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Wir klangen noch nie so direkt – Young Fathers im Interview

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Auch wenn es schwierig ist, den Sound der Young Fathers in Worte zu fassen, ein Wörtchen kam dabei bislang garantiert nie vor: „normal“. Zu eigen und einzigartig klang das Trio aus Edinburgh mit seinem musikalischen Allerlei aus Gesang und Rap, aus tribalistischen Rhythmen und Lo-Fi-Noise, aus Soul, Indie und Krautrock. Doch gerade deshalb haben sich Alloysious Massaquoi, Kayus Bankole und Graham ‚G‘ Hastings für den Nachfolger von „White Men Are Black Men Too“ vorgenommen, einfach mal ein normales Album aufzunehmen.

Beinahe wäre ihnen dies mit „Cocoa Sugar“ sogar gelungen, beinahe wäre beispielsweise „Lord“ eine geradlinige Pianoballade geworden. Doch zum Glück bleiben Young Fathers Young Fathers und so sprengt ein penetranter Brummton die sakrale Stimmung der Single. Und auch mit den elf übrigen Songs scheitert die Band an ihrer eigenen Vorgabe, auch wenn „Cocoa Sugar“ zweifellos geradliniger, aufgeräumter und leichter zugänglich ist als der drei Jahre alte Vorgänger. Wir fragten bei Sänger/Rapper Alloysious Massaquoi nach, warum Young Fathers sich im Studio selbst mit solchen Vorgaben fordern, warum sie nach vier Releases in fünf Jahren reif für eine Auszeit waren und weshalb sie eindeutige Aussagen in ihren Texten vermeiden.

MusikBlog: In den ersten fünf Jahren als Young Fathers habt ihr ein beeindruckendes Tempo vorgelegt und in jedem Jahr ein Mixtape oder ein Album veröffentlicht. War es höchste Zeit, endlich einen Gang runter zu schalten?

Alloysious Massaquoi: Wir hatten uns auf jeden Fall eine Auszeit verdient, konnten endlich relaxen, nachdem wir fünf Jahre ständig auf Tour waren. Auch unser Label übte keinen Druck auf uns aus, um uns schnell wieder ins Studio zu kriegen. Also haben wir uns den schönen Dingen des Lebens gewidmet, uns mit Freunden und Familie getroffen und all die kleinen alltäglichen Dinge gemacht, für die im Bandalltag keine Zeit bleibt.

Unser Tempo zu Beginn war übrigens noch irrsinniger, als es klingt. Wir hätten die ersten beiden Mixtapes und „Dead“ noch viel schneller raushauen können und hätten das wahrscheinlich auch getan, wenn uns Anticon nicht unter Vertrag genommen hätte. „Tape One“ haben wir Ende 2011 aufgenommen, zwei Wochen später saßen wir schon an „Tape Two“, wieder einen Monat später hatten wir bereits mit der Arbeit an unserem Debütalbum begonnen.

Aber als wir wenige Wochen nach dem ersten Tape einen Song von „Tape Two“ veröffentlicht haben, bremste uns Anticon. Sie wollten erst „Tape One“ noch einmal offiziell veröffentlichen, deshalb warteten wir mit dem Release von „Tape Two“. Natürlich möchte man Musik sofort raushauen, sobald sie fertig ist. Dennoch war es ein guter Ratschlag unseres Labels, weil wir den Leuten ja auch die Chance geben mussten, unsere Musik in Ruhe zu hören, sie wären womöglich gar nicht hinterher gekommen.

MusikBlog: Ist es euch nach der ersten längeren Pause schwer gefallen, wieder gemeinsam an Musik zu arbeiten?

Alloysious Massaquoi: Ganz im Gegenteil. Wenn eines unserer Alben bisher zwölf Songs umfasste, dann haben wir vorab auch nur genau diese zwölf Songs aufgenommen. Wir hatten nie überschüssiges Material. Dieses Mal hatte sich aber offensichtlich viel angestaut, das dann in einem großen Rutsch rausschoss.  Wir haben aufgenommen, aufgenommen, aufgenommen – am Ende hatten wir fast 40 Songs. Dadurch mussten wir viel aussortieren und uns anschließend auf eine Reihenfolge der Songs einigen. Die ist enorm wichtig, weil ein bestimmter Song nur an einer bestimmten Stelle des Albums funktioniert und weil die Dramaturgie des Albums nur dann gewährleistet ist, wenn alle Teile an der richtigen Stelle sitzen.

MusikBlog: Bei „Cocoa Sugar“ ist mir aufgefallen, dass die zweite Hälfte mit Songs wie „Wow“, „Wire“ und „Toy“ viel energischer und extrovertierter daherkommt. Gelten für ein Album die gleichen Regeln wie für ein Konzert, wo man sich solche Songs auch fürs Finale aufhebt?

