten Masse?

Marcus: Wenn das die Erhabenheit von The Clash, Dead Kennedys, Rage Against The Machine oder Blumfeld ist, womöglich schon. Ich mache politische Haltung ja nicht als erster zu Musik und wurde in meiner diffusen Sichtweise einst selbst von solchen Bands beeinflusst. Wenn mir das mit heute mit anderen gelänge, wäre das echt schön.

MusikBlog: Seid ihr so gesehen zuletzt politischer geworden?

Marcus: Ja, klar.

MusikBlog: War das die logische Folge der Umstände oder eine bewussten Entscheidung?

Marcus: Das lässt sich schwer differenzieren, aber unser letztes Album von 2012 war emotional ein solcher Tiefpunkt, dass ich erst mal was allein machen musste. Das Solo-Album wurde dann als eher politisch wahrgenommen, was sich als Band jetzt fortsetzt. Wir merken ja, was in diesem Land los ist; da haben gefühlige Texte schlicht nix verloren. Wir wollen keinen Selbstvergewisserungs-Hip-Hop machen, der scheinbar gerade alles andere platt macht. Die Leute sollen merken, dass wir uns der Realität stellen. Und diese Gewissheit wurde mit jedem demokratisch legitimierten Schwachsinn von Trump bis Erdogan, von Brexit bis AfD größer.

MusikBlog: Sind Zeiten des Rechtsrucks für einen linken Liedermacher daher gute?

Marcus: Klingt zynisch, ist aber so. Als wir 2002 sehr befindlichkeitsorientierte Lieder gemacht hatten, mag zwar auch schon vieles Scheiße gewesen sein, aber ich habe das da noch nicht so gefühlt. Zumal ich da gerade aus dem sehr politischen Punkrock kam.

MusikBlog: Mit But Alive.

Marcus: Das, was Kettcar jetzt macht, ist gerade ein Stück weit alternativlos, aber damals wollte ich echt mal was völlig anderes machen, so wie wir in fünf Jahren vielleicht auch wieder was anderes machen wollen.

MusikBlog: Drückt sich diese Rückbesinnung auf den Punk auch musikalisch aus?

Marcus: Klar, wir sind schneller, robuster, energetischer. Anfangs hatten wir tatsächlich nur Bretter, bis unser Produzent gesagt hat, ey können wir mal kurz weg vom ganzen Geballer? Deshalb ist zum Schluss ein ruhiger Song wie „Das Gegenteil der Angst“ dazugekommen.

MusikBlog: Um richtig ruppig zu werden, ist allerdings deine Stimme nicht die richtige oder?

Marcus: Mein Gesang transportiert nie diese Grundwut eines Zack de la Rocha. Weil ich bei But Alive krass geshoutet habe, musste ich 1999 ja eine Stimmbandoperation über mich ergehen lassen. Seitdem singe ich anders.

MusikBlog: Kettcar ist das Ergebnis einer ärztlichen Verordnung?

Marcus: Nein, nein, nein. Ich habe das, was vorher in mir war, einfach nicht mehr gefühlt und wollte ruhigere Musik machen. Auch auf der letzten But Alive singe ich schon weicher.

MusikBlog: Ist denn trotzdem noch genügend Wut in dir über die Verhältnisse?

Marcus: Schon, aber das ästhetische Konzept jenseits des Punks kickt uns nicht mehr. Wir lieben Popsongs – auch wegen der Möglichkeit, Leute zu erreichen, die du nicht erreichst, wenn du im Sinne von preaching-to-the-already-converted nur für die eigene Blase ballerst. Mit so einem lieblich klingenden Stück wie „Mannschaftsaufstellung“ erreichst du da viel mehr, da sind wir musikalisch sanft, aber textlich klar. Kettcar 2017 ist anders als Kettcar 2002, aber auch als Marcus Wiebusch solo vor drei Jahren.

MusikBlog: Nimmst du seither weniger Einfluss auf die Band als früher?

Marcus: Definitiv, wir gehen viel kommunikativer an Sachen ran als früher, wo ich mehr oder weniger alle Songs allein gestemmt hab. Mittlerweile kommt viel mehr von den anderen, auch weil wir sehr konkrete Gespräche hatten, welchen Boden wir jetzt beackern wollen. Das ist eine ganz andere Band – schon weil die anderen mit ihren Möglichkeiten aufgeholt haben, um ihre Kreativität besser einzubringen. Da hätte ich auch früher schon nichts gegen gehabt, aber es kam halt weniger. Ich bin ein Teamplayer, den Austausch möchte ich nicht mehr missen.

MusikBlog: Also erst mal Band statt solo?

Marcus: Das möchte ich hier und heute bezeugen.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

Registriere dich, um es deinen Charts hinzuzufügen oder deinen Freunden zu empfehlen.