Dominique Dillon de Byington alias Dillon ist eine Künstlerin, die sich viele Gedanken macht. Das Leben, die Liebe, die Musik: Das Dasein der gebürtigen Brasilianerin mit Wohnsitz in Berlin ist geprägt von emotionalen Achterbahnfahrten, die am Ende des Tages in zerbrechliche, musikalische Formen gegossen werden. Mit ihrem neuen, mittlerweile dritten Studioalbum „Kind“ wagt sich Dillon nun erstmals in hellere Gefilde. Wir trafen uns mit der Songwriterin in Berlin zum Interview und sprachen über Lampenfieber, leidfreies Arbeiten und die „Familie“.
MusikBlog: Dillon, vor vier Wochen standest du auf der Bühne der Elbphilharmonie. Es hieß, du seist unfassbar nervös gewesen. Lag es an der imposanten Location? Oder gehörst du generell zu den Künstlern, die sich vor einem Konzert mit Lampenfieber rumplagen müssen?
Dillon: Ich hatte früher eigentlich nie Lampenfieber. Ich musste mich aber mit anderen Nervenzusammenbrüchen auseinandersetzen. Mit der Zeit sind die Panikattacken weniger geworden. Dafür kam aber plötzlich das Lampenfieber zum Vorschein. Ehrlich gesagt, habe ich das aber als einen sehr lohnenswerten Tausch empfunden. In der Elbphilharmonie kam noch erschwerend hinzu, dass ich an diesem Abend das komplette neue Album im Gepäck hatte. Das hat mich zusätzlich nervös gemacht.
MusikBlog: Apropos neues Album: „Kind“ klingt für deine Verhältnisse unheimlich positiv. Wie kam es zu dem Wandel?
Dillon: Das Album wurde während einer Zeit geschrieben und produziert, die ich als wahnsinnig unbeschwert empfunden habe. Das war eine völlig neue Erfahrung für mich. Für „The Unknown“ habe ich mich seinerzeit total zerrissen. Das Album war eine Tortur für mich. Diesmal musste ich nicht leiden. Ich habe mich einfach hingesetzt und geschrieben. Und irgendwie ging es am Ende immer um die Liebe. Das war für mich eine totale Erleichterung. Ich dachte ja immer, ich komme aus der Dunkelheit nicht mehr raus. Jetzt habe ich dieses Album, das mir mein ganzes Leben lang verdeutlichen wird, dass es auch anders geht.
MusikBlog: Die dunkle Vergangenheit klebt dir aber live weiterhin an den Fersen, wenn du ältere Songs performst. Belastet das nicht?
Dillon: Wenn ich ein Konzert gebe, bin ich im Anschluss natürlich total leer. Aber diese Songs gehören zu meinem Leben einfach dazu. Ich habe keine Furcht davor, zu sagen, wie es mir geht, wie es mir ging, was ich fühle und was mich bewegt. Das bin ja ich. Das sind meine Gedanken und meine Gefühle. Und natürlich ist das nicht immer ein Spaziergang. Es ist nicht einfach, in meinem Kopf zu sein.
MusikBlog: Du hast für das neue Album auch erstmals einen Song in deiner Muttersprache aufgenommen („Te Procuro“). Deine bis dato größte musikalische Herausforderung?
Dillon: Nein, absolut nicht. Es ist einfach passiert. Ich mache mir vorher keine Gedanken darüber. Wenn ich einen Song schreibe, dann steckt da kein vorgefertigtes Konzept dahinter. Es kommt einfach aus mir raus.
MusikBlog: Du hattest diesmal drei Männer an deiner Seite, von denen einer – Tamer Fahri Özgönenc – kein Unbekannter ist. Die anderen beiden Produzenten, Nicholas Arthur Weiss und der Schweizer Samuel Savenberg hingegen sind neu an Bord. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Dillon: Ich war diesmal in der Lage, mich innerhalb des Arbeitsprozesses weiteren Menschen zu öffnen. Und Nicholas und Samuel sind halt unglaublich gute Produzenten, mit denen ich mich auch menschlich super verstehe. Mir war es diesmal auch wichtig, in Berlin arbeiten zu können. Das war in dieser Konstellation möglich. Ich habe gearbeitet und bin dann abends einfach nach Hause gefahren.
MusikBlog: Neben Tamer, Nicholas und Samuel gab es auch noch einen vierten Mann im Bunde. Die Rede ist von Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow, der während des Titeltracks als Gast-Sänger in Erscheinung tritt. Ich habe letztens den Satz von dir gelesen: „Dirk ist für mich Familie in Berlin“. Beziehst du dich da auf die musikalische Ebene? Oder geht es noch tiefer?
Dillon: Dirk ist nicht mein Künstlerfreund. Dirk gehört für mich zu meiner Familie dazu. Wenn es bei mir um Musik geht, habe ich eigentlich grundsätzlich immer nur Leute um mich herum, die ich kenne, und die ich in mein Familienbild mit einschließe. In meinem Alltag gibt’s da auch keine Trennung. Mal abgesehen von Menschen, denen ich Interviews gebe, oder den Leuten, vor denen ich spiele, umgebe ich mich in meinem Alltag eigentlich nur mit Verwandten und Freunden. Eigentlich kenne ich fast niemanden. (lacht) Ich bin in keiner Szene drin und man trifft mich auch nicht auf Partys oder Events. Das bin nicht ich.
MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.