Alloysious Massaquoi: Es gibt auf jeden Fall einige Parallelen zwischen Konzert und Album, weil man sich bei beidem Gedanken über die Dramaturgie und Dynamik machen sollte. Aber es geht nicht einfach nur darum, die energischen Songs zuletzt zu spielen. Häufig ergeben sich zwischen einem ruhigen und einem lauten Song oder zwischen einem düsteren und einem fröhlicheren Song interessante Spannungen, wenn man sie direkt hintereinander spielt.

Natürlich gibt es nie nur eine richtige Lösung und auch innerhalb der Band gibt es verschiedene Meinungen, in welcher Reihenfolge wir die Songs des Albums am besten in Szene setzen können. Dennoch haben wir bei „Cocoa Sugar“ einen Kompromiss gefunden, bei dem wir uns einig sind, dass das Album so als Gefüge funktioniert.

MusikBlog: Ihr habt euch während der Arbeit an „Cocoa Sugar“ die Aufgabe gestellt, „normaler“ zu klingen. Aber was heißt denn „normal“?

Alloysious Massaquoi: Das ist die Frage. Wir wissen auf jeden Fall, dass wir als Band ziemlich seltsam und einzigartig klingen. Jedenfalls nie normal. Die Herausforderung war nun, unsere einzigartige Weirdness in konventionelle Formen zu pressen. Wir erreichten das, in dem wir als Grundstruktur eines Songs eine lineare Form wählten, aber vor allem in dem wir ganz viele Sounds wegließen, bis wir zur Essenz jedes Songs vorgedrungen sind. Deshalb klangen wir noch nie so direkt wie auf „Cocoa Sugar“.

MusikBlog: Auch bei den Aufnahmen zu „Tape One“ habt ihr euch selbst eine Regel auferlegt, nach der ihr jeden Song an einem Tag fertigstellen musstet. Braucht ihr solche Herausforderungen, um kreativ zu sein?

Alloysious Massaquoi: Sie helfen dir dabei, dich aus deiner kreativen Komfortzone zu locken. Das funktioniert jedoch nur, wenn sie die Arbeit für dich aufregender machen. Wenn dich eine Regel zu sehr einschränkt, hilft sie dir natürlich nicht mit deiner Kreativität. Wir haben alle drei eine recht kurze Aufmerksamkeitsspanne, wir verlieren schnell das Interesse an Dingen, wenn sie sich wiederholen. Deshalb nutzen wir solche Herausforderungen, um für Abwechslung zu sorgen. Wenn alle deine Band immer nur als schräg und musikalisch anspruchsvoll bezeichnen, wird das irgendwann langweilig. Welche größere Herausforderung könnte es für eine solche Band geben, als plötzlich normal zu klingen?

MusikBlog: War dieser aufgeräumte Sound auf „Cocoa Sugar“ der logische nächste Schritt, nachdem ihr auf dem chaotischen „White Men Are Black Men Too“ wie eine Kraut- oder Indierockband geklungen habt?

Alloysious Massaquoi: Auf jeden Fall war in den Songs von „White Men Are Black Men Too“ viel mehr los, im Hintergrund tummelten sich stets viele Sounds, es klang wie eine Live-Aufnahme oder ein Album einer Indieband. Insofern war es ein logischer Schritt, auf diesem Album all das wegzulassen, um sich nicht zu wiederholen. Dass es ein logischer Schritt war, heißt jedoch nicht, dass er uns leicht fiel oder immer angenehm war. Schließlich sind wir drei Musiker mit sehr unterschiedlichen Ideen und je mehr man bei einem Song weglässt, desto weniger Ideen kann man unterbringen.

MusikBlog: War es auch deshalb ungewohnt, weil der Gesang viel mehr im Vordergrund steht, sobald man den Lärm im Hintergrund weglässt?

Alloysious Massaquoi: Auf jeden Fall fühlst du dich zunächst nackt und bloßgestellt, wenn so viele Soundschichten um deine Stimme herum plötzlich wegfallen. Die größte Herausforderung war aber, dass wir ständig innehalten, uns das bisher erarbeitete Material noch einmal anhören mussten und dann alles weggestrichen haben, was überflüssig war. Ständig den kreativen Prozess unterbrechen, wieder neu anfangen, wieder unterbrechen…das hat uns zu Beginn sehr zu schaffen gemacht. Denn wie ich bereits erklärt habe, arbeiten wir gewöhnlich sehr schnell, vertrauen meist dem ersten oder zweiten Take und mögen es eigentlich nicht, zu lange an einem Song zu schrauben.

MusikBlog: „Cocoa Sugar“ klingt aber nicht nur aufgeräumter, sondern auch introvertierter als das sehr lebhafte „White Men Are Black Men Too“. Sind auch die Texte introvertierter als auf dem politischen und gesellschaftskritischen Vorgänger?

Alloysious Massaquoi: Sicherlich gab es auf dem Vorgänger explizitere Kommentare zu politischen oder gesellschaftlichen Themen, aber auch introspektive Momente. Dennoch schreibt man natürlich zu lebhaften Songs eher aufrührerische Texte und zu ruhigen Songs eher nachdenkliche, selbstreflexive Texte. Und „Cocoa Sugar“ ist auf jeden Fall weniger lebhaft als „White Men Are Black Men Too“.

MusikBlog: Eure Texte stellen immer wieder Konzepte von Identität, race und Herkunft infrage, am deutlichsten bereits im Titel des letzten Albums und dem Song „Old Rock N Roll“. Sind diese Themen sind in den drei Jahren seit „White Men Are Black Men Too“ durch nationalistische Strömungen in Europa, Brexit oder Trump noch aktueller geworden?

Alloysious Massaquoi: Zumindest treten sie in den letzten Jahren deutlicher hervor, sind jetzt für alle sichtbar. Aber im Kern sind das dieselben Probleme, mit denen die Menschheit seit Jahrhunderten kämpft. All diese Probleme wie Rassismus, Nationalismus oder Fremdenfeindlichkeit brodelten unter der Oberfläche, wurden aber nie ausreichend thematisiert und diskutiert, weshalb sie nun überall in Europa und dem Rest der Welt zu Konflikten führen. Man kann diese Konflikte nur mit Kommunikation lösen. Es muss immer darum gehen, verschiedene Perspektiven zu hören und dann zu versuchen, diese Perspektiven auf ein Thema auch nachzuvollziehen. Warum beschwert er sich, es geht ihm doch gut? Das heißt nicht, dass man jede Meinung teilen muss, sondern dass man versteht, wie diese Meinung entstehen konnte. Nur so kann man verhindern, dass die Gräben zwischen den einzelnen Positionen noch tiefer werden.

MusikBlog: Ist das womöglich der kleine Hoffnungsschimmer zwischen all diesen erschreckenden Entwicklungen: dass Menschen häufiger über Kategorien wie Nationalität, Herkunft, race oder Gender diskutieren und diese in Frage stellen?

Alloysious Massaquoi: Auf jeden Fall. Zumindest hofft man, dass diese Diskussionen etwas verändern.

MusikBlog: Scheut ihr deshalb in euren Texten meist eindeutige Aussagen, weil ihr eher einen Dialog anregen wollt?

Alloysious Massaquoi: Sobald wir einen Song veröffentlichen, entwickelt dieser ein Eigenleben. Wir haben dann keinen Einfluss mehr darauf, wie unsere Worte verstanden und interpretiert werden. Die Möglichkeiten einer eindeutigen Aussage in einem Song sind also sowieso begrenzt. Aber es stimmt natürlich, dass viele unserer Lyrics eine Mehrdeutigkeit auszeichnet, die verschiedene Lesarten von Anfang an provoziert. Häufig sind Menschen darüber schockiert, wenn beispielsweise eine Studie zeigt, dass verschiedene Menschen dasselbe Bild komplett unterschiedlich wahrnehmen. Aber mir hat diese Vorstellung immer gefallen, für mich geht es bei Young Fathers genau darum: dass jeder Hörer eine andere Vorstellung hat, dass jeder unsere Songs anders wahrnimmt und interpretiert.

MusikBlog: Und findest du es spannend, von Hörern deren Interpretation deines Songs zu hören?

Alloysious Massaquoi: Auf jeden Fall, es ist immer spannend, wie unterschiedlich diese Wahrnehmungen sind. Außerdem können wir so selbst noch etwas Neues über unsere eigene Musik erfahren. Denn nur weil wir beim Schreiben des Songs nicht daran gedacht haben, heißt das ja nicht, dass der Song nicht davon handelt. Sobald wenigstens ein Hörer ihn so versteht, ist das eine mögliche Bedeutung des Songs. Jede dieser Sichtweisen, jede dieser Perspektiven hat ihre Berechtigung. Auch innerhalb der Band gibt es natürlich häufig unterschiedliche Lesarten. Kayus (Bankole, Bandkollege – d. Red.) empfindet unser neues Album als düster, ich nicht so sehr. Trotzdem haben wir beide Recht.

MusikBlog: Auch den Albumtitel kann man ja so interpretieren, dass hier zwei Perspektiven – hell und dunkel, Kakao und Zucker – aufeinander treffen.

Alloysious Massaquoi: Genau, dunkel und hell, bitter und süß. Diese Gegensätze dominieren auch die Stimmung des Albums, wenn sehr bedrohliche und düstere Momente auf optimistische und aufbauende Momente treffen. Auch das Bild auf dem Albumcover zeichnet sich durch diese Ambivalenz aus. Einerseits ist es ein sehr klares, ikonisches Bild, andererseits passt auf den zweiten Blick nichts zusammen. Die Augen sind verdreht, der Mund sowieso, auch der Cowboyhut passt nicht wirklich ins Arrangement. Auf einmal wirkt das Bild, das eben noch klar schien, verdreht und unheimlich.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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